Damit es jeder verstehen kann

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Ergotherapeutin Karin Wallner mit Birgit Hilbig und Klara Holinger aus der Prüfgruppe „Leichte Sprache“.
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Teisendorf - Viele Texte sind für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistiger Behinderung nicht verständlich. Deshalb hat sich die Lebenshilfe Berchtesgadener Land etwas einfallen lassen.

Sie lässt ihre wichtigsten Schriftstücke in „Leichte Sprache“ übersetzen. Seit etwa einem halben Jahr gibt es zudem eine Prüfgruppe, die die Sätze noch einmal genau unter die Lupe nimmt.

Rosi Jentsch, Birgit Hilbig und Klara Hollinger sitzen zusammen mit Ergotherapeutin Karin Wallner an einem großen runden Tisch im Nebengebäude des Lebenshilfe Wohnhauses in Oberteisendorf. Vor ihnen liegen jede Menge Zettel und Unterlagen. Es sind Texte in Leichter Sprache, die die Lebenshilfe an ihre Mitglieder rausgibt. Sie werden von den drei Damen noch mal auf ihre Verständlichkeit hin geprüft. „Nicht alle, aber viele. Wären es alle Texte, würden wir mit der Arbeit nie fertig werden“, lacht Karin Wallner.

Ganz oben auf der To-Do-Liste steht derzeit die Kontrolle des neuen Lebenshilfe Leitbildes. Die Mitglieder der Prüfgruppe sind quasi Experten und können genau beurteilen, worauf es bei Texten ankommt, damit die Kollegen und Mitbewohner sie auch verstehen können. „In der Leichten Sprache gibt es zum Beispiel regionale Unterschiede, so ähnlich wie Dialekte. Bei uns ist zum Beispiel der Ausdruck „Team der Leute“ gängig und normal. Woanders kann man damit vielleicht gar nichts anfangen“, erklärt die Ergotherapeutin.

Geprüft und abgestempelt

Die Idee der Leichten Sprache kommt aus den USA. Dort engagieren sich Menschen mit Lernschwierigkeiten schon seit den 70er-Jahren. Ihr Anliegen ist es, dass sich alle Menschen verständigen können und verstehen, was um sie herum passiert. „Leichte Sprache ist somit auch eine Form der Barrierefreiheit “, weiß Karin Wallner, die seit 18 Jahren für die Lebenshilfe arbeitet. Einige der Regeln lauten zum Beispiel, dass nur kurze Sätze verwendet werden und jeder Satz nur eine Aussage enthalten soll. Fremdwörter werden vermieden, wo sie doch vorkommen, müssen sie durch anschauliche Beispiele oder Vergleiche erklärt werden.

So kann das „Recht auf Gesundheit“ zum Beispiel mit dem Satz „Auch für Menschen mit Behinderung muss es gute Ärzte und Ärztinnen geben“ übersetzt werden. Und statt „Physiotherapie“ wird „Kranken-Gymnastik“ verwendet. Außerdem werden die Texte mit vielen Bildern erläutert. Im Team ist Klara Hollinger dafür zuständig. Sie weiß genau, ob ein Bild den Textinhalt verständlicher macht oder ob es ausgetauscht werden muss. Die Lebenshilfe hat dafür extra einen eigenen Katalog mit Symbolen zusammengestellt.

Bei der Lebenshilfe BGL erkennt man alle geprüften Texte an einem blauen Stempel mit der Aufschrift „Leichte Sprache“. Mindestens zwei mal im Monat, oft sogar jeden Freitag, treffen Rosi Jentsch, Birgit Hilbig und Klara Hollinger mit Karin Wallner zusammen, um in ihrer Freizeit Texte unter die Lupe zu nehmen. Alle drei arbeiten in den Pidinger Werkstätten. Im Oktober steht bei der Lebenshilfe wieder eine Fortbildung in Sachen Leichte Sprache an. Daran kann jeder teilnehmen, der sich künftig ebenfalls in der Prüfgruppe engagieren will.

Leichte Sprache auf dem Vormarsch

Seit den 1990er Jahren setzen sich Vereine wie „Mensch zuerst“ dafür ein, Sprachbarrieren abzubauen und auch alte Menschen, Personen mit Seh- oder Leseschwäche, Migrantinnen und Migranten sowie Menschen mit geistiger Behinderung an Texten teilhaben zulassen. Das erste „Büro für Leichte Sprache“ in Deutschland wurde 2004 von der Lebenshilfe Bremen eingerichtet. Hier übersetzen, verfassen und prüfen Menschen mit und ohne Behinderung Texte, die für alle verständlich sein sollen. Ähnliche Einrichtungen sind in den vergangenen Jahren auch in anderen Städten entstanden. In erster Linie werden Briefe von Ämtern, Gesetzestexte und Verträge bearbeitet. Auch die Homepage des Bundestages, eine Nachrichtenwebsite des Deutschlandradios und die UN Behindertenkonvention gibt es bereits in Leichter Sprache. Weiter verbreitet ist die „Leichte Sprache“ zum Beispiel in Schweden, wo regelmäßig Bestseller übersetzt werden. In den Niederlanden bekommen ausländische Bürger Infoschriften in Leichter Sprache und die englischsprachige Wikipedia gibt es mittlerweile sogar in einer Simple-English-Version.

Pressemitteilung Lebenshilfe BGL

Quelle: BGland24.de

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