Gewarnt wird vor "DDR-Ostalgie"

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Mit einer Flasche Obstbrand bedankte sich Oberbürgermeister Manfred Kösterke beim Historiker Gerd Evers (links) für die Festrede.

Traunstein - Auf den Tag genau heute vor 20 Jahren fiel in Berlin die Mauer. Sie hatte 28 Jahre lang nicht nur Familien, eine Stadt und ein Land in zwei Teile geteilt, sondern sie war auch das Symbol des "Kalten Krieges". ** Merkel: Lebensverhältnisse weiter angleichen ** Vorbereitungen für Berliner Mauerfall-Feier **

Sie stand für die Spaltung Berlins, Deutschlands, Europas und der Welt in einen freien und einen unfreien Teil. Mit der Feierstunde "20 Jahre Mauerfall" im Kulturzentrum gedachte die Stadt Traunstein am gestrigen Sonntag des Mauerfalls.

Vorbereitungen für Berliner Mauerfall-Feier

Merkel: Lebensverhätnisse weiter angleichen!

"Es war wie ein Wunder", erinnerte Oberbürgermeister Manfred Kösterke im Beisein des neuen Bun-desverkehrsministers Peter Ramsauer, MdL Klaus Steiner, des stellvertretenden Landrats Sepp Konhäuser und Altoberbürgermeisters Fritz Stahl. Musikalisch umrahmt wurde die Feier von Elisabeth Nagl (Klavier) und Simon Nagl (Violoncello).

"Wir haben allen Grund, für dieses Wunder, für diesen besonderen Glücksfall der deutschen Geschichte, der eigentlich ein Versehen war, dankbar zu sein", fuhr das Stadtoberhaupt fort.

Für eine ganze Generation junger Deutscher sei die Einheit schon zur Normalität geworden. Deshalb sprach Kösterke den Umgang mit der Geschichte der DDR an. Das Ergebnis einer Studie, bei der Jugendliche aus West und Ost über ihr Bild von der DDR befragt wurden, habe ihn sehr nachdenklich gemacht. "Nur etwa die Hälfte der Befragten vertrat die Meinung, die DDR sei überhaupt eine Diktatur gewesen. Das ist ein schlimmer Befund, der Aufschluss gibt über den tatsächlichen Stand der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit", sagte der Oberbürgermeister. Schulen und auch die Medien stünden in der Verantwortung, die SED-Diktatur nicht als "Ostalgie" zu verharmlosen. "Nichts gegen nostalgische Schwärmereien, wenn aber Nostalgie umschlägt in Relativierung bis hin zur Verherrlichung, ist es kein Wunder, dass das Bild der DDR als totalitärer Unterdrückungsstaat zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet und die politischen Erben der SED im Deutschen Bundestag und in fast allen Landtagen vertreten sind."

Offenbar seien die über 1000 Mauertoten schnell in Vergessenheit geraten, ebenso der Überwachungsstaat der Stasi, die Drangsalierung von Oppositionellen, die sozialistische Mangelwirtschaft, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Ein-schränkung der Reisefreiheit. Als Demokraten sei es unsere Pflicht, der weit verbreiteten Geschichtsklitterung mit allen Mitteln entgegen zu wirken.

Der Fall der Mauer habe überall dort begonnen, wo das Prinzip "Die Partei hat immer Recht" in Frage gestellt wurde, stellte der Historiker Gerd Evers als Festredner fest. Mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann habe sich die DDR-Führung 1976 plötzlich einer unerwarteten Solidarisierung bekannter Schriftsteller und Künstler gegenüber gesehen, die in einem Aufruf dagegen protestierten und deren Rücknahme forderten. Arbeits- und Veröffentlichungsverbote kennzeichneten danach das Machtgefälle zwischen der Parteiführung und den kritischen Intellektuellen. Die Auseinandersetzung mit dem SED-Herrschaftssystem habe in den 80er-Jahren unterschiedliche Formen geschaffen: die Friedens-, Umwelt- oder Bürgerrechtsbewegung.

"Schwerter zu Pflugscharen" wurde zu ihrem Wahlspruch, brennende Kerzen zu ihrem Symbol. "Andererseits waren sich die Ostberliner Machthaber bewusst, dass ihr Staat nur als sozialistischer, nicht aber als liberaldemokratischer Staat eine Überlebenschance besaß", so Evers. Aus diesem Bewusstsein rühre auch der trotzige Widerstand gegen eine Übernahme der Gorbatschow-Reformen. Die Reformierung der Sowjetunion wiederum habe der Reformbewegung in der DDR ein Zeichen der Hoffnung gegeben. Die gärende Unzufriedenheit und latente Opposition erhielten neue Nahrung im Zusammenhang mit den Kommunalwahlen 1989 und den von der SED verordneten Manipulationen. Sie führten zu vermehrten Protesten und Demonstrationen gegen den offensichtlichen Wahlbetrug. Die Unfähigkeit der SED-Führung zu Reformen ließ zudem die Zahl der Ausreiseanträge sprungartig ansteigen. Zugleich suchten viele DDR-Bürger durch Botschaftsbesetzungen in Warschau und Prag sowie die massenhafte Ansammlung an der ungarisch-österreichischen Grenze ihr Heil in der Flucht.

Nach den Worten des früheren Isinger Lehrers war zum damaligen Zeitpunkt das schnelle Ende der DDR noch nicht vorauszusehen. Mit der Maueröffnung wurde es möglich, dass das Ziel der Reformierung von Staat und Gesellschaft der DDR abgelöst wurde vom Willen zur sofortigen Verbesserung des Lebensstandards und dass der Ruf dieser Tage "Wir sind das Volk" sich verwandelte in die Wiedervereinigungsparole "Wir sind ein Volk". Die weitere Entwicklung war laut Evers durch zwei Faktoren bestimmt: durch die in Aussicht genommenen Parlamentswahlen und durch die politischen Einwirkungen der deutschen Regierung.

bjr/Chiemgau-Zeitung

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