Datenkrake oder nützlicher Internetdienst?

Traunstein - Seit Wochen erhitzt Googles "Street View" die Gemüter. Auch Traunstein wird nicht verschont bleiben - Das sagen die Traunsteiner.

Seit Wochen ist dieses Projekt in aller Munde und erhitzt die Gemüter. Zu einem späteren Zeitpunkt den die Firma derzeit nicht veröffentlicht, sollen dann auch die Häuser und Wohnungen im Landkreis Traunstein mit den Google-Autos, die mit einer 360 Grad Kamera ausgestattet sind, fotografiert und für jeden einsehbar in das Internet gestellt werden. Obwohl die Ankündigung des Internetanbieters bereits seit einem Jahr bekannt ist und in europäischen Nachbarländern und darüber hinaus seit längerer Zeit angeboten wird, ist in Deutschland die Diskussion um das „Für und Wider“ um den Dienst erst seit einigen Monaten so richtig entbrannt und hat insbesondere in den vergangenen Wochen an Schärfe zugenommen.

Nachdem der Konzern offensichtlich von dem Widerstand gegen sein Programm in Deutschland überrascht war, versuchte man in den vergangenen Tagen Schadensbegrenzung mit ganzseitigen Anzeigen in großen deutschen Tageszeitungen, die „Street View“ erklären und bewerben.

Die Diskussion um den Dienst hatte sich in den vergangenen beiden Wochen deutlich zugespitzt, als insbesondere Mitglieder des Deutschen Bundestages ihre Kritik an dem Dienst zum Ausdruck brachten und Abgeordnete im Wechselspiel des Sommerlochs bekannt gaben, wer denn nun von ihnen persönlich widerspreche und wer nicht. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sah sich genötigt, zu erklären, dass sie nichts gegen die Darstellung ihres in Berlin Mitte bewohnten Hauses habe, das ohnenhin schon über die bereits bestehenden Dienste Google Earth und Google Maps erkennbar ist. Bürger sind in der Diskussion zunehmend unsicher geworden und beschäftigen sich mit der Frage, wie – gerade auch im Zusammenhang mit den sogenannten „sozialen Netzwerken“ einem ungeschützten veröffentlichen privater Daten Einhalt geboten werden kann. Daneben richtet sich die Kritik vor Allem auch gegen Google Street View.

Bewusste, peinliche Anfängerfehler der Profis?

Peinlich wurde es dann, als Mitte der vergangenen Woche das Widerspruchsformular, auf dem widerspruchswillige Bürger auf der Internetseite Google's ihren Widerspruch eingeben konnten, online gestellt wurde. Für Benutzer der gängigen Browser Internet-Explorer (Microsoft) und Firefox (Mozilla) blieb die Seite über einen längeren Zeitraum nicht abrufbar. Google entschuldigte sich für die technischen Schwierigkeiten, an deren Behebung man arbeite. „Lächerlich“ kommentierte der PC- und Internetexperte Markus Brandstätter aus Altenmarkt diesen Vorgang auf unsere Anfrage hin und erklärte den Sachverhalt fachlich. "Es wäre ein leichtes gewesen das Formular 'W3C-validiert zu programmieren' um so eine plattformübergreifende Kompatibilität zu erreichen. Neben dem gäbe es auch noch das weltweite Standard-Dokumentenformat pdf“ so der Fachmann. Hinter der „Lächerlichkeit“ stand wohl aber auch gleich noch ein Marketing-Trick des Suchmaschinenanbieters. War das Formular doch mit dem hauseigenen Web-Browser „Google Chrome“ jederzeit abrufbar. Die zigtausend Hausbesitzer, die sich für die Eingaben des Widerspruchs „Chrome“ heruntergeladen haben und den künftig mit benutzen, werden wohl nie als neue Nutzer in den offiziellen Google-Statistiken auftauchen, zeigen jedoch ein Stück die Raffinesse des Datensammlers dessen Informationspolitik von vielen namhaften Datenschützern immer wieder als „unzureichend“ kritisiert wird.

Umfassender Fragebogen

Dass Google – je nach Betrachtungsweise und persönlichen Standpunkt unter dem Aspekt oder dem Vorwand der genauen Zuordnung des Widerspruchs – umfassende Fragen zu dem jeweiligen Objekt stellt, wirft neue Fragen auf. War doch noch vor wenigen Wochen der Widerspruch gegen „Street View“ mit ausschließlich der Angabe des Namens des Eigentümers und der Adresse des Objektes möglich. Nun umfasst das Formular mehrere Seiten – für den „Angabeunwilligen“ hat man hier auch gleich die eingeblendete Warnung parat, dass fehlende Detailangaben zu einer Nichtbearbeitung führen könnten. Kritiker werfen Google vor, die umfassende Datenabfrage zur Speicherung weiterer personenbezogener Daten zu nutzen.

Politischer Druck als eigenen Erfolg verkauft

Bereits für den Mai diesen Jahres hatte der „Allwissende Gigant“, wie er von Kritikern genannt wird, angekündigt, unter Anderem die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land, Altötting, Mühldorf und Rosenheim mit ihren fahrbaren Kameras fotografieren zu wollen. Nachdem in der scheibchenweisen Informationspolitik des Konzerns nach anfänglichem Leugnen auch bekannt gegeben wurde, dass quasi als „Nebenprodukt“ beim Vorbeifahren an den fotografierten Häusern auch die privaten und gewerblichen Funknetze gescannt wurden, stoppte Google die Fotofahrten bis auf Weiteres. Seither kommt insbesondere vom Verbraucherschutzministerium und dem Bayerischen Innenministerium verstärkt Informationen zu und über den Dienst, dessen Angebot eigentlich nicht so neu und überraschend ist, wenn man einen Blick über die Landesgrenzen in andere Länder wirft, in denen das Angebot bereits über einen längeren Zeitraum besteht und öffentlich genutzt wird. Auch wurden die Datenschutzbestimmungen zwischen dem Unternehmen und den deutschen Datenschutzbehörden bereits im April 2009 abgeschlossen. Inzwischen gibt der Konzern bekannt, dass er bis Ende des laufenden Jahres 20 deutsche Großstädte abgefahren und fotografiert haben will.

Der von Google und der Bundespolitik als großen Erfolg verkauften Kompromiss einer Verdoppelung der Widerspruchsfrist auf nun acht Wochen, liest sich bei dem vom Konzern zitierten Satz des Hamburgischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit , Dr. Johannes Caspar bei Weitem nicht so positiv: „..wir warten auf die Beantwortung eines Fragenkatalogs.“ Und Bundesverbraucherministerium Ilse Aigner machte in einem Interview vor wenigen Tagen deutlich, dass sie von Google's Ankündigung mit dem Dienst noch in diesem Jahr zu beginnen nichts hält: „Google hat damit viele Bürger und Bürgerinnen überrumpelt.“

Gleichzeitig besteht für Haus- und Wohnungsbesitzer auch über die 8-Wochen-Frist die Möglichkeit, gegen das Filmen ihres Wohneigentums Widerspruch einzulegen. Auch ist später über den Zeitraum hinaus das Melden von Bildern, in denen man auf die Unkenntlichmachung eines zufällig aufgenommenen Gesichtes besteht, weiter möglich, wie der Konzern versichert. Man werde aber die Gesichter und Kfz-Kennzeichen ohnehin vor Veröffentlichung „verpixeln“ und unkenntlich machen.

Bürger, die sich für einen Widerspruch gegen ihre gefilmte Immobilie entscheiden, können diesen auf der Internetseite des Konzerns oder unter der nachfolgenden Adresse der deutschen Niederlassung des US-Konzerns anmelden: Google Germany GmbH, betr.: Street View, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg. Per Email ist der Widerspruch an folgende Adresse zu richten: streetview-deutschland@google.com.

Der Konzern würde von den Städten und Gemeinden auch Sammelwidersprüche mit den Unterschriften der Bürger akzeptieren. Laut dem Verbraucherministerium hätten die Kommunen die Möglichkeit, in Rathäusern vorformulierte Widerspruchslisten auszulegen und diese gebündelt weiterzuleiten.

Kritik in Deutschland am Lautesten

Interessant ist im Zusammenhang mit der jetzt laut gewordenen Kritik, dass es neben dem bisherigen Angebot „Google Earth“ in dem ebenfalls ganze Straßenzüge aus der Vogelperspektive zu sehen sind, auch andere Anbieter gibt, die diesen Dienst für sich entdeckt haben. So hat der Anbieter „Sightwalk“ auf seiner Internetseite die deutschen Grossstädte Bonn, Düsseldorf, Köln und Stuttgart bereits nach dem ähnlichen Muster online in das Internet gestellt. Die Kritik zu diesem vergleichbaren Dienst blieb bisher weitgehend aus, ebenso zu „Google Earth“ das als vielfältig nutzbaren Dienst gepriesen wurde. Auch so mancher Hausbesitzer hat seinen Besitz im Internet stolz weiterverbreitet. Aber an Google's „Street view“ scheiden sich offensichtlich die Geister.

Einheimische eher skeptisch

Wir haben uns bei unseren Lesern umgehört und sie gefragt, wie sie sich in Sachen „Street View“ verhalten. Die nicht representative Umfrage veröffentlichen wir nachfolgend:

Gerda Hodann

Regina Göbl:„Ich bin nicht dafür und werde in jedem Fall dagegen widersprechen. Hier kann alles ausspioniert werden, zum Beispiel ob das Haus bewohnt ist und anschließend wird dort eingebrochen. Ich bin dagegen.“

Gerda Hodann: „Ich bin gegen dieses Fotografieren und werde Widerspruch einlegen. Es gefällt mir nicht, dass das Alles öffentlich gemacht wird. Die Bundesregierung ist mir dabei viel zu handsam und tut zu wenig dagegen.“

Rolf Spar: „Für mich als Immobilienkaufmann sind Fassaden grundsätzlich etwas Öffentliches. Deshalb stört mich auch Street View nicht und ich empfinde da keine Beeinträchtigung der Privatsphäre. Außerdem gibt es bereit Google Earth und da kann man einem auch schon in den Garten schauen.“

Hans Zillner

Hans Zillner: Traunsteins 2. Bürgermeister hatte schon in der letzten Sitzung des Traunsteiner Stadtrates deutlich gemacht, dass er für die geäußerte Kritik an Street View wenig Verständnis hat: „Fotografieren von Hausfassaden als Verletzung der Menschenwürde und die Veröffentlichung von Ablichtungen bewohnter Häuser sowie belebter Straßen als Eingriff in´s Persönlichkeitsrecht anzusehen – das kann ich nicht nachvollziehen. Die Privatsphäre beginnt – wie man so schön sagt - in den eigenen vier Wänden, und um die geht es dabei nicht. Erkennbare Gesichter und Autokennzeichen werden unkenntlich gepixelt, was will man denn noch mehr? Eine gewisse amtliche Aufregung gepaart mit provinzieller Ängstlichkeit vor dem bösen Blick des Nachbarn, dazu kommen der Sache nicht dienliche Äusserungen mancher Politiker, die versuchen im Blick auf die nächste Wahl eine Mehrheitsmeinung unters Volk zu bringen oder diese vorzugeben, jedoch bei genauerem Hinschauen kläglich an der Wirklichkeit vorbei gehen, das alles bringt uns nicht weiter.Ich sehe hier überhaupt keinen stichhaltigen Grund, so etwas zu verbieten, das es übrigens schon in insgesamt 20 Ländern gibt, u. a. auch in Frankreich. Auch das Kolosseum in Rom oder den Eifelturm kann man dank Street View in 360 Grad Ansicht erleben, als wäre man selbst dort.“

Weltweite Kritik deutlich leiser

John und Geri Warkentin

Während sich in Deutschland – reichlich spät – nun die Kritik an dem Dienst entfacht und George Orwells „1984“ an die Wand gemalt wird, verliefen die Aufnahmen in anderen europäischen Ländern deutlich störungsfreier für den Konzern. In den Vereinigten Staaten ist die Kritik gegen den Datensammler kaum hörbar. Wir haben drei amerikanische Bürger gefragt, die über einen langen Zeitraum im Chiemgau gewohnt haben und sie nach ihren Erfahrungen mit „Street View“ befragt:

John und Geri Warkentin: Das Ehepaar lebte in den 70er Jahren in Traunstein. Nach ihrer Rückkehr nach Reedley, einer kleinen Stadt in Kalifornien kehrten sie oft nach Traunstein zurück, zuletzt im vergangenen Jahr. Ihre Erfahrungen mit der „Straßenansicht“ von Google schilderten sie uns so: „Das Programm ist eine große Hilfe für uns. Vor Kurzem planten wir eine Reise nach San Francisco. Da ich noch nie in der Gegend war, habe ich mir diese mit Street View angesehen. Als ich dann dort war, war alles gleich irgendwie vertraut für mich und ich fand mich leichter zurecht. Wenn Menschen in den Bildern vorkommen, werden die Gesichter unkenntlich gemacht. Die Kritik an dem Angebot finden wir überzogen. Für uns ist es hilfreich.“

Douglas Mann: Der Amerikaner lebte in den 90er Jahren in Bernhaupten und besucht nach seiner Rückkehr nach Chicago (USA) seit vielen Jahren regelmäßig Traunstein auf seinen Reisen als Präsident einer amerikanischen Hilfsorganisation: „Ich habe kein Problem mit Google Street View, solange das private Eigentum respektiert wird, wenn die Fotos gemacht werden. Ich habe ein größeres Problem mit detailierten Satellitenbildern, die von privatem Eigentum gemacht werden. Ein Haus kann man mit einer hohen Mauer vor den Blicken von der Straße aus schützen. Von den von oben gemachten Bildern wie bei Google Earth gibt es keinen wirklichen Schutz.“

Sommerloch-Thema oder Angriff auf die Privatsphäre?

Nicht zuletzt die Diskussion um Google's Street View scheint auch eine grundsätzliche Sensibilisierung im Umgang mit Daten - die im Internet oft ungeschützt verbreitet werden – einher zu gehen. Dies erscheint auch dringend geboten und es ist durchaus sinnvoll, über den „Google-Street-View-Tellerrand“ zu blicken. So zum Beispiel zu dem beliebten Dienst „Google Maps“, der auch für Smartphones angeboten wird und eine Standort-Ortung zur Folge hat.

In jedem Fall machen die von einem jeden Google-Nutzer akzeptierten „Datenschutzbedingungen“ klar, dass sich mit den gesammelten Daten der Internetnutzer und dem Erstellen von Nutzerprofilen eine Menge Geld verdienen lässt, und so mancher von Google angebotene Dienst letztendlich der puzzleartigen Sammlung von Daten über Verbraucher und Internetnutzer dient: „In manchen Fällen verarbeiten wir personenbezogene Daten im Namen und gemäß den Anweisungen von Drittanbietern, wie beispielsweise unseren Werbepartnern“ (aktuelle Google-Datenschutzrichtlinie vom 11. März 2009). Dabei klingt es fast schon „tröstend“, wenn der Konzern seine Datenschutzrichtlinie mit dem Satz beginnt: „Google erkennt an, dass Datenschutz wichtig ist.“

Vielleicht hilft es ja aber auch bereits, wenn das Technologieunternehmen zwei seiner eigenen Grundprinzipien umsetzt: „Der Nutzer steht an erster Stelle, alles Weitere ergibt sich von selbst“ oder „Man kann Geld verdienen, ohne jemandem damit zu schaden“.

awi

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