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Zölibat und Missbrauch in der Kirche

Kirchanschörings Pfarrer redet Klartext: „Ich kann dem Herrgott doch nicht einfach fremdgehen“

Ludwig Westermeier zelebriert die Feierlichkeiten von Allerheiligen im Jahr 2020.
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Ludwig Westermeier zelebriert die Feierlichkeiten von Allerheiligen im Jahr 2020.

Vor dem Hintergrund neuer Missbrauchsfälle stapeln sich auch im Landkreis Traunstein die Formulare für den Austritt aus der katholischen Kirche. Kirchanschörings Pfarrer Westermeier nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Er selbst wohnt in einer WG mit vier Jugendlichen. Und er gibt zu, dass Frauen einen Reiz auf ihn ausüben. Der Missbrauch an Kindern sei ein Problem an mehreren Orten. Und viele Männer könnten sehr gute Pädagogen sein.

Richtigstellung der Redaktion

In einer früheren Version dieses Artikels war Pfarrer Ludwig Westermeier falsch zitiert worden, dass „Frauen oft ebenfalls für Missbrauch verantwortlich sind“. Diese Aussage stammt nicht von ihm und er widerspricht dieser Aussage entschieden. Zudem ist der emeritierte Papst Benedikt XVI. nach aktuellem Stand der Ermittlungen im Missbrauchs-Gutachten der katholischen Kirchenicht der Lüge überführt worden“, so Westermeier.

Kirchanschöring - Am Zölibat - dem Gelübde der Ehelosigkeit - liegt es nicht, dass der Missbrauch so ein massives Problem in der katholischen Kirche ist, glaubt Pfarrer Ludwig Westermeier: „Der Missbrauch, der in der Kirche aufgedeckt wurde, ist schrecklich. Aber die Veranlagung der Pädophilie zieht sich leider durch alle Gesellschaftsbereiche“.

Damit vertritt er eine andere Meinung als der Bruckmühler Pastoralreferent Markus Brunnhuber, der eine Aufhebung des Zölibats fordert.

Kirchanschörings Gemeindepfarrer Westermeier hält Schulungen, um Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt bzw. sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen zu leisten - für Ehren- und Hauptamtliche in Kindergärten und Pfarrgemeinden.

Metzgergeselle ging ins Priesterseminar in Waldram

Ludwig Westermeier (43) stammt aus Tacherting (Kreis Traunstein). Er ging direkt nach seiner Metzgerlehre ins Spätberufenenseminar Sankt Matthias in Waldram.

Der groß gewachsene, stämmige Mann betreut im Pfarrverband Kirchanschöring - mit Fridolfing, Petting und Kirchstein - im Erzbistum München & Freising auf 110 Quadratkilometern Fläche circa 8.000 Katholiken.

Als Seelsorger ist er auch im Jugendarrest Lebenau - eine Justizvollzugsanstalt (JVA) zwischen Laufen und Kirchanschöring - tätig. Dort leben im Schnitt 300 Jugendliche.

Westermeier hat mehrere Geschwister und „Onkels und Tanten, die kaum älter sind als ich“. Denn er war das erste Kind der ältesten Tochter seiner Großeltern.

Die Priesterbesoldung stammt aus den Erträgen der Pfründestiftungen der katholischen Kirche - also aus den Einnahmen aus Grund und Boden. Bischöfe und Domkapitulare dagegen werden in Deutschland direkt vom Staat bezahlt, vergleichbar mit höheren Beamten.

Westermeier ist ein Mann der Offenheit und der klaren Worte

Die Kirchenaustritte beschönigt er nicht: „Gerade hatte ich 20 Formulare für Kirchenaustritte auf dem Schreibtisch, so viele auf einmal wie schon lange nicht mehr.“

Die Ursache ist eindeutig: Die schier endlose Liste von Missbrauchsfällen von Kindern durch kirchliche Amtsträger. Westermeier verurteilt das und erkennt auch die „unberechenbare Macht der Sexualität an“.

Doch wo geht diese Energie hin, wenn man den Zölibat lebt? „Das ist bei jedem Priester anders, aber grundsätzlich kann und soll man die frei gewählte Ehelosigkeit ohne Missbrauch leben“, so Westermeier. Im Idealfall lebe der Priester „eine spirituelle Hingabe zu Gott und ungeteilte Kraft für den Dienst an den Menschen“ - statt ausgelebter Sexualität.

Wer eine Familie mit Kindern wolle, sei „in dem Job definitiv falsch“. Es gebe „genügend Positionen in der Kirche für Laien, wie Pastoralreferent oder Diakon, die regulär eine Familie gründen bzw. heiraten können“. Er selbst verspüre „nicht den Drang danach“, könne „als Pfarrer mit ganzer Aufmerksamkeit vielen Menschen in der Gemeinde helfen und Vieles weitergeben“.

Wie kann man dem Missbrauch den Nährboden nehmen?

„Kinder brauchen ein sicheres Umfeld. Wir sollten alles dafür tun, bei ihnen eine starke, selbstbewusste Persönlichkeit zu entwickeln,“ glaubt der Geistliche. Manche Kinder erlebt er als „zu angepasst“.

Die Kirche müsse Missbrauchsfälle konsequent aufarbeiten, „in Zukunft überall genau und viel besser hinschauen“ und „alles ans Licht ziehen“.

Viele Kinder und Jugendliche in Bayern üben gerne das Ehrenamt der Ministranten aus. Missbrauch darf dabei nicht vorkommen.

Kein vorschnelles Urteil über sexuelle Orientierung

Unter den katholischen Priestern, die er kenne, seien „alle Orientierungen dabei, auch bekennende Homosexuelle, die ihre Arbeit als Priester ganz normal machen“. Darüber möchte er nicht urteilen.

Betonen möchte er, „dass Männer genauso wie Frauen gute Pädagogen, auch im Bereich Kindergarten und Grundschule, sein können. Der pauschale Missbrauchs-Verdacht gegen Männer richtet großen Schaden an“.

Zwei ihm bekannte Kindergärtner machten einen „Super Job“, könnten mit den Kids „Sport und Action“ veranstalten. Gerade Jungs bewunderten „Männer als Vorbilder“ - genauso wie den Papa in der Familie.

Ludwig Westermeier in seinem Büro von Kirchanschöring. Der „digitale Pfarrhof“ ist auf dem neuesten Stand der Technik.

Ehepartner geben sich Treue-Versprechen - Er selbst gelobt Gott die Treue

Er selbst „outet“ sich als heterosexuell: „Wenn ich bestimmten Frauen begegne, hat das bei mir schon eine Wirkung.“ Aber er hat sich nunmal „für ein Leben mit dem lieben Herrgott entschieden“ und dem könne er „doch nicht einfach fremdgehen“. Westermeier vergleicht die Situation mit Ehepartnern, die sich ja auch gegenseitig die Treue versprochen hätten.

Im Pfarrhof in Kirchanschöring hat Westermeier ein alternatives Familienmodell entwickelt, das es sich aus seiner Sicht zu leben lohnt: Eine WG mit vier jungen Männern vom Balkan. Westermeier: „Wer dabei etwas Böses denkt, ist selbst schuld und wie man es macht, ist es offenbar falsch aus Sicht der Bevölkerung.“

Statt gekünstelter Rechtfertigung praktiziert er Offenheit

Er setzt auf das Prinzip Offenheit statt Rechtfertigung. Die jungen Männer leben mit dem Pfarrer in einer Art WG, wobei Westermeier als väterlicher Freund agiert: „Das Projekt ist langfristig angelegt. Alle Jungs dürfen kostenfrei im Gebäude wohnen, das von der Diözese München unterhalten wird. Alle absolvieren eine fachliche Berufsausbildung in Bayern und sollen diese Kenntnisse in ihre Länder mitnehmen, ähnlich einer Entwicklungshilfe.“

Bei den Ländern geht es um die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens: Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Kroatien und andere Balkan-Länder wie Albanien. Westermeier reist gerne selbst jedes Jahr in diese Länder.

Im Krisengebiet in Kroatien liefern ehrenamtliche Helfer Spenden und Hilfsgüter nach dem Erdbeben. Auch aus dem Chiemgau wird und wurde geholfen.

„Gebetssturm“ am Freitag, damit sich die Leute nicht die Köpfe einschlagen

Regelmäßig unterstützt er auch die wöchentlichen Konvois von Hilfstransporten durch „Junge Leute helfen e.V.“ aus dem Chiemgau in den Balkan.

Besonders am Herzen liegt ihm der „Corona-Gebetssturm“ immer um 19 Uhr am Freitag in Kirchanschöring, „damit sich die Geimpften und Ungeimpften nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen“.

Alkoholprobleme bei älteren Pfarrern - Hoffnungen auf Hochzeit zerschlagen

Auch der Priestermangel in der katholischen Kirche liegt aus Westermeiers Sicht nicht allein am Zölibat: „Denn die Evangelischen finden auch immer weniger Pastoren.“ Es gehe um eine „allgemeine Glaubenskrise in der Gesellschaft“.

Eine besondere Problemlage gebe es zudem bei älteren Priestern. Aus eigener Erfahrung weiß er, „dass einige von ihnen in eine Lebenskrise gestürzt sind und Alkoholprobleme haben.“

Die Einsamkeit sei für viele kaum mehr zu ertragen: „Viele von ihnen hatten gehofft, dass der Zölibat beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965, Anm.d.Red.) fällt. Sie wollten ihre Freundin heiraten. Der Frust darüber, dass es nicht so kam, sitzt bei einigen noch immer tief“.

Standesamtliches Heiraten wäre möglich, aber...

Ob er doch noch eine Frau heiraten und Kinder haben möchte? „Theoretisch ist alles möglich. Aktuell habe ich keine Familienplanung.“ Übrigens könnten katholische Priester standesamtlich heiraten. Doch dienstrechtlich dürfen sie das nicht: „Damit legt man automatisch sein Priesteramt ab und darf keine Messe mehr feiern“, weiß Westermeier.

Und der „laisierte“ Pfarrer müsste dann anderweitig für seinen Lebensunterhalt sorgen und sich beruflich ganz neu orientieren.

-rok-

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