Auszeichnung der Universität Göttingen

Kirchanschöring ist jetzt eine "Kommune der Zukunft"

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Im Kirchanschöringer Rathaus freut man sich über diese neue Auszeichnung.

Kirchanschöring - Die Universität Göttingen hat die Gemeinde Kirchanschöring im Landkreis Traunstein als Zukunftskommune ausgezeichnet. Die Urkunde beschreibt Kirchanschöring als „beispielgebend für andere deutsche und internationale Kommunen“. Daher soll das Schriftstück im Eingangsbereich des Rathauses aufgehängt werden.

Das Zentrum für nachhaltige Entwicklung mit dem Forscherteam um Professor Dr. Peter Schmuck von der Georg-August Universität Göttingen suchte und sucht fortlaufend in ganz Deutschland nach kleinen bis mittelgroßen Kommunen (bis 30.000 Einwohner), die sich in verschiedenen Projekten für eine nachhaltige, zukunftssichernde Entwicklung einsetzen, und stieß dabei auch auf Kirchanschöring. 


Denn die Gemeinde entspricht in vielerlei Hinsicht, dem, was eine Zukunftskommune ausmacht: Sie „bilden Genossenschaften“, „fördern Biodiversität“, „betreiben Kreislaufwirtschaft“, „erzeugen regenerative Energien“, „praktizieren Umweltbildung“ und „betreiben Elektromobilität“. Dies sind laut Institutsleitung alles Beispiele, die Kommunen in eine sichere Zukunft führen sollen.

Kirchanschöring erhielt den Titel unter anderem, weil es sich überdurchschnittlich stark für erneuerbare Energien einsetzt", informierte Bürgermeister Hans-Jörg Birner im Rahmen eines Pressegesprächs. „Wir freuen uns über diese Auszeichnung. Sie ist aber auch eine Verpflichtung für alle, die an das Morgen ihrer Heimat glauben“, sagte Birner. Er bedankt sich „bei allen Bürgern, die sich ehrenamtlich engagieren, um Kirchanschöring mit seinen rund 3.400 Seelen in eine gute Zukunft führen zu können“.


Auf der Internetseite „Zukunftskommunen“ sind bereits Porträts der Gemeinde Kirchanschöring sowie rund 50 weiterer nachhaltiger Kommunen in Deutschland veröffentlicht. Diese Plattform wird im Rahmen des Förderprogrammes „Kommunen innovativ“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Sie soll die innovativen Ansätze verbreiten. Die hier porträtierten Kommunen zeichnet aus, dass jeweils drei oder mehr innovative kommunale Vorhaben mit Erfolg umgesetzt worden sind. Sie alle haben im Laufe dieser Prozesse viele Erfahrungen sammeln können und sind bereit, diese weiterzugeben.

Mit dieser Auszeichnung wird also erneut deutlich, dass gleich mehrere von Bürgermeister Birners Maßnahmen auch auf bundesweite Aufmerksamkeit gestoßen sind. So wird zum Beispiel händeringend überall nach Wegen gesucht, wie die Anlagen weiter betrieben werden können, die nach 20-jähriger Vergütungszahlung ab 2021 aus der EEG-Förderung fallen (Post-EEG Anlagen). Eine von der Bundesregierung geforderte, gesetzliche Anschlussregelung ist noch nicht in Sicht. Eigeninitiativen sind also gefragt. 

Während der Hausbesitzer die oft kleineren Anlagen auf seinem Hausdach am besten mit einer Speicherinvestition in die Eigenstromversorgung überführen kann, sind bei größeren PV-, Wind-, Biogasanlagen bisher kaum Lösungen in Sicht. So ließ der neue Lösungsansatz von Birner, der zur Gründung des Regionalwerks Chiemgau-Rupertiwinkel führte, vielerorts und auch in Göttingen aufhorchen. Denn dieser neu gegründete Energieversorger soll künftig Kommunen mit Strom und Wärme versorgen, die aus der lokalen und erneuerbaren Energieproduktion stammt. Dabei spielen aber auch zusätzliche Aspekte eine Rolle: Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit, Wertschöpfung vor Ort und Daseinsvorsorge. 

Diese Idee existierte schon länger in der Region, doch erst nach dem positiven Befund einer Machbarkeitsstudie im Sommer 2019 entschieden sich 16 Kommunen, das Thema wirklich anzugehen. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, mussten sich auf der Gründungsversammlung im Januar 2020 mindestens fünf bis sieben der insgesamt 23 Kommunen, die sich an der Machbarkeitsstudie beteiligt hatten, vor Ort anschließen, dieses Ziel wurde mit 16 um ein Mehrfaches übertroffen. 

Neben der Versorgung über PV- und Biogasanlagen sieht das Unternehmenskonzept auch Quartierskonzepte für ein Fernwärmenetz, gespeist mit Wärme aus der Geothermie, und die Einrichtung virtueller Kraftwerke vor. Dieses Beispiel zeigt, dass und wie Bürgerenergie immer noch gelingen kann, und auch, dass das Interesse in vielen Kommunen nach wie vor existiert, ihre Energieversorgung erneuerbar und dezentral zu gestalten – die Energiewende, wie sie sein sollte. Birner hilft also mit, eine gesetzliche Lösung zu finden.

Diese Ehrung zeigt auch, dass die Gemeinde Kirchanschöring mit ihren zahlreichen EE-Anlagen in der Lage ist, einen hohen Anteil ihres Strombedarfes mittels erneuerbarer Energien aus Wasserkraft, (4 Mio. kWh/Jahr), Biogas (850.000 kWh/Jahr) und Photovoltaik (2.1 MWp) zu decken. Rund hundert Gebäude in der Gemeinde Kirchanschöring werden mit umweltfreundlicher Fernwärme aus einem privat betriebenen Biomasseheizwerk (Einsparung pro Jahr: 400.000 Liter Heizöl) versorgt. Weitere rund hundert solare Brauchwasseranlagen ersetzen fossile Ressourcen. Die meisten der Anlagen sind seit der Jahrtausendwende schrittweise in Betrieb genommen worden.

„Zu diesem Erfolg trug auch die gemeinsame Überzeugung der Bürger Kirchanschörings bei“, betont das Gemeindeoberhaupt.

Als neue Knospe des Wandels einer Kommune wird auch deren Ausrichtung an der Gemeinwohl-Ökonomie verstanden. Sozial, gerecht, solidarisch und nachhaltig: Als erste Gemeinde in Deutschland hat Kirchanschöring die eigene Bilanz vollständig nach den Prinzipien der Initiative Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) erstellt. Dafür wurde die Gemeinde im letzten Jahr zertifiziert und ausgezeichnet. „Die freiwillige GWÖ-Bilanzierung ermöglicht einen genauen Überblick über wertebasiertes Handeln und Wirtschaften in der Gemeinde“, betont Birner. Seine Gemeinde folge damit letztlich der bayerischen Verfassung, in der am Gemeinwohl orientiertes Handeln verpflichtend festgeschrieben sei.

„Die Gemeinde legt zum Beispiel ihr Geld nur bei ausgewählten Banken an, die einen ethisch orientierten Katalog für ihre Anlagen vorweisen können. Zu den gemeinwohlorientierten Projekten zählt auch das von Bürgern gemeinsam geplante und realisierte "Haus der Begegnung". Darin sind barrierefreie Miet- und Sozialwohnungen sowie eine ambulant betreute Wohngemeinschaft für Senioren, ein Sozialbüro und eine Arztpraxis untergebracht. Zudem bildet die Einrichtung einen attraktiven Ort als Bürgertreffpunkt in der so neu entstandenen Dorfmitte.

Darüber hinaus erhielt Kirchanschöring die Auszeichnung unter anderem auch noch, weil es sich für eine bienen- und insektenfreundliche Umwelt einsetzt. Wie berichtet hat der Bezirk Oberbayern im letzten Jahr erstmals den Titel „Bienenfreundliche Gemeinde 2019“ vergeben. Zu den vier Gemeinden, die als besonders vorbildlich mit einem Preis geehrt wurden, zählt die Gemeinde Kirchanschöring, die Platz 1 belegte.

Beachtung bei der Jury der „Zukunftskommunen“ fanden auch die Vorhaben rund um die Geothermie Rupertiwinkel, mit dem der Ort eine nachhaltige Wärmeenergieversorgung für den Rupertiwinkel und die Stadt Salzburg praktizieren möchte, und diverse andere Projekte, wie etwa „Leben und Wirtschaften in Kirchanschöring“, bei dem der Fokus auf der Erzeugung gesunder Lebensmittel liegt.

Anneliese Caruso

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