Das „Waginger Lied“

„Bruder mir ist alles gleich, Bayern war ein Königreich“

Die von Alfons Schmuck verfassten Original-Noten zum Lied „„Bruder mir ist alles gleich, Bayern war ein Königreich“.
+
Diese Fassung mit diesem Text und Melodie wurde und wird als Lied von diversen Stammtischen, von Waginger Vereinen, von Mitgliedern des Kirchenchores nach der Chorprobe in geselliger Runde und von vielen weiteren überall und anderswo gesungen.

Waging - Die „Musikszene“ in Waging ist durchaus als „legendär“ zu bezeichnen.

Die Pressemitteilung im Wortlaut

Neben Veranstaltungen wie den Waginger Musiktagen des Vereins für Heimatpflege und Kultur oder den Blech-im-ParkFestivals der Musikkapelle Waging am See, oder dem Zeltn-Festival gibt es auch eine Vielzahl von Musikgruppen und Künstlern sämtlicher Musikrichtungen, welche auch überregional bekannt sind. Auch verschiedene Lieder wurden immer wieder über Waging gesungen beziehungsweise auch speziell komponiert. Zu nennen wären aus der Blütezeit des Fremdenverkehrs in den 1960er Jahren beispielsweise „In Waging am See“, gesungen von Maria Hellwig oder auch die Fassung der „Salzburger Cobolde“. Die für eine Studioaufnahme gegründete Gesangsgruppe „Waginger Trio“ veröffentlichte in den 1980er Jahren gemeinsam mit der Musikkapelle den Titel „Waginger Gruß“. Bis in die Gegenwart werden auch immer wieder Lieder mit Bezug zum Ort Waging komponiert und auch auf Tonträger und im Internet veröffentlicht. 

Einen ganz besonderen Status nimmt allerdings das Liedgut ein, welches seit Generationen nur mündlich überliefert und meist in gemütlicher Runde gesungen wird. Dazu zählen Lieder mit örtlichem Bezug wie „Waging, siehgt ma kam, vor lauter Zwetschgenbaam“ und „I los mas ned nehma (I sog‘s frei heraus, i bin von dem zünftigen Waging zu haus)“. Auch bereits bestehende Melodien wie beim „Interzonenzug von Waging“ (mit der Melodie des Swing-Titels „Chattanooga Choo Choo“ von Glenn Miller aus dem Jahre 1941) wurden mit einem lokalen Text versehen oder auch Moritaten besungen wie „Im Sommer scheint bei uns die liebe Sonne“. Gerne geht es in diesen Liedern inhaltlich auch in die etwas derbere Richtung wie bei dem Titel „Bei uns im schönen Bayernland“ oder dem sogenannten „Scheißdreck-Lied“. 

Auch wenn diese Titel zum überlieferten Volksgut gehören und ein Komponist oder Urheber bis auf einzelne Fälle nicht bekannt sind, so haben sie doch einen musikalischen und oftmals auch einen geschichtlichen Hintergrund. Im Falle der heimischen Volksweisen ist oft ein musikalischer Bezug zu Melodien aus der Steiermark, Slowenien und auch aus der Region um Triest in Italien zu finden. Diese „Vermischung“ lässt sich unter anderem durch die geschichtliche Verbindung der heimischen Region zu Salzburg und Österreich und auch zu Feldzügen italienischer und slowenischer Soldaten für das Habsburgerreich erklären, bei denen die Lieder ihre Reise über die Grenzen antraten. 

„Bruder mir ist alles gleich...“ 

Ein besonders interessantes Beispiel ist das Marschlied „Bruder mir ist alles gleich, Bayern war ein Königreich“. Alfons Schmuck als Vorsitzender des Vereins für Heimatpflege und Kultur und langjähriger Kirchenmusiker der Pfarrei St. Martin konnte hierbei interessante Details in „akribischer Forschungsarbeit“ zu Tage bringen. Ausschlaggebend war die Nachfrage beim Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern nach diesem Lied von Frau Marianne Häusl. Als Mitglied des Waginger Vereins für Heimatpflege und Kultur erfuhr sie, dass dieses Lied in der Waginger Fassung dort bisher vollkommen unbekannt war. Der bekannte Harmonikaspieler Willi Schneider hat dieses Lied oftmals beim „Egger Luggi“ in der Gaststätte Seerose gesungen und auch vom Waginger Kirchenchor wurde dieses Lied nach den Chorproben gerne gesungen.

Sowohl die Melodie und auch der Text dieses speziellen „Waginger Liedes“ sind in den alten Vorgängerversionen verwurzelt. 

„Bonaparten seine Frau, ist ein ausgemachte Sau“ 

Die älteste Fassung dieses Liedes wurde in dem Liederbuch „Der Landsturm 1813“ von dem Liedsammler Franz Wilhelm Freiherr von Ditfurth erstmals 1855 unter dem Titel „Fränkische Volkslieder mit ihren zweistimmigen Weisen, wie sie vom Volke gesungen werden“ in Leipzig veröffentlicht. Das Lied beginnt in der ersten Strophe mit den Worten „Brüder, uns ist alles gleich, ist gleich Frankreich ein Kaiserreich!“. Die insgesamt sieben Strophen sind durchgehend gekennzeichnet von Schmähungen gegen Frankreich und Napoleon Bonaparte. Dieser wird unter anderem als „Erzkujon“ (Erzschuft, Quälgeist) und als Henkersknecht bezeichnet. In Strophe 3 zitiert der Schreiber recht derb „Bonaparten seine Frau, ist ein ausgemachte Sau!“. Napoleons zweite Frau war Marie-Louise von Österreich. Sie waren aus politischen Bündnisgründen von 1810 bis 1821 verheiratet. Die erste Frau Josephine de Beauharnais (verheiratet von 1796 – 1810) bekam keinen Nachfolger und so erschien es Napoleon vermutlich sinnvoll, sich mit der Tochter des österreichischen Kaisers Franz II zu verheiraten. Das erklärt vielleicht die derbe Bezeichnung als „Sau“ in dem bayerischen Lied! 

In Strophe 4 ziehen die Brüder, die kein Geld haben, gegen Frankreich ins Feld und wenn sie in Strophe 6 keinen Wein haben, dann schlagen sie den Franzosen die Fässer ein und zum Schluss in Strophe 7 folgt die Aufforderung, „nicht Schuß noch Stoß zu scheuen und immerfort auf Frankreich los zu gehen“! 

Im Mittelteil der 1. Strophe wird gesungen, dass „wir dem General Wrede (1767 – 1838) nachfolgen“. Dieser war unter anderem Bayerischer Generalfeldmarschall und Berater am bayerischen Hof. Er war beteiligt an der „Schlacht bei Hohenlinden“ (3.12.1800 mit Österreich gegen Frankreich) und an der Schlacht am Bergisel (1809 mit Napoleon gegen Tirol!). An General Wrede erinnert in Hohenlinden heute noch eine Tafel und ein Denkmal, sowie in München eine Statue in der Feldherrenhalle. Der Text ist in „Fraktur-Schrift“ verfasst. Diese war von Mitte des 16. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchlich. 

Im Jahr 1871 wurde in Nördlingen das identische Lied in die Sammlung „historische Volkslieder des bayerischen Heeres 1620 – 1870“ ebenfalls von Franz Wilhelm Freiherr von Ditfurth aufgenommen.

Eine weitere Fassung gibt es auch in dem Liederbuch „Der Zupfgeigenhansel“ des „Wandervogels“ und der „Jugendbewegung“, welches 1908 erschien. Die Noten wurden im Jahr 1924 vom Friedrich Hofmeister Verlag aus Leipzig veröffentlicht. Über dem Notentext ist vermerkt: „aus Bayern, nach Ditfurth, Fränkische Volkslieder“. Das Lied hat nunmehr allerdings nur noch fünf Strophen. Unter anderem fehlt der Text „Bonapart, der Henkersknecht, wollt uns nehmen das deutsche Recht“. Der Mittelteil des Liedes ist durch eine Überstimme ergänzt, welche mit den Noten in den Takten vorher identisch ist.

In einem weiteren Lied „Brüder, haben wir kein Geld“ welches definitiv Ähnlichkeit zur überlieferten „Waginger Fassung“ hat, wurden die Noten im Jahr 1914 von der Pianistin Emma Saxl (1872 – 1933) aufgeschrieben. Die Noten wurden von Gustav Jungbauer und Herbert Horntrichin in dem Liederbuch „die Volkslieder der Sudentendeutschen“ herausgegeben und 1938 in Kassel veröffentlicht. Frankreich wird nur noch in der ersten Strophe zum Schluss mit dem Sprechgesang („Schlagt ihn tot, Napoleon, den Kujon) und in der vierten Strophe auch zum Schluss („So schneiden wir den Franzosen die Ohrwascheln weg!“) erwähnt. 

Erstmals wird hier der tapfere österreichische Feldmarschall Josef Graf Radetzky (1766 – 1858) erwähnt. Er war der bedeutendste Heerführer Österreichs in der ersten Hälfe des 19. Jahrhunderts. Der nach ihm benannte, weltberühmte Marsch wurde von Johann Strauß Vater im Jahr 1848 komponiert. In unserem Liedtext steht auch, dass dieser (Radetzky) die Schlacht bei Wagram gewonnen hat. Diese Schlacht fand am 5. und 6. Juli 1809 statt. Wagram ist ein Höhenzug zwischen Krems und Wien nördlich der Donau. Die Schlacht bei Wagram gehört zum 5. Koalitionskrieg zwischen Frankreich und Österreich. Wahrscheinlich wurde diese Schlacht in dem Lied erwähnt, weil die Franzosen zwar gewonnen hatten, aber sehr hohe Verluste aufzuweisen hatten. In der dritten Strophe dieser Version wird erstmals über Mädchen berichtet, die „in uns verliebt sind und dass wir (die Soldaten) von deren Unschuld beglückt sind!“. So ein Text kam in den früheren Versionen nicht vor, da hier nur von Kampf, Krieg, Not und Feindschaft berichtet wird. Die Melodieführung ist gegenüber den anderen Versionen bis auf die Anfangstöne verändert. Allerdings kehrt in der letzten Zeile die Melodie wieder zum Sprechgesang der vorherigen Fassungen zurück. 

Die Waginger Version 

Die in Waging am See bekannte Version dieses Liedes dürfte sicher erst nach dem Ende des Königreichs Bayern entstanden sein! 

Erstmals wird in dem Text dessen Ende besungen („Bruder mir ist alles gleich, Bayern war ein Königreich“). Dies war bei den älteren Versionen dieses Liedes nicht der Fall. Das Königreich Bayern endete am 7. November 1918. Revolutionäre Kräfte stürzten im Rahmen der Novemberrevolution unter Kurt Eisner von der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) die Bayerische Monarchie. Bayern wurde zum Freistaat erklärt. Erstmals wird in der Einzahl gesungen („Bruder mir ist alles gleich...“). Bisher war immer von „Brüder, uns ist alles gleich“ die Rede. 

Die Textzeile „folget an den/dem tapf‘ren Mann, Bonapart, der für uns gewonnen hat die Schlacht“ könnte mit dem Rußlandfeldzug (1812) zusammenhängen beziehungsweise darauf Bezug nehmen. Der Einwurf „Rußland kaputt“ hat seinen Grund vermutlich in der Teilnahme von 30.000 bayerischen Soldaten am Rußlandfeldzug (1812), von dem nur 4.000 Soldaten wieder zurück kamen. Der Einwurf „Kaiser kaputt“ dürfte in Zusammenhang mit dem Ende der Kaiserzeit stehen. Kaiser Wilhelm II. regierte von 1888 bis 1918. 

Erstmals wird in dieser Version am Schluss im Sprechgesang zitiert: „Patriot, Franzos‘, Russ nix los, Kaiser kaputt, Bayern in Not“ um dann in dem versöhnlichen Schluss „... und a braune Maß Bier waaar guad“ zu enden. Das soll bedeuten, was auch immer geschieht, mit einer Maß Bier wird alles wieder gut! In den Strophen 2 und 3 der Waginger Version wird am Anfang gesungen „Bruder haben wir‘s kein Geld“ beziehungsweise „Bruder haben wir‘s kein Wein“. Die Formulierung „wir‘s“ ist allerdings nicht bekannt. Eventuell handelt es sich hierbei um eine alte Redewendung. 

In der dritten Strophe beginnt der Text damit, dass wir, auch wenn wir keinen Wein haben, so doch stets lustig sein wollen wollen. Dies stellt im Gegensatz zu den früheren Versionen, schon eine Art „Verweltlichung“ des Textes dar. Die Sorgen und Probleme der Kriege sind schon weit entfernt oder vorbei, also widmen wir uns wieder den schönen, lustigen Dingen, wie dies Alfons Schmuck in seinen Ausführungen interpretiert.

Auffallend ist auch, dass die „Waginger Version“ deutlich singbarer ist als die vorhergehenden Fassungen. Natürlich ist auch zu erwähnen, dass dieses Lied in „geselligen Runden“ niemals als „Kriegslied“ gesungen wurde, sondern immer nur in guter, lustiger Gesellschaft und Stimmung zur Freude und des Gesangs wegen! 

Interessant ist auch, dass dieses überlieferte „Waginger Lied“ in der weiteren Region vollkommen unbekannt ist. Dennoch hat es seinen Ursprung vermutlich als Fränkisches Volkslied. Besonders speziell in Bezug auf die Waginger Version bleiben aber zwei Fragen noch offen: Wer hat die Melodie verfasst und von wem stammt der Text? Dies aufzuklären ist eine genau so reizvolle wie wohl auch schwierige Aufgabe. 

Liedtext: 

Bruder, mir ist alles gleich, Bayern war ein Königreich. Bruder, mir ist alles gleich, Bayern war ein Königreich.

Refrain: Es rauschen die Täler, es schallen die Berge, es rauschen die Täler, es schallen die Berge. Folget an dem tapf‘ren Mann, ‚Bonapart‘, der für uns gewonnen hat die Schlacht. Patriot, Franzos‘, Russ nix los, Kaiser kaputt, Bayern in Not und a braune Maß Bier war guad!

Bruder, haben wir‘s kein Geld, ziehen wir schon wieder in das Feld. Bruder, haben wir‘s kein Geld, ziehen wir schon wieder in das Feld. 

Refrain: Es rauschen die Täler, ... 

Bruder, haben wir‘s kein Wein, wollen wir stet‘s lustig sein. Bruder, haben wir‘s kein Wein, wollen wir stet‘s lustig sein. 

Refrain: Es rauschen die Täler, ... 

Pressemitteilung Verein für Heimatpflege und Kultur Waginger See

Kommentare