Geführte Keltenwanderung

Das Geheimnis der Biburger Viereckschanze

+
Die etwa 2300 Jahre alten Erdwälle kurz hinter Otting und vor dem Weiler Biburg an der Staatsstraße nach Traunreut bewahren eines von vielen Rätseln, die sich um die Kelten ranken.

Waging am See - Die Reste der spätkeltischen Biburger Viereckschanze wirken unspektakulär, ja ebenso friedlich wie dessen sanft im Frühlingswind wie Wellen wogender Grasbewuchs.

Die etwa 2300 Jahre alten Erdwälle kurz hinter Otting und vor dem Weiler Biburg an der Staatsstraße nach Traunreut bewahren eines von vielen Rätseln, die sich um die Kelten ranken, und einen erschauern lassen. Wurden hier bei aus heutiger Sicht barbarischen Zeremonien Tiere, ja sogar Menschen geopfert, um die Götter gewogen zu stimmen oder die Zukunft vorherzusagen?

Schließlich weiß niemand zweifelsfrei, welchem Zweck das gewaltige Geviert der Schanze mit einer Grundfläche von etwa 10.000 Quadratmetern diente. Ebenso bleibt es ein Geheimnis, warum sich die Erbauer für die exponiert gelegene Anhöhe mit freiem Blick über die Hügellandschaft zum Salzburger Hausberg entschieden. Grauenhafte und seltsame Funde mit Knochenresten rituell getöteter Menschen in anderen Keltenschanzen, beispielsweise in Frankreich, belegen zumindest die Nutzung anderer dieser Bauwerke als Opferbezirke.

Willi Haberlander von der Interessengemeinschaft Heimat Otting führt zusammen mit Doreen Maierhofer an einem Frühlingssamstag eine Wandergruppe zu dem zum großen Teil untergepflügten, inzwischen geschützten Geländedenkmal. Ihn fasziniert das Königreich Noricum, zu dem sich 200 Jahre vor Christi Geburt 13 Keltenstämme unter der Führung der Noriker zusammenschlossen. Deren Reich umfasste auch die östlich des Inns gelegenen Gebiete im heutigen Bayern und damit die Biburger Schanze.

Das bedeutende, jedoch noch unerforschte Areal ist wohl ein Relikt eines keltisches Siedlungszentrums, zu dem laut Haberlander vermutlich auch Holzhausen und der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Tettelhamer Schlossberg mit den Überresten einer mittelalterlichen Burg gehörte. Auf dem Schlossberg soll ein über 40 m tiefer Brunnen existiert haben, tiefe Brunnen waren typisch für keltische Siedlungen.Nur einige Hundert Meter nordöstlich der Schanze liegen außerdem zwei ebenfalls unerforschte Hügelgräber im Buchenwald. Auch wenn noch ungeklärt ist, ob diese aus der keltischen Hallstattzeit oder der früheren Bronzezeit stammen, wird hier den Wanderern vor Augen geführt, wie "geschichtsschwanger" doch Otting samt Umgebung ist.

Selbst wenn alle Wälle der Biburger Schanze ganz eingeebnet worden wären, wäre allein der Name Biburg ein Hinweis auf ein solches Bodendenkmal. Von 24 Dörfern, Weilern und Einödhöfen in Ober- und Niederbayern die Biberg und Biburg heißen oder im Namen tragen, liegen 17 unmittelbar neben Keltenheiligtümern, manche sind sogar von mehreren solchen Bezirken umgeben.

Haben unsere vorgeschichtlichen Vorfahren in der unscheinbaren Mulde hinter dem an seiner höchsten Stelle noch bis zu zwei Meter aufragenden Erdwall der Keltenschanze wirklich Kannibalismus bei religiösen Riten praktiziert? So, wie es antike Geschichtsschreiber von den Volksgruppen der Kelten berichten, also von den lateinisch Celtae oder Galli genannten Stämmen. Schriftzeugnisse haben Keltern nicht hinterlassen, die gibt es nur von deren Feinden. War es doch deren Stämmen verboten, sich der Schrift zu bedienen. Das Verbot sollte gewährleisten, dass das nur mündlich tradiertes Geheimwissen nicht verraten wurde.

Indizien für Opferriten könnte in der Biburger Schanze möglicherweise ein unter der Grasnarbe verborgener Opferschacht mit einem Baumstamm in der Mitte bieten, über dem Druiden, also keltische Priester, Tiere und eventuell auch Menschen opferten. In anderen Schanzen wie der von Holzhausen bei München fanden Archäologen in solchen Schächten Knochenreste und organische Substanzen sowie Hinweise auf ein hölzernes Gebäude mit Umgang. Beides sind Belege für eine kultische Zweckbestimmung. Haberlander verneint im Gespräch mit den Wanderern Menschenopfer eher. Ganz ausschließen kann er sie nicht.

Wenn überhaupt, ließe sich das nur bei Ausgrabungen klären. Ebenso wie die Frage, wozu die Biburger Schanze diente. Alles andere ist Spekulation. Beherbergte das uralte Bodendenkmal nur einen Gutshof? Dann müssten Archäologen bei Grabungen auf Relikte einer Besiedlung stoßen, also auf Metallreste, Münzen und Fibeln, wie sie in der Nähe des rekonstruierten Keltengehöfts Stöffling bei Seebruck am Chiemsee ausgegraben wurden.War sie gar ein Wallfahrtsort, ein Zufluchtsort oder einfach nur ein Ort, an den die Stammesführer zu mehrtägigen Festmählern und Trinkgelagen luden? Alles ist möglich, nichts auszuschließen. Was dazu führt, dass die Beschäftigung mit Kelten die Phantasie anregen kann – und damit auch zu Fehlschlüssen verleiten.

Letzteres vermeiden Haberlander und Maierhofer. Beide halten sich an die Fakten. Also an das, was anhand von Bodenfunden und Ausgrabungen zur Latènezeit erforscht und dokumentiert ist, und von beiden mit mitgebrachten Schautafeln veranschaulicht wird. Schließlich bereitete der Arbeitskreis die Wanderung monatelang intensiv vor. Trotz der Ambivalenz der Kelten hält Haberlander deren Kultur der späteren Latènezeit für hochentwickelt. Das ist die Zeit, wohl zwischen 300 und 200 Jahre vor Christi Geburt, in der die an drei Seiten 100 und an der Westseite 80 Meter langen Erdwälle bei Biburg errichtet wurden. Von den ehemals vor der Wallanlage gelegenen Gräben ist nichts mehr zu sehen.

Die im Rupertiwinkel und Chiemgau sesshaft gewordenen Kelten der vorrömischen Eisenzeit gelten als relativ wohlhabend. Nutzten sie doch den Eisenpflug, der eine keltische Erfindung ist, und beherrschten, wie andere Keltenvölker auch, wohl die Kunst, als erste Stahl zu schmieden. Weshalb deren Waffen begehrte Exportartikel waren, ebenso wie ihre kunstvoll gewebten, bunt gemusterten Stoffe. Kelten gelten als versierte Weber, Handwerker, Wagenbauer, Künstler und Händler mit Handelsbeziehungen bis nach Skandinavien und Kleinasien. Importiert wurden Luxusgüter wie Wein aus dem Mittelmeerraum für die Oberschicht, der Rest trank Met und Bier. Die Kelten prägten Münzen und handelten unter anderem mit Salz, das sie im Salzburger Land in Schächten abbauten.

In der Nähe der Hügelgräber führt die Wanderung durch einen Hohlweg, der als Römerstraße bezeichnet wird und über den bis 1750/55 auch die mittlere Salzstraße nach Wasserburg verlief. Haberlander ist überzeugt, dass diese Wegeverbindung schon zur Keltenzeit existierte. Damit wären die Römer die Nutznießer einer keltischen Straße gewesen und hätten es sich erspart, hier selbst eine Trasse zu bauen. Als Beleg für seine These verweist der Ottinger darauf, dass Römerstraßen ja Standardmaße hatten und in der Hohlweg für eine römische Trasse zu eng gewesen wäre.

Die Haltung zu den Kelten ist ambivalent wie deren Ruf. Einmal überwiegt die Bewunderung für deren großartigen handwerklichen und künstlichen Leistungen, deren Hinterlassenschaften Museen füllen. Ein anderes Mal die Abscheu vor den Grausamkeiten des kriegerischen Volkes, das an die Seelenwanderung glaubte und dessen Kämpfer sich mit Todesverachtung ins Schlachtgetümmel stürzten, ihren getöteten Gegnern die Köpfe abschnitten und sich mit diesen Trophäen schmückten. Bedroht wurden die Kelten von den germanischen Völkern im Norden und den Römern im Süden, in deren Reich das Noricum vom Jahr 15 vor Christi Geburt an aufging.

Die Romanisierung, also die Assimilation der Kelten im Römerreich veranschaulicht ein im Inneren der Vorhalle der Tettelhamer Kirche angebrachter römischer, also heidnischer Grabstein. Dessen Inschrift ist interessant, weil sie zwei Sklaven gewidmet ist, die nach ihrer Freilassung geheiratet haben.Der Mann trägt noch den keltischen Namen Conrad, seine Frau den lateinischen Namen Aula. Deren Kinder, die ebenfalls auf dem Stein vermerkt sind, haben bereits alle lateinische Namen.

Wovon ernährten sich Kelten? Da Wandern hungrig und durstig macht, passt es ganz gut, dass die Tettelhamer Imker Bärbel und Christian Pflug vor der Anna-Kirche Met servieren. Das Getränk stellten sie selbst aus einem Drittel Tettelhamer Honig, zwei Drittel Wasser und Hefe her, es ist nach mehreren Jahren Lagerzeit gut gereift. Der Met hat zwölf Prozent Alkohol, schmeckt daher fast wie ein Honiglikör und erinnert an einen gehaltvollen Süßwein einer Spätlese. Dazu wird von Liesbeth Rambichler ein schmackhaftes keltisches Süßgebäck aus Dinkelmehl, Honig und Butter anstelle von Schweineschmalz serviert.

Selbst zur Tettelhamer Anna-Kirche, vor der die Kostprobe gereicht wird, lässt sich ein, wenn auch nur indirekter, Bezug zu Kelten finden. Sehen doch manche in Anna Selbstdritt, also der Darstellung der Anna und Kirchen-Patronin, der Mutter von Maria, zusammen mit ihrer Tochter und dem Jesuskind, eine Entsprechung zu großen Muttergöttin vorchristlicher Religionen. Diese Muttergöttin verkörperte alle drei Lebensphasen vom Kind bis zur Großmutter in sich in einer Person, und damit den ewigen Kreislauf der Natur, der sich über die Generationen immer wieder erneuert.

Die zweieinhalbstündige Wanderung endet mit der Einkehr beim Ottinger Oberwirt. Auch hier geht es keltisch weiter. Wartet doch die Wirtin mit einer speziellen Speisekarte mit keltischen Gerichten auf. Beispielsweise einem deftigen Kelteneintopf mit saftigem Lammfleisch und Dinkelkringel mit Honig und Mohn als Nachspeise. Wer dann immer noch nicht mit Keltischem gesättigt ist, kann sich dort noch einen von Anderl Haberlander gezeigten Film über die Kelten ansehen. Leider nicht über Asterix und Obelix, die bekanntesten gallischen Comicfiguren, von denen sich noch so manches über die Erbauer von Viereckschanzen lernen ließe. Gerhard Eisenkolb.

Terminhinweis:

Die zweieinhalbstündige geführte Keltenwanderung der Interessengemeinschaft Heimat Otting wird übrigens noch mehrmals wiederholt. Die nächsten beiden Termine sind der Samstag, 18. Mai, (Ausweichtermin bei schlechtem Wetter: 25. Mai) und der Samstag, 29. Juni (Ausweichtermin: 6. Juli). Die Teilnehmer treffen sich um 15 Uhr vor der Kapelle auf dem Schlossberg Tettelham. Die Teilnahme ist frei, ein freiwilliger Kostenbeitrag erwünscht. Zu erreichen ist die Interessengemeinschaft unter der Handynummer 0171/4890802.

Gerhard Eisenkolb

Zurück zur Übersicht: Waging am See

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT