Tag 9 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

Richter warnt: "Prozess könnte platzen"

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Das vorletzte Mal durch den langen Gang zum Gerichtssaal: Christoph R. muss sich heute anhören, welche Strafen sein Verteidiger und die Staatsanwaltschaft für ihn fordern.
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Traunstein/Bad Reichenhall - Ein Antrag mit "explosivkraft": Die Nebenklage will ein neues Gutachten - Christoph R. könnte zwar doch noch mit Erwachsenenstrafe verurteilt werden, aber der Prozess stockt.

UPDATE 13.40 Uhr:

Nach längerer Pause tritt der Richter wieder herein: "Die Beweisanträge haben explosivkraft." Auch wenn es ihm anscheinend widerstrebt, Richter Klaus Weidmann muss beide Anträge der Nebenklage zulassen: Die Schmerzensgeldforderungen einerseits, das neue psychologische Gutachten andererseits. "Dank den Anträgen der Nebenklage wird sich alles verzögern", stöhnt der Richter.

"Diese Tat sprengt die Grenzen dessen, was wir hier normalerweise verhandeln. Auch die schwierige Entwicklung des Angeklagten ist ein besonderer Umstand. Dass er hier nichts sagt, ist sein gutes Recht, aber die bisherigen psychologischen Gutachten haben tatsächlich einiges offen gelassen: Inwieweit wird Christoph R. noch reifen?" Damit gibt er der Nebenklage Recht: Zur Frage Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht haben die bisherigen Sachverständigen zwar klar plädiert, aber eins blieb offen: Die Frage der "Nachreifung", wie es die Juristen nennen. Ist Christoph R. schon voll entwickelt oder nicht? Ob Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zum Tragen kommt, muss also neu entschieden werden.

Wie geht es nun weiter? Der psychologische Gutachter von vergangener Woche muss nochmal anrücken, genauer schildern, wie er Christoph R. sieht und sich expliziter zur "Nachreifung" des Angeklagten äußern. Und der von der Nebenklage gewünschte weitere psychologische Sachverständige wird geladen. Wie schnell ihn das Gericht nach Traunstein holen kann, ist allerdings noch unklar. Laut Verteidiger Harald Baumgärtl wird Christoph R. ihm gegenüber schweigen - der neue Sachverständige wird sich seine Einschätzung des Angeklagten also aus reiner Beobachtung und bisherigem Beweismaterial herleiten müssen. Daher wird auch das selbstgedrehte Video des Ex-Kameraden von Christoph R. nochmal eine Rolle spielen. Es wurde in Bierlaune nur wenige Tage nach der Tat gedreht, der Angeklagte gibt sich dort scheinbar völlig unbeeindruckt von dem, was kurz zuvor in Bad Reichenhall passiert ist.

Über den weiteren Zeitablauf des Prozesses traut sich Richter Weidmann noch nicht viel sagen: "Es wird insgesamt noch einige Wochen dauern. Dann kommt Pfingsten, viele haben Urlaub. Es besteht die Gefahr, dass das Verfahren platzen wird." Fest steht bisher nur, dass der Prozess am Mittwoch um 14.30 Uhr fortgesetzt wird - möglichst mit neuen, weiteren Aussagen der psychologischen Gutachter.

UPDATE 10.45 Uhr:

Im Prozess gegen Christoph R. scheint das letzte Wort noch lange nicht gesprochen: Die Nebenklage stellt zwei weitere Anträge. Zum einen will sie Schmerzensgeld für Sarah F, mindestens 175.000 Euro. Auch das soll noch ins Urteil einfließen. Außerdem soll der Angeklagte "alle weiteren materiellen und immateriellen Schäden, die der Geschädigten durch die Tat noch entstehen, ersetzen". Zur Begründung zählt die Nebenklage wieder all die grausigen Verletzungen auf, die Sarah F. zugefügt wurden. Noch immer leide sie an Schmerzen durch die Stichverletzungen, eine weitere Operation am Auge könnte notwendig werden - außerdem ist sie in psychotherapeutischer Behandlung.

Der zweite Antrag sorgt für Missmut im Gerichtssaal: Die Nebenklage will ein neues entwicklungspsychologisches Sachgutachten. Mit den Urteilen der beiden Gutachter vergangene Woche war man wohl alles andere als zufrieden - sie sprachen sich für eine Jugendstrafe aus. Daher ein neues Gutachten: "Christoph R. hat schon eine gefestigte Persönlichkeit, das beweist unter anderem seine Bundeswehr-Karriere. Er hatte Berufspläne und auch gefestigte Beziehungen. Wir haben es also nicht mehr mit einem Jugendlichen zu tun", so die Nebenklage.

Aber: Dieser neue Psychologe müsste Christoph R. natürlich erst kennen lernen und befragen. Will der Angeklagte das? "Nein, das will er nicht. Daher werden wir den Antrag ablehnen", so Verteidiger Baumgärtl. Der Richter fragt auch den Angeklagten selbst. Die knappe Antwort: "Nein" - die erste klare Aussage des Angeklagten selbst nach wochenlangem Prozess.

Auch die Staatsanwaltschaft lehnt daraufhin den Antrag der Nebenklage ab: Alle Fragen seien bereits beantwortet. Er wendet sich Sarah zu: "Frau F., ich halte ihre Ansprüche für berechtigt. Aber das verzögert den Prozess jetzt nur unnötig", so der Staatsanwalt. Abgesehen von der Nebenklage wirkt niemand begeistert von den Anträgen. Richter Weidmann unterbricht die Verhandlung kurz. Wird er die Anträge zulassen? Am kommenden Mittwoch sollte das Urteil gegen Christoph R. fallen - sehr fraglich, ob es dazu kommen wird.

Bilder vom neunten Prozesstag:

9. Prozesstag beim WM-Mord

Vorbericht:

Über zwei Wochen saßen sie sich "nur" gegenüber, heute sind sie gefragt: Staatsanwaltschaft und Verteidigung werden die Plädoyers vortragen. Es geht um nichts weniger als die Frage, wie die tödliche Messerattacke auf Alfons S. und die schwersten Verletzungen an Sarah F. vom Juli vergangenen Jahres bestraft werden. In den letzten Prozesstagen deutete sich bereits an, dass der mutmaßliche Täter Christoph R. bei einer Verurteilung mit einer Jugendstrafe davonkommen könnte. Sowohl die Jugendgerichtshilfe als auch ein Psychologe sprachen sich dafür aus. Daher ist zu erwarten, dass auch Christoph R.s Verteidiger Harald Baumgärtl für eine Jugendstrafe plädieren wird.

WM-Mord-Prozess - was bisher geschah: 

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet über Familie und Lebenslauf von Christoph R.

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

- Prozesstag 4: Frühere Kameraden mit Gedächtnislücken

- Prozesstag 5: Soldat erlebte Christoph R. aggressiv und unberechenbar

- Prozesstag 6: Heimbewohner und Ex-Freundin geben Einblick in Christophs Jugend

- Prozesstag 7: Sachverständige plädieren für Jugendstrafe

- Prozesstag 8: Letzte Beweismittel bringen Christoph R. zum Lachen

Und die Staatsanwaltschaft? Sie hatte bisher so ihre Bedenken, den Angeklagten als Jugendlichen einzustufen. Zum Tatzeitpunkt war der Ex-Soldat 20 Jahre alt. Werden die Staatsanwälte für Christoph R. eine Erwachsenenstrafe fordern? Der Unterschied kann, muss aber nicht gravierend ausfallen: Während Heranwachsenden bei Mord höchstens 15 Jahre Haft drohen, sind es bei Erwachsenen mindestens 15 Jahre. Anschließend kann eine Sicherungsverwahrung ausgesprochen werden - auch damit ist im Fall des WM-Mordes von Bad Reichenhall zu rechnen. Um 9 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

WM-Mord: Bilder vom dritten Prozesstag

WM-Mord: Der Angeklagte vor Gericht

WM-Mord: Prozessauftakt in Traunstein

6. Prozesstag beim WM-Mord

7. Prozesstag im Fall des WM-Mordes

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