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Nach Wolfs-Video: Wir haben uns im Dorf umgehört

An Brigitte Dietz‘ Laden in Bergens Ortsmitte streifte der Wolf vorbei: „Er gehört hier nicht her“

Brigitte Dietz vor ihrer „Boutique Brigitte“ in Bergen. Hier spazierte der Wolf vorbei.
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Brigitte Dietz vor ihrer „Boutique Brigitte“ in Bergen. Ein Video vom Mittwochabend zeigte, wie ein mutmaßlicher Wolf direkt vor ihrem Geschäft in der Ortsmitte vorbeischlich.

Nach den Attacken auf Schafe und Ziegen tauchte jetzt ein Video auf: Ein Wolf spaziert abends mitten durch Bergen. Es ist dort das Thema schlechthin. Wir haben mit den Bergenern und dem zuständigen Forstamtsleiter gesprochen, wie sie zu dem Tier stehen - die Meinungen gehen auseinander.

Bergen - Das Handyvideo ist keine zwei Tage alt, aber gesehen hat es in Bergen schon fast jeder: Ein Wolf spaziert mitten durch den Ort, vorbei am hell beleuchteten Schaufenster der „Boutique Brigitte“. Der Laden gehört Brigitte Dietz und ist nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt. „Ich werde inzwischen ständig drauf angesprochen“, sagt sie beim Besuch von chiemgau24.de - und lacht: „Es muss ein ziemlich modebewusster Wolf sein, weil er auf dem Video auch ins Schaufenster schaut.“ Aber so ganz ist ihr dann doch nicht zum Lachen zumute....

Video: Wolf mitten in Bergen - er ging wohl gerade zum nächsten Bauern

Dietz überlegt: Auf dem Video vom Mittwochabend (15. Dezember) brennt noch die Schaufensterbeleuchtung. Gegen 22.30 Uhr wird sie abgeschaltet, „und am Mittwochnachmittag haben wir zu“ - der Wolf muss also irgendwann zwischen Einbruch der Dunkelheit und halb elf am Geschäft vorbeigeschlichen sein. „Da könnte man noch locker auf der Straße sein“, so die Ladeninhaberin. Das Tier war wohl gerade auf dem Weg zu einem Bauernhof im Ortsteil Ramberg, nur wenige hundert Meter entfernt. Die Marschrichtung auf dem Video stimmt. Der betroffene Landwirt, Christian Gutsjahr, berichtete von einem Übergriff auf eine seiner Ziegen gegen 21.15 Uhr. Er konnte das Tier verjagen und war sich im Gespräch mit chiemgau24.de sicher: „Es war ein Wolf.“

Auch selbst will Brigitte Dietz den Wolf schon gesehen haben: Beim Spazierengehen um 6.30 Uhr in der Früh, kurz nach Allerheiligen, in 50 Meter Entfernung am Waldrand. „Ich war mit meiner Schwägerin unterwegs, aber wir sind dann lieber wieder umgedreht. Und ich hatte selber schon Hunde, die bewegen sich anders. Es war ein Wolf.“ Wenige Tage zuvor riss, ebenfalls ein bestätigter Wolf, westlich von Bergen sechs Schafe von Landwirt Stefan Rappl. „Alle Kunden, mit denen ich drüber rede, finden das nicht gut. Der Wolf gehört nicht hier her“, sagt Dietz entschlossen.

Mit einem Banner, Aufschriften auf den Siloballen und den in Plastiksäcken verpackten Kadavern protestierte Landwirt Stefan Rappl gegen die Haltung der Politik zum Wolf.

Forstamtsleiter: „Einzelne Wildtiere gewöhnen sich an den Menschen“

Anne Hörg ist derselben Meinung. Sie steht im „Dorfstüberl“ in Bergen hinterm Tresen. „Gemütlich am Abend spazieren gehen ist jetzt nicht mehr so angesagt.“ Einen Abschuss des Wolfes fände sie völlig in Ordnung - oder ihn einfangen und wo anders aussetzen: „Den brauchen wir nicht. Die Bauern tun mir leid.“ Gleich nebenan befindet sich das Aquarien- und Zierfischgeschäft „Home Coral“ von Norma Bille. Auch sie wäre fürs „Umsiedeln“: „Ich bin eher gegen ein Abschießen, aber ich verstehe beide Seiten.“ Angst vorm Wolf hat sie persönlich nicht, höchstens sie würde ihm begegnen - „aber ich wohne auch in Traunstein“, fügt sie noch hinzu.

War das auf dem Video überhaupt ein Wolf oder eher ein Schäferhund? Ruhpoldings Forstamtsleiter Paul Höglmüller ist sich gegenüber chiemgau24.de nicht ganz sicher: „Nach meiner Einschätzung könnte es schon ein Wolf gewesen sein. Aber nur ein genetischer Nachweis bestimmt das.“ Ungewöhnlich sei es zwar, dass ein Wolf durch Ortszentren spaziere, aber er fügt hinzu: „Letztlich gewöhnen sich einzelne Wildtiere an den Menschen.“ Er appelliert an Schafhalter, die Tiere in die Ställe zu bringen, denn der Wolf folge nur seinem Instinkt „und will satt werden“. Und der Antrag auf Abschuss des Wolfes, wie ihn Landrat Siegfried Walch (CSU) bei der Regierung von Oberbayern einbrachte? „Mühevoll“ nennt Höglmüller das Vorgehen: „Man muss beweisen, dass es derselbe Wolf ist und letztlich auch belegen, dass genau dieser Wolf entnommen wurde.“

Paul Höglmüller, Forstamtsleiter Ruhpolding

Immer mehr Lokalpolitiker fordern offen „Entnahme“ des Wolfes

Die Stimmen, den Wolf abschießen zu dürfen, werden jetzt immer lauter und vielfältiger. Bergens Bürgermeister Stefan Schneider (Grüne) sprach sich dafür aus, auch seine Amtskollegin aus dem benachbarten Staudach-Egerndach, Martina Gaukler (CSU): „Es geht nicht um ein wildes Abschießen des Wolfes, sondern um die Entnahme einzelner, problematischer Tiere.“ Die Landtagsabgeordneten Klaus Steiner (CSU) und Gisela Sengl (Grüne) fordern die „Entnahme“ ebenso, falls der Wolf per DNA nachgewiesen werden kann. „Der Wolf gehört nicht in unsere Kulturlandschaft im Chiemgau“, so Sengl.

„Lichter aus für die Weidetierhaltung“ lautete der Mahnruf der Versammlung von Landwirten jüngst in Bergen.

Auch Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) bekräftigte gegenüber chiemgau24.de: „Wie oft muss ein Wolf vorbeischauen, bis wir die Entnahme erlauben? Es ist Angst in der Bevölkerung und die Politik muss jetzt endlich entscheiden.” Klaus Steiner glaubt, dass es schon ein ganzes Rudel in der Region gibt - die Häufung der teils mutmaßlichen, teils nachgewiesenen Wolfsübergriffe auf Nutztiere sowie die Sichtungen in der vergangenen Zeit, scheinen ihm Recht zu geben: Im Sommer 2020 bei Reit im Winkl, bei Oberaudorf und im Hochriesgebiet, im Herbst vorigen Jahres bei Raubling und Sachrang, im Februar bei Siegsdorf, im September bei Schleching, im November bei Aufham und jetzt die beiden Vorfälle in Bergen.

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