Appell gegen das Vergessen

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Rund 350 Schüler aus drei Traunsteiner Schulen waren am Donnerstag Nachmittag in die Turnhalle der Berufsschule II in Traunstein gekommen um Abba Naor (Mitte) zuzuhören, der als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen während der Nazi-Herrschaft erzählte. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Schulleiter Helmut Gleixner (links) und dem Religionslehrer Arno Zandl.

Traunstein - Rund 350 Schüler der Traunsteiner Berufsschulen kamen am Donnerstagnachmittag in die Turnhalle der Staatlichen Berufsschule II, um den Bericht des Zeitzeugen Abba Naor zu hören.

Abba Naor wurde in der Zeit von 1939 bis 1945 von Nazis in ein Litauener Ghetto sperrten und später in das KZ-Außenlager nach Kaufering brachten. Auf dem Todesmarsch Richtung Bad Tölz wurde er von amerikanischen Truppen befreit und vor dem sicheren Tod gerettet.

Der Schulleiter der Kaufmännischen Berufsschule, Helmut Gleixner sensibilisierte die Berufsschüler in seiner Eingangsrede für die Thematik: „Der Umgang mit der Vergangenheit ist ein ganz wichtiges Thema – gerade wenn wir an diese schwarze Zeit unserer Geschichte denken.“ Wichtig sei ihm daneben die jungen Menschen zu sensibilisieren, dass der Friede ein Wert sei, den es unbedingt zu erhalten gelte. „Viele von uns wissen das gar nicht zu schätzen, weil sie nie eine andere Zeit kennen gelernt haben“ so der Schulleiter.

Religionslehrer Arno Zandl, der die Veranstaltung vorbereitet hatte, erläuterte die Gründe für die Veranstaltung: Man habe den Zeitzeugen bei einer Schülerreise in das Dokumentationszentrum Dachau vor einigen Monaten kennen gelernt. Die Schüler wollten das aus zeitlichen Gründen abgebrochene Gespräch nun in Traunstein weiterführen, was sich zum Ende der Veranstaltung dann in einer längeren Diskussion zeigte. Zandl wies auf die antisemitischen Tendenzen hin, die Ende des 19. Jahrhunderts auch in Traunstein erkennbar waren, wie er aus der Dokumentation des Historikers Friedbert Mühldorfer ausführte. An die biblische Verbindung aus dem Neuen Testament zwischen Juden und Christen anspielend, begrüßte er den 82-jährigen Zeitzeugen mit den Worten: „Sie sind in doppelter Hinsicht unser älterer Bruder.“

Naor erläuterte, dass ihm das Sprechen über die damaligen Geschehnisse immer wieder neu schwer falle: „Jedes mal erzählen, heißt auch, das jedes mal wieder neu 'durchzuleben'. Wer Dinge wie ich erlebt hat, kann das nie mehr vergessen.“ Er erzählte, wie es nach dem Überfall der Deutschen Armee in der Folge zu einem Pogrom der litauischen Bewohner gegen die jüdischen Bürger des Landes gekommen war dem später die Gewaltexszesse der Nazis folgten.

Todesbefehl unterschrieben und abends zur eigenen Familie

Nach wie vor könne er nicht verstehen, was Menschen zu solch grausamen Handlungen bewege. „Was waren das für Menschen, die Todesbefehle für 35 000 Kinder unterschrieben haben, und dann in Ruhe nach Hause gegangen sind und mit ihren Kindern gespielt haben?“ fragte der Zeitzeuge, der an die 1,5 Millionen Kinder erinnert, die insgesamt durch den Krieg gestorben sind oder von den Nazis getötet wurden. Bewegt habe ihn ein Besuch in der Holocaust Gedenkstätte in Yad Vashem, in der er sich auf einem der ausgestellten Bildern wiedergefunden habe. „Ich war da und ich bin immer noch da“ das wie ein Ruf an die Nazischergen klang, die es nicht geschafft hätten sein Leben auszulöschen.

Er habe im Ghetto und später im KZ-Außenlager auch deshalb überlebt, weil er Freunde im Lager gehabt habe, die zusammen geholfen hätten und es immer wieder gelungen sei, neben der kärglichen Essensration etwas essbares aufzutreiben. „Außerdem haben wir auf die Wachleute aufgepasst und uns immer gefragt: Was denken die von uns?“ Als er mit 17 Jahren von der Naziherrschaft befreit wurde sei er nach dem Erlebten ein „alter Mann“ gewesen. Erst später habe er versucht, seine Jugendzeit „nachzuholen“ und habe sich gefühlt, als ob er immer jünger geworden sei.

Den Glauben verloren

Ob ihm denn sein Glaube geholfen habe, das Erlebte zu verarbeiten wollte eine Schülerin wissen. „Leider habe ich keinen Glauben“ erwähnte Naor und stellte die Frage, die sich Menschen jüdischen Glaubens immer wieder im Bezug auf die scheinbar ausgebliebene Hilfe Gottes in den Verfolgungen während der Naziherrschaft gestellt haben: „Wo war er?“ Ewald Kleybold vom Lehrerkollegium wies darauf hin, dass es auch andere Beispiele gäbe, wo der Glaube ehemaligen KZ-Häftlingen geholfen habe, das Erlebte zu verarbeiten. „Meine Seelentherapie ist das, was ich heute tue, dass ich mit euch spreche“ war seine Erklärung wie er das Unfassbare verarbeite.

Kein Hass auf die Nazi-Schergen

Bernadette Biermaier überreichte ihm süßes Gebäck und eine Marmelade

Er könne nicht verstehen, warum die deutschen SS-Wachmänner so menschenverachtend und brutal gehandelt hätten. Er verstehe daneben auch nicht, warum die Engländer trotz des Wissens um die Vernichtungslager sich geweigert hätten Auschwitz zu bombardieren so Naor, ohne die Situationen gleich zu werten. „Aber ich habe gelernt, ohne Hass zu leben.“ Auf die Frage, wie er reagieren würde, wenn er dem Kommandanten gegenüber stehen würde, der für den Tod seines Bruders verantwortlich sei wich er dann doch aus. Dieser sei schon lange tot, also stelle sich diese theoretische Frage ohnehin nicht.

Die Schüler überreichten dem 82-jährigen anschließend einige Geschenke, dabei unter Anderem auch Kekse und Marmelade. „Wo waren sie 1945?“ fragte er eine Schülerin ohne Vorwurf in Anspielung auf den Hunger und die Not, die er im Krieg und nach Kriegsende erlitten hatte. Und doch verbarg sich dahinter auch die fehlende Verarbeitung des unfassbaren menschlichen Leides das ihm und seiner Familie und unzähligen anderen Menschen in der Zeit des Naziregimes angetan wurde.

Die Schüler zeigten sich zum Ende der Veranstaltung sichtlich bewegt. Stehende Ovationen, sonst eher aus dem Bereich von Stars des öffentlichen Lebens bekannt, zeigte dass die jungen Auszubildenden der Berufsschulen von dem Zeitzeugenbericht und der Person Naors tief bewegt waren.

Abba Naor

Abba Naor wurde als Ibe Nauchowitsch am 21. März 1928 in Litauen geboren. Seine Familie gehörte zu den alteingesessenen jüdischen Familien im Land. Als er 13 Jahre alt war besetzte die deutsche Wehrmacht seine Heimat und verwandelte seine Kindheit in einen Alptraum. Drei Jahre lebte seine Familie nach einem Pogrom im Ghetto in Kaunas. Sein Bruder wurde dort 1941 ermordet. Seine Familie kam in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig, er und sein Vater kamen später in Außenstellen des Konzentrationslagers Dachau. Seine Mutter und seine Schwester wurden vermutlich nach Auschwitz deportiert wo sie ermordet wurden.

Er überstand acht Monate Hunger, Kälte, Schmutz und schwerste körperliche Arbeit, bevor er auf einen „Todesmarsch“ Richtung Bad Tölz geschickt wurde. Die US-Armee befreite ihn schließlich am 2. Mai bei Waakirchen.

Naor lebte noch eine Zeit lang in München, bevor er dann nach Israel auswanderte. Sein Vater, den er auf abenteuerliche Weise wieder fand, blieb in München. Naor besuchte ihn immer wieder und engagierte sich in Dachau in dem Projekt „Ein Mahnmal für die Opfer des Dachauer Todesmarsches“. Er engagiert sich im Rahmen eines Schüleraustausches zwischen israelischen und bayerischen Schülern.

awi

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