Tag 6 im Prozess um den WM-Mord in Bad Reichenhall

WM-Mord: Schon als Jugendlicher oft aggressiv

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Traunstein/Bad Reichenhall - Die Zeugen am Freitag sollten dabei helfen, die wichtigste Frage im Prozess zu klären: Soll Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht angewendet werden?

Die wichtigsten Erkenntnisse von Tag 6:

- Mutter von Christoph R. macht von ihrem Zeugenverweigerungsrecht Gebrauch und erscheint nicht vor Gericht!

- Heimleiter zeichnet umfangreiches Bild des Angeklagten und belastet diesen schwer: "Er sagte, er wolle zum Killer werden!"

- Als weiterer Zeuge tritt ein Polizist vor das Gericht. Zunächst wirkt dieser unsicher, sagt dann aber aus, dass Christoph R. in einer Vernehmung gesagt habe, dass man ihm ohnehin nichts nachweisen könne, weil er das Messer weggeworfen habe.

UPDATE 16.05 Uhr:

Nun steht der junge Mann vor dem Richter, der schon in seiner Jugendzeit große Probleme mit dem Angeklagten hatte. Christoph R. und andere Heimbewohner lockten in damals in eine Tiefgarage - "was ich noch genau weiß, dass der R. dann auf mich eingeprügelt hat." Eine Entschuldigung blieb damals aus. Auch im Fall von Bad Reichenhall hat Christoph R. noch bei Niemandem versucht, sich zu entschuldigen.

Der nächste, ganz ähnlich gestrickte Fall: Eine frühere Mitbewohnerin des Jugendheims, auch sie wurde Opfer seiner Gewalt. Bei einem Heimausflug in Frankreich setzte es einen Faustschlag gegen den Kopf, danach packte er das Mädchen an der Gurgel: "Wenn der da neben mir sitzt", sie deutet auf Christoph R., "dann ist das schwer." Damit noch nicht genug: Sie wurde von ihm sexuell bedrängt, er griff ihr an Brüste und Po. Die Zeugin berichtet außerdem von ausländerfeindlichen Sprüchen: "Nazimäßig" nennt sie's. Auch in jenen Teenager-Jahren habe sich Christoph R. bereits für Waffen und Ballerspiele am PC fasziniert.

Die geladenen Zeugen am Freitag bringen kuriose Einblicke ins Leben von Christoph R.: Ein Musiker steht vor Richter Klaus Weidmann. Er übernachtete in einem Hotel bei Würzburg, als der Angeklagte mitten in der Nacht an seiner Zimmertür trommelte: "Ich bin von der Militärpolizei und muss nach einem Mädchen suchen." Er zeigte seinen Bundeswehrausweis und war wohl auf der Suche nach seiner Schwester - doch der Zeuge war stinksauer und machte ein Foto von Christoph R. Er kramt sein Handy aus der Hosentasche, der Richter will es sehen. Dass der Zeuge es mit einem mutmaßlichen Mörder zu tun hatte, wusste er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht. Er protestierte beim Bundeswehr-Stützpunkt in Bad Reichenhall, wollte die Übernachtungskosten und eine Entschuldigung. Ohne Erfolg.

Nun eine Ex-Freundin des Angeklagten vor dem Richter. Sie ist erst 17 und sichtlich aufgeregt. Vor vier Jahren waren die beiden ein Paar. Ein halbes Jahr ging alles gut, die Zeugin beschreibt ihn als lieben Freund. Doch als sie ihn auf das Thema Alkohol anspricht, wird er es schwierig: "Du bist nicht besser als Dein Vater, wenn Du so weitermachst", sagte sie ihm. Nach der Trennung hörten die beiden lange nichts voneinander. Bis die Zeugin Mitte Juli 2014 ein SMS von Christoph R. bekam: "Er wollte mich wieder treffen." Es waren die Tage nach der Bluttat, als der Angeklagte vor seiner Flucht nach Norwegen kurze Zeit wieder in Rheinland-Pfalz verbrachte. Sie traut sich kaum, ihren Ex-Freund anzusehen. Als sie den Gerichtssaal wieder verlassen kann, blinzeln ihre Augen doch noch kurz zu ihm hinüber. Schnellen Schrittes sucht sie die Ausgangstür.

Es waren die letzten Zeugen, die im Fall Christoph R. aussagten. Das Gericht brauchte sie, um vom Angeklagten ein genaueres Bild zu bekommen, über seine Jugend, sein Sozialverhalten. Vor allem für den psychologischen Gutachter sind solche Zeugen von Bedeutung. Denn in der nächsten Sitzung am Montag werden er und eine Sachverständige der Jugendgerichtshilfe ein Urteil fällen: Inwieweit ist Christoph R. schuldfähig? Sollte man Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht anwenden? Eine der spannendsten Fragen, die im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall noch zu klären sind. Denn: Dass Christoph R. die Taten begangen hat, bezweifelt niemand.

UPDATE 13 Uhr: "Sein Benehmen war 1a"

Die Geheimnistuerei besonders eines Soldaten am Dienstag beschäftigt das Gericht weiterhin. Es geht um nichts weniger, als um ein Geständnis von Christoph R. vor seinen Kameraden am Tag nach der WM-Nacht. Doch wer hat was genau gehört? Die Zeugen verstrickten sich bislang teils in Widersprüche, einer wollte sich am Dienstag vor dem Richter plötzlich nicht mehr an die Gespräche und das Geständnis erinnern: Trotz einer extra anberaumten "Erinnerungspause" für den Zeugen - die Angaben, die er gegenüber der Polizei machte waren andere, als die Aussagen vor Gericht.

Nun ist genau jener Polizeibeamte im Zeugenstand, der den Kameraden im August nach der Tat vernahm. Auch er bestätigt, dass das Gespräch damals kompliziert gelaufen sein muss - "man musste ihm alles aus der Nase ziehen, wir haben fast nur mit ihm diskutiert." Der Beamte wirkt unsicher - die Zuschauer im Gerichtssaal beginnen zu tuscheln: Wurde der Soldat in der Vernehmung vielleicht unter Druck gesetzt? Bei der zweiten Vernehmung war der Kamerad aber wohl offener: "Christoph R. soll zu ihm gesagt haben, man könne ihm eh nichts nachweisen, weil er das Messer weggeworfen habe", so der Polizeibeamte. Und er bestätigt: "Der Zeuge hat gelesen und abgezeichnet, was wir protokolliert haben." Die Nebenklage bleibt skeptisch: Der umstrittene Soldat soll nochmal vernommen werden.

Ein weiterer Zeuge, ein weiterer Blickwinkel auf Christoph R. Vor den Richter tritt ein Mann, der Christoph R. für fünf Tage aufnahm: "Sein Benehmen war 1a." Nur einmal auf einem Weinfest gab es einen Zwischenfall: Der Angeklagte sei einem Passanten grundlos mit dem Knie voraus in die Magengrube gesprungen - von einem Moment auf den anderen, "das hat mich ja so gewundert", so der Zeuge. Als er den Gerichtssaal verlassen darf, geht er am Angeklagten vorbei, er winkt ihm zu: "Tschüß" - Christoph R. zeigt keine Regung.

Nach der Mittagspause werden zwei weitere Bundeswehrsoldaten verhört, außerdem einige ehemalige Mitbewohner im Kinderheim von Christoph R. - darunter auch der junge Mann, den der Angeklagte angeblich damals schon zu Tode prügeln wollte.

UPDATE, 11 Uhr: Chefrolle im Heim

Überraschung gleich zu Beginn des sechsten Verhandlungstags: Mutter Michaela R. kommt nicht vor Gericht. Sie ließ im Voraus mitteilen, dass sie von ihrem Zeugenverweigerungsrecht Gebrauch macht. Doch bevor der erste Zeuge geladen wird, hat der Richter noch weitere Neuigkeiten: Es geht wieder um das PC-Spiel "Skyrim". Von der Gesellschaft für Freiwillige Selbstkontrolle forderte der Richter eine Einschätzung des Spiels an. Außerdem holte man sich zwei Versionen des Rollenspiels: "Dann haben wir ein Vorstellungsbild". Beim nächsten Termin am Montag wird sich das Gericht also "Skyrim"-Spielszenen ansehen - damit auch wirklich jeder vor Gericht weiß, um was für ein Spiel es sich genau handelt.

Thomas K. betritt als erster Zeuge den Gerichtssaal. Ein Mann, der wohl nicht den einfachsten Job hat: Leiter eines Jugendheims. Thomas K. war es damals, als Christoph R. in seinem Haus betreut wurde und er ist es noch heute. "Ich bin nicht ganz so froh, hier zu sein", sagt er gleich zu Beginn mit pfälzischer Zunge und blickt zur Anklagebank. Wenn man ihm zuhört, setzt sich Stück für Stück ein Puzzle zusammen über Christoph R.s Leben.

Elf Jahre lang hatte Thomas K. den mutmaßlichen Mörder unter seiner Fittiche. Im Mai 2012 hat man sich das letzte Mal gesehen. Es wäre ein höflicher und freundlicher Abschied gewesen. Und heute? "Dieser Blick... den kenne ich von ihm nicht. So kühl." Alkohol, Gewalt und sexuelle Übergriffe vom Vater gegen die Mutter waren die Gründe, warum Christoph R. im Heim landete: "Zur Mutter hatten wir weiter Kontakt, aber der Vater ist irgendwo in der Versenkung verschwunden", weiß der Heimleiter.

Via Facebook hat angeblich sogar die Mutter des Angeklagten gefordert, dass dieser lebenslänglich weggesperrt werden müsse (zum Vergrößern auf das Bild klicken)

"Das Frauenbild von ihm war von Anfang an gestört. Wenn dann sollten die an den Herd, und gut ist's", so eines der Urteile des Heimleiters. Auch zur Schulzeit gab es dann "Entgleisungen" gegenüber Lehrern und Mitschülern und schlechte Noten - aber er habe sich mit der Zeit gebessert: "Ab der 8. Klasse wusste er, was er wollte, hatte Ziele, wollte das Fachabitur machen." Auch ein Zeitungsartikel liegt dem Gericht vor: Christoph R. reckt einen Pokal in die Höhe, den er beim Vorlesewettbewerb gewann. In Deutsch tat er sich leicht, Mathe war eher seine Schwäche.

Für die FOS reichte es nach der Realschule nicht, die Lehre zum Metallbauer lief aber anfangs gut - doch bald häuften sich die Fehlzeiten: "Er hat sich immer mehr verweigert. Ab seinem 18. Geburtstag hat er dann eigentlich gar nichts mehr gemacht" - das war's mit der Ausbildung. Christoph R. hört gespannt zu, was sein früherer Betreuer zu sagen hat. Auch die letzten Jahre im Heim liefen nicht glatt: Schläge gegen andere Jugendliche, er wollte eine "Chefrolle" einnehmen, wie es Thomas K. nennt. Er war aber bei weitem nicht der einzige aggressive Heimbewohner, betont der Zeuge. "Halt's Maul, du hast mir nichts zu sagen", durften sich Erzieherinnen anhören. Ab einem Alter von 15 Jahren machte der Angeklagte immer öfter Bekanntschaft mit der Polizei: Diebstähle, Sachbeschädigungen an Autos. Er bedrängte Mädchen - und stieg in eine Leichenhalle ein.

6. Prozesstag beim WM-Mord

Drogen und Alkohol schlichen sich in sein Leben: Im Suff verpasste er einer Ärztin ein blaues Auge. Mit 17 schlug er auf einen Gleichaltrigen ein, bis er von anderen Zurückgehalten werden musste: "Sonst hätte ich den totgeprügelt", soll Christoph R. damals gesagt haben. Auch dieses Opfer wird heute noch als Zeuge geladen. Dann wurde er auf die Bundeswehr aufmerksam, vor allem Auslandseinsätze fand er "cool und toll": "Er sagte, er wolle dort zum Killer werden", so der Heimleiter. Dazu kam die Selbstüberschätzung des Angeklagten: "Er sei der Beste, der Rest der Menschheit sei nur Fußvolk."

UPDATE, 10 Uhr: Mutter wird nicht aussagen

Die Mutter von Christoph R. war für den heutigen Prozesstag als Zeugin geladen. Sie ist jedoch nicht erschienen. Sie gab im Vorfeld bekannt, dass sie von ihrem Zeugenverweigerungsrecht Gebrauch macht.

Vorbericht

Ein Wiedersehen, wie man es keiner Mutter wünscht. Doch ob sie will oder nicht: Michaela R. wird am sechsten Tag im Prozess um den WM-Mord von Bad Reichenhall als Zeugin vor das Traunsteiner Landgericht geladen. Ihr Sohn Christoph wird dann hinter der Anklagebank sitzen. Ob er zumindest bei diesem Treffen eine Regung zeigen wird? Ein Lächeln? Einen vertrauten Blick? Vielleicht lieb gemeinte Worte? Für das Gericht ist die Mutter des mutmaßlichen Mörders eine wertvolle Zeugin: Sie könnte Einblick in sein Seelenleben geben - vielleicht der einzige Mensch, der wirklich in das Innere von Christoph R. blicken kann.

WM-Mord-Prozess - was bisher geschah:  

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet über Familie und Lebenslauf von Christoph R.

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

Bereits am ersten Verhandlungstag berichtete eine Sachverständige der Jugendgerichtshilfe über die Familienverhältnisse des Angeklagten: Es waren nie die besten. Sein Vater schlug die Mutter, im Alter von fünf Jahren wurden die Kinder von den Eltern getrennt. Noch heute unterstellt Christoph R. seinen Angehörigen einen "Intelligenzmangel", fühlt sich nicht zu ihnen hingezogen. Christoph R. landete nach der Trennung von der Familie in einem Kinderheim. Auch über diese Zeit wird heute mehr bekannt werden: Der Leiter des Heims und etliche ehemalige Bewohner werden von Richter Klaus Weidmann befragt um mehr Klarheit in die Bluttaten vom Juli 2014 zu bringen. Der Prozess beginnt um 9 Uhr.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

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