Arbeitsamt statt Knast

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Traunstein - Junge Menschen, die sich strafbar gemacht haben, bekommen eine Zusatzchance. Das Pilotprojekt "Fordern und Fördern statt Freiheitsentzug" entwickelte der damalige Traunsteiner Jugendrichter Dr. Klaus Burger. 

Mittlerweile hat das Vorzeigeprojekt einen Siegeszug durch den Freistaat angetreten. Bayerns Justizministerin Dr. Beate Merk, die am Dienstag die Traunsteiner Justiz besucht hatte sprach von inzwischen elf Amtsgerichten zwischen Bamberg und Memmingen: "Das Projekt ist ein richtig großer Erfolg."

Ein Beispiel aus der Praxis. Dreimal schon hatte das Amtsgericht einem Jugendlichen wegen kleinerer Delikte gemeinnützige Arbeit aufgegeben. Dann hatte er wieder etwas gestohlen. Eine weitere Arbeitsauflage schien nicht mehr erfolgversprechend. Ein zweiwöchiger Jugendarrest wäre fällig gewesen. Die "Erziehungsmaßregel" durch den Jugendrichter fiel anders aus: Der Jugendliche musste sich beim Arbeitsamt Traunstein melden und bekam gleich die Visitenkarte von der Mitarbeiterin Katharina Lechner, zugleich beratendes Mitglied im Jugendhilfeausschuss des Landkreises, mit. Bei einer Weigerung wäre der Arrest abzusitzen gewesen.

In einem anderen Fall war der Gang zum Arbeitsamt Teil der Bewährungsauflagen für einen Jugendlichen, der weder Ausbildung noch Arbeit, aber eine massive kriminelle Vorgeschichte hatte. Beide junge Menschen waren bereit, Kontakt mit dem Arbeitsamt aufzunehmen, sich zusammen mit der Berufsberaterin Katharina Lechner um Arbeit, Fort- oder Ausbildung zu bemühen. Dabei waren schriftlich niedergelegte Vereinbarungen einzuhalten. Arbeitsamt und Gericht wachten gemeinsam darüber.

Die Justizministerin betonte, viele junge Straftäter hätten keine Perspektive - "keine Schulausbildung, keine Arbeit, kein Korsett, das ihren Tag formt". In Bayern seien über zwei Drittel der jungen Strafgefangenen vor der Inhaftierung beschäftigungslos gewesen. Deshalb sei ein Ziel des Projekts "Fordern und fördern", den Jugendlichen eine berufliche Perspektive zu geben.

Projekt war 2003 in Traunstein entstanden

Das Jugendgericht Traunstein habe 2003 in Kooperation mit der Arbeitsagentur angefangen, jungen Menschen Wege aufzuzeigen, um zu Arbeitsmöglichkeiten zu kommen und ihnen Durchhaltevermögen zu vermitteln. Die Zusammenarbeit zwischen Gericht und Berufsberater könne gar nicht eng genug sein. Folge ein junger Mensch den Weisungen nicht, seien vier Ungehorsamkeitsarreste und ein eventueller Bewährungswiderruf die Folgen. Von 140 jungen Straftätern, die seit 2003 an dem Projekt in Traunstein teilnahmen, konnten laut Beate Merk rund die Hälfte in Arbeit oder eine berufsvorbereitende Maßnahme vermittelt werden.

Die Justizministerin nützte ihren Besuch in Traunstein, sich auch über aktuelle Dinge am für Südostoberbayern zuständigen Landgericht, am Amtsgericht und bei der Staatsanwaltschaft zu informieren. Viel Zeit widmete sie dem Gespräch mit den Personalvertretern. Ihr Eindruck: "Mir fällt extrem auf, welch überragend gutes Klima herrscht. Der Servicegedanke kommt stark zum Tragen. Trotz hoher Belastung der Mitarbeiter wird hochmotiviert und mit vorzüglichen Ergebnissen gearbeitet."

Hinsichtlich des baulichen Zustands der Gebäude sei beim Landgericht einiges zu diskutieren, ergänzte Beate Merk. Mit dem künftigen neuen Eingangspavillon komme man in Bezug auf Sicherheit ein gewaltiges Stück voran. Die Mittel seien schon gesichert, obwohl sich die anfangs geschätzten Kosten von 400000 Euro auf 690000 Euro erhöhten. Der Grund: "Es ist oft nicht kalkulierbar, wenn man Gebäude zusammendockt." Der Pavillon, der 2011 in Betrieb geht, sei eine dringende Maßnahme und für sie "eine Herzensangelegenheit", unterstrich die Justizministerin. Die Bediensteten der Justiz sollten so sicher wie möglich arbeiten können. Es dürfe aber auch keine Trutzburg entstehen. kd

Rubriklistenbild: © pa

Zurück zur Übersicht: Traunstein

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser