Asylbewerber: „Traunsteiner Netz“ gegründet

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Erst vor wenigen Wochen zeigte sich der Stadtteil Geißing in Traunstein in Aufruhr, nachdem dort Gerüchte die Runde machten, im ehemaligen Telekom-Gebäude würden bis zu 150 Asylbewerber untergebracht werden. Die Stadt Traunstein reagierte zwischenzeitlich und hat das „Traunsteiner Netz“ ins Leben gerufen.

Traunstein - Der Aufruhr war groß, als das Gerücht aufkam, dass 150 Asylbewerber im ehemaligen Telekom-Gebäude untergebracht werden könnten. Jetzt wurde das "Traunsteiner Netz" gegründet.

Die brodelnde Gerüchteküche, dass angeblich bis zu 150 Asylbewerber im ehemaligen Telekom-Gebäude im Traunsteiner Ortsteil Geißing untergebracht werden könnten, trieb vor einigen Wochen viele der dortigen Anwohner auf die Barrikaden. Die Folge waren wüste, weitgehend anonyme Beschimpfungen eines zu Unrecht in die Angelegenheit mit hineingezogenes Traunsteiner Unternehmerehepaar, emotionale Diskussionen und letzlich die Rücknahme der Pläne der Objekteigentümer, deren „Aus“ für das geplante Projekt bei einer Informationsveranstaltung bekannt gegeben wurde, in der der Katholische Pfarrsaal in Traunstein in Heilig Kreuz bis auf den letzten Platz gefüllt war. Das Für und Wider des richtigen Umgangs mit den asylsuchenden Menschen prägten die zum Teil sehr hitzig geführte Diskussion. Bei einem Großteil der Bürger blieb ein Gefühl der Betroffenheit zurück, wie sich „Traunstein“ hier präsentiert, andere wiesen pauschale Verdächtigungen oder gar den Versuch, den Landkreis in eine „braune Ecke“ zu stellen, scharf zurück. In Internetforen und in Form von Leserbriefen machten sich viele Bürger aus Traunstein und dem Landkreis auch nach der Informationsveranstaltung Luft und beteiligten sich an der Diskussion.

Bei den Kulturtagen ein Symbol, in der Aktion das „Traunsteiner Netz“ wird die Zusammenarbeit zwischen den überwiegend kirchlichen Einrichtungen und den Behörden jetzt in der Frage der Unterstützung für künftige Asylbewerber in Traunstein deutlich.

Derzeit sind nach Auskunft des Landratsamts Traunstein 237 Asylbewerber im Landkreis an den Standorten Seehaus, Kirchanschöring und Schnaitsee sowie in den Gemeinschaftsunterkünften in Engelsberg und Grassau untergebracht, 248 ist die „Quote“, wie Rudolf Mühlbauer, Leiter des Sachgebietes Soziales und Senioren im Landratsamt betont. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die Prognose bis zum Jahresende bei 352 Asylbewerbern liege. „Die Lage kann sich von heute auf morgen ändern“ betonte der Sachgebietsleiter auf unsere Anfrage hin. Man sei weiterhin auf der Suche nach geeigneten Unterkünften im Landkreis, denn so Mühlbauer „wir müssen damit rechnen, dass wir mehr Bewerber zugewiesen bekommen.“

Traunstein zeigt sich vorbereitet

Traunsteins Oberbürgermeister Manfred Kösterke betonte schon im Rahmen der seinerzeitigen Bürger-Informationsveranstaltung, das sich „die Stadt Traunstein nicht verweigern werde“, wenn ein erneutes Ansuchen über die Regierung von Oberbayern an die Stadt herangetragen werde und auch damals hatte man von Seiten der Stadt bereits umgehend reagiert und entsprechend mit den Wohlfahrtsverbänden und Kirchen einen Arbeitskreis einberufen, der in der Thematik möglichst schnell Hilfestellung für die betroffenen Menschen bringen solle. Dieser Kreis wurde weitergeführt, auch wenn die umfassende Unterbringung in dem Objekt in Geißing offensichtlich kein Thema mehr ist.

Bei den Kulturtagen ein Symbol, in der Aktion das „Traunsteiner Netz“ wird die Zusammenarbeit zwischen den überwiegend kirchlichen Einrichtungen und den Behörden jetzt in der Frage der Unterstützung für künftige Asylbewerber in Traunstein deutlich.

Im Rahmen der Stadtratssitzung am Donnerstag Abend betonte der Oberbürgermeister, das man – gerade auch nach den Vorkommnissen um die Standortfrage in Geißing, aber auch vor dem Aspekt des Projektes „Vernetzte Stadt“ bei den Oberbayerischen Kultur- und Jugendkulturtagen - damit begonnen habe, sich in der Stadt aufzustellen und auf ein mögliches Unterbringen von Asylbewerbern vorzubereiten. Ziel sei „ein entsprechendes Konzept, wie man Asylanten engmaschig betreuen könne“ sagte das Stadtoberhaupt. Im Zusammenschluss „Traunsteiner Netz“ haben sich nun diverse Sozialverbände wie beispielsweise die Arbeiterwohlfahrt, der Kinderschutzbund, die Tafel sowie Familien- und Asylpaten sowie Stadt und Landkreis Traunstein zusammengeschlossen, um eine entsprechende zeitnahe Betreuung künftiger Asylsuchender in Traunstein gleich zu Beginn ihrer Ankunft sicher zu stellen. Das Diakonische Werk stellt für die Betreuung einen hauptamtlichen Mitarbeiter zur Verfügung. Auch Sprachkurse seien umgehend vorgesehen. „Bei uns sind die Hausaufgaben gemacht“ betonte Oberbürgermeister Kösterke.

Gleichzeitig machte der Oberbürgermeister deutlich, dass der Zuzug „ungebremst und verstärkt“ Richtung Oberbayern weitergehen werde, da die Aufnahmelager wie beispielsweise in Zirndorf völlig überfüllt seien. Gemäß der ihm von der Regierung von Oberbayern gegebenen Informationen würden rund 75 Prozent mehr Asylsuchende gegenüber dem Vorjahreszeitraum nach Bayern kommen, wobei der Hauptzuzugsstrom erst im Herbst erwartet wird.

Gründung für den Eventualfall

Er sagte, man habe das „Traunsteiner Netz“ für den Fall gegründet, dass man die Menschen in Traunstein unterbringen müsse. Dabei zeigte er sich über die hohe Bereitschaft zur Mitarbeit der Verbände, Organisationen und Kirchen sehr angetan, hatte aber auch Lob für einzelne Bürger über, die sich in der Arbeit engagieren würden: „Ich bin dankbar, dass viele Bürger an einer engen sozialen Betreuung mitwirken.“

Stadtpfarrer Georg Lindl sagte auf unsere Anfrage, dass – gleich wie die Menschen in die Region kommen würden – ein Grundsatz gelte: „Sie müssen menschenwürdig behandelt werden.“ In den Staaten, aus denen Asylsuchende geflohen seien, würden sie oft genug würdelos behandelt werden. Dem stelle man einen Umgang entgegen, in dem die Menschen „respektiert und mit Würde behandelt werden.“

Pfarrer Sebastian Stahl von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Chieming-Traunstein-Waging, der sich schon in der seinerzeitigen Diskussionsveranstaltung über die schroffe Ablehnung einzelner Beteiligter besorgt gezeigt hatte, sagte, das „Traunsteiner Netz“ sei letztlich auch ein starkes Symbol für den zwanglosen und selbstverständlichen Umgang auf Augenhöhe. Es gäbe eine gemeinsame Verantwortung, in dem Sinne, dass „das Netz das uns trägt, alle auffangen soll.“

awi

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