"Notärzte aus der Felswand pflücken"

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Fortbildung bei der Bergrettung

Piding - Fleißig trainiert haben die Rettungskräfte für Einsätze in den Berchtesgadener und Chiemgauer Bergen mithilfe des Rettungstaus. Doch schnell wurde aus der Übung Ernst:

Flüge mit dem Rettungstau sind bei Notfällen in den Berchtesgadener und Chiemgauer Bergen seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken. Der Traunsteiner Rettungshubschrauber „Christoph 14“ und die Bergwacht-Luftretter am Ende des Fixtaus gehören mittlerweile zum gewohnten Bild, wenn am Berg etwas Schlimmes passiert ist. Trotz aller Routine ist jeder Ernstfall eine neue und nicht vergleichbare Herausforderung für die gesamte Mannschaft: Schwieriges Gelände, Wind und Wetter sowie der Zustand des Patienten verlangen Bergwacht, Notärzten, Piloten und Rettungsassistenten immer wieder viel Improvisationsvermögen ab, weshalb sie die Abläufe regelmäßig trainieren müssen. Zum Höhepunkt der Bergsteiger-Saison fand deshalb im Pidinger Klettersteig in den steilen Nordwänden des Hochstaufens eine imposante Einsatzübung statt. Markus Leitner vom Roten Kreuz war bei schönstem Herbstwetter mittendrin dabei und hat den Rettern bei ihrem oft anstrengenden Job über die Schulter geblickt.

So schön ists nur bei uns!

Im Eilschritt geht’s bergauf. Es ist 6.30 Uhr und noch ziemlich finster. Die Wolke klebt wie eine große Nebelkammer direkt am Boden. Im Schein meiner Stirnlampe zeichnet sich nur die monoton ansteigende Forststraße ab – wie ein Weg ins Nimmerland inmitten der weißen Suppe. Kurze Zeit später ist der Spuk vorbei und ein glasklares Panorama über das Nebelmeer tut sich auf; „Wolkenobergrenze bei 700 Metern – sehr gut, jetzt steht der Fliegerei nichts mehr im Wege! Aber hoffentlich kommen sie von Traunstein aus durch“, denke ich mir und renne weiter bergauf bis zum Einstieg in 1.100 Metern. Am Tag zuvor hat es runter geschneit; feiner Staubzucker umhüllt die kalte Nordwand und schwindet im Nuh, als die ersten Sonnenstrahlen auf die Felsen treffen. In Rekordtempo verdampft die dünne Schicht und der Stein wird trocken und griffig – ein perfekter Herbsttag beginnt.

Übung: Notärzte aus der Felswand pflücken

Zwischen Gaisberg und Högl schwimmt in einem Meer aus Plüschwolken unwirklich schön die goldgelbe Morgensonne, als ob Max Aicher gerade eben das Dach seines Stahlwerks geöffnet hätte. Es stimmt wirklich: „So schön ists nur bei uns!“ – jetzt fehlt nur noch das letzte Einhorn, das durch die extravagante Szene flattert, aber es erscheint natürlich nicht. Ich mache trotzdem ein Foto und los gehts: Helm auf, in die Handschuhe rein, Klettersteig-Set eingehängt und ab nach oben – den Gurt hab ich praktischerweise schon am Parkplatz angezogen, da im Rucksack wegen der schweren Kamera kein Platz mehr ist. „Klick, klick, klick“ – schnappen die Karabiner von Segment zu Segment des sportlichen Eisenwegs. Kein Auto unten in Urwies und kein Radl am Einstieg – ich bin der erste und allein unterwegs. Wunderbar, nur der Hausberg und ich und ein atemberaubendes Panorama. Es geht flott dahin und eine dreiviertel Stunde später richte ich mich 400 Meter höher oberhalb des Pfeilers, wo der Notausteig abzweigt, fast schon häuslich ein, sichere Rucksack und Kamera in der Wand und suche die besten Perspektiven.

"Da unten kraxelt der Leitner rum, ich glaub wir sind richtig!"

Langsam wird’s im Schatten zapfig; mit der Sonne wandere ich Stück für Stück weiter im Klettersteig nach oben, um ein wenig Wärme abzubekommen. Dann höre ich in der Ferne endlich den Heli, aber ich sehe ihn erst einmal nicht. Aus einer kleinen, von hier oben fast nicht erkennbaren Lichtung bei Adlgaß steigt der blaue Verbindungshubschrauber der Bundespolizei auf und schraubt sich in weiten Kreisen in den tiefblauen Morgenhimmel. Bergwacht-Regionalausbilder Manfred Hasenknopf kennt den Steig wie seine Westentasche und erklärt der Crew auf einem Erkundungsflug entlang der Nordwand, wo gleich die Übungsteilnehmer abgesetzt und wieder aufgenommen werden sollen. Als die Maschine in Augenhöhe vorbeischwebt winken wir uns kurz zu. Nach einer Zwischenlandung folgt der erste Tauaufzug. Wo fliegt er denn hin? „Da unten kraxelt der Leitner rum, ich glaub wir sind richtig!“, meint Luftrettungsassistent Thomas, der gesichert und voll konzentriert als verlängertes Auge auf der linken Kufe des Hubschraubers kniet und direkt zum Tauende hinabblickt. Er informiert Pilot Ecki über Hindernisse und teilt ihm mit, wann Retter und Patient am Tau ein- oder ausgehängt werden. „Einsatzstelle auf 11 Uhr – erkannt?“ fragt Ecki über Funk, der ganz schön nah an die Wand ranfliegen muss, um die beiden Luftretter auf dem Felsvorsprung unter mir absetzen zu können.

Bergwachtmann Thomas am Tauende hält Ausschau, bestätigt sofort und beginnt wenig später mit lauter Stimme zu zählen, um den geschätzten Abstand in Metern mitzuteilen: „Zehn, … acht, … sechs, … vier, … zwei, … Boden!“ Mit ihren Karabinern sichern sich die beiden noch mit dem Tau verbundenen Retter an das Stahlseil des Klettersteigs; „Hubschrauber ist gefesselt!“, warnt Thomas und gibt wenige Sekunden später Entwarnung: „Tau frei!“ „Hindernisfrei in Flugrichtung!“, Ecki zieht die Maschine von der Wand weg und lässt sie in einen großen Bogen an den Nebelschwaden vorbei in Richtung Zwischenlandeplatz gleiten; der blaue Punkt mit langem Seil verschwindet wieder kurz im Fichtenmeer am Teisenberg, um die nächsten Übenden abzuholen.

Warnwesten im Klettersteig

Bis er wieder zurückkehrt ist erst einmal Zeit für eine kleine Brotzeit. Am Einstieg zum Klettersteig sollten Warnwesten verteilt werden, denn im Felsenmeer verschwindet jeder mit dunkler Kleidung von der Bildfläche. „Leuchtfarben stechen da richtig raus und helfen uns bei der Orientierung. Wenn wir im Ernstfall eine Einsatzstelle suchen müssen, winken oft aber auch andere, die gar keine Hilfe brauchen. Bei schönem Wetter, wenn besonders viele Leute unterwegs sind, wird das richtig schwierig“, weiß Robert Portenkirchner aus Erfahrung. Er ist Stationsleiter und Luftrettungsassistent beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Der Rettungshubschrauber in Traunstein ist ein richtiges Patchwork-Projekt: Die Station wird vom Landesverband des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) betrieben; den modernen Hubschrauber vom Typ EC135T2i stellt das Bundesinnenministerium über das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zur Verfügung. Beamte der Bundespolizei-Fliegergruppe kommen als Piloten zum Einsatz.

Die Luftrettungsassistenten werden vom BRK-Kreisverband Traunstein, die Notärzte vom Klinikum Traunstein gestellt. Während ich fleißig Fotos schieße setzt Ecki in mehreren Aufzügen weitere Notärzte und Bergwachtmänner und – frauen im Steig ab. Für manche Ärzte wie Robert Keilmann ist es das erste Mal, dass sie am Tau hängen; erfahrene Bergwacht-Luftretter begleiten sie und erklären alle wichtigen Handgriffe. Dann wechseln die Piloten und die Maschine muss in Traunstein aufgetankt werden. Andrea sitzt jetzt im Cockpit. Die Bundespolizei-Pilotin absolviert heute einen Teil ihrer Fortbildung für die Rettungsfliegerei – danach darf sie auf dem „Christoph 14“ echte Einsätze fliegen. Heute aber steht sie auch auf der Kufe oder hängt sich mit ans Tau. „Das ist sinnvoll, damit sie sich später im Einsatz auch gut in die anderen Crewmitglieder hineinversetzen kann“, erklärt mir Ecki.

Unter mir schlagen die Hauptrotorblätter vorbei

Andrea fliegt gekonnt im weiten Bogen mit der Vormittagssonne im Rücken vom Fuderheuberg aus an und tastet sich langsam an die Absetzstelle heran. Unter mir schlagen mit einem lauten Surren die Hauptrotorblätter der EC135 vorbei. Die Maschine steht wie angenagelt über dem Schuttkar an der Felswand – Präzisionsarbeit aller Beteiligten. Pendelbewegungen des Taus oder eine zu hohe Geschwindigkeit beim Bodenkontakt könnten für die Retter am Tauende mit schweren Verletzungen oder sogar tödlich enden, wenn sie unsanft aufschlagen. Plötzlich kraxelt ein Mittsiebziger nur mit Turnschuhen, ohne Gurt, ohne Klettersteigset und ohne Helm im rasanten Tempo am Pfeiler rechts neben der Maschine empor. „Mit dem ganzen Zeug ist man ja so langsam!“, kommentiert er, als er weiter an mir vorbei durch die senkrechte Wand nach oben eilt. „Rentnerstress bei so schönem Wetter“, denke ich mir. Für mich wärs nichts; ein falscher Tritt, ein lockerer Stein und es geht abwärts. Arbeit, die der Bergwacht und den Rettungsfliegern erspart werden kann.

Überdimensionales Kirschenpflücken aus der Felswand

Es sieht aus wie überdimensionales Kirschenpflücken aus der Felswand: Im Pendelverkehr holt der Hubschrauber die Übenden per Tau an der einen Station am Berg ab, zupft sie aus der Wand und bringt sie zum nächsten Absetzpunkt. „Unsere Leute üben dabei das so genannte Kaper-Verfahren, bei dem der Luftretter per Tau zum Patienten geflogen wird, der hilflos in seiner Selbstsicherung im Steig hängt. Der Retter sichert den Verunfallten dann ans Rettungstau; danach wird die Selbstsicherung durch Abheben entlastet und mit einer Kaperschere durchtrennt“, erklärt Ausbilder Hasenknopf. Bergwachtler sind also Seeräuber im Gebirge. Eine Kaper-Rettung ist für die Hubschrauberbesatzung besonders schwierig, da die Maschine für kurze Zeit über die Selbstsicherung des Verunfallten an den Berg gefesselt ist und damit nicht beliebig manövrieren kann.

In Zusammenarbeit mit den örtlichen Bergwachten setzt die Besatzung des Traunsteiner Rettungshubschraubers „Christoph 14“ seit mittlerweile 13 Jahren erfolgreich das „Rettungstau-Verfahren“ ein, um verletzte, erkrankte oder in Not geratene Bergsteiger aus unwegsamen Gelände ins Tal zu fliegen. 58 echte Taueinsätze haben die Retter heuer schon geflogen und dabei vielen Bergsteigern geholfen. Die Abläufe wirken routiniert, für den unwissenden Beobachter oft aber auch gefährlich und abenteuerlich: Der Arbeitsplatz in luftiger Höhe auf der Hubschrauberkufe oder am Ende des Fixtaus ist für viele Menschen faszinierend und angsteinflößend zugleich, doch für die Profis nur Alltag. Nur durch optimierte Teamarbeit gelingt es ihnen im Ernstfall, alle Gefahren richtig einzuschätzen und die verbleibenden Risiken auf ein Minimum zu reduzieren.

Aus der Übung wird Ernst: Zwei Taueinsätze in Folge

Nach vielen schönen Fotos hab ich genug; die Sonne hat die Nordwand verlassen und brennt nun auf den Jagersteig runter; der Pidinger Klettersteig aber liegt komplett im Schatten und es wird richtig frostig. Über den Normalweg geht’s zurück in Richtung Steiner Alm, wo das Quad für die Fahrt zum Tallandeplatz bereitsteht. Dann wird’s mit einem Schlag ernst und das schöne Bergwetter fordert sein erstes Opfer: Eine 42-jährige Frau hat sich auf dem Normalweg in rund 1.450 Metern Höhe schwer am Fuß verletzt – dort, wo ich gerade noch vor einer halben Stunde vorbeigegangen bin. Alle wollen helfen – das Teisendorfer Bergwachtauto ist mit einem Schlag voll mit Notärzten und Rettern. Bergwachtmann Stefan Obermeier, hauptberuflich Rettungsassistent beim Roten Kreuz und ein Arzt werden so weit wie möglich an den Unfallort herangefahren und steigen zur Erstversorgung weiter zu Fuß auf.

Die Leitstelle schickt zusätzlich „Christoph 14“ aus Traunstein, der an der Steiner Alm die Reichenaller Bergwachtfrau Monika Assmann aufnimmt und sie samt Luftrettungssack zum Unfallort fliegt. Pilot Markus Pabst und Rettungsassistent Alf Mayer müssen die Verletzte danach per Tau ausfliegen und zum Klinikum Traunstein bringen. Noch während der Einsatz läuft, geht ein weiterer Notruf vom Mooslahnerkopf am Kleinen Watzmann ein, wo sich ein 48-Jähriger schwer am Oberschenkel verletzt hat. Die Übungsmaschine mit Pilot Jürgen Ackermann und Rettungsassistent Jürgen Zankl muss ran; für Notarzt Robert Keilmann ist es der erste scharfe Bergeinsatz.

Der Patient muss nach medizinischer Erstversorgung am 25 Meter langen Rettungstau ausgeflogen werden. Eine Rettungswagen-Besatzung des Roten Kreuzes übernimmt ihn an der Ramsauer Bergrettungswache und bringt ihn zur weiteren Behandlung in die Kreisklinik Bad Reichenhall. Alltagsgeschäft an einem schönen Herbsttag im Berchtesgadener Land.

Markus Leitner - Pressemitteilung BRK BGL

Quelle: BGland24.de

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