Ein Heim für rumänische Kinder

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Die rumänischen Kinder Adrian Moise, Richi und Raimund Molnar (von links) mit Klaus Mühlberger in dessen Küche. Fotos ost

Reit im Winkl - Mit neugierigen, lebendigen Augen sitzen sie da und lauschen geduldig einem langen Gespräch, von dem sie wahrscheinlich kaum etwas verstehen: Die Rumänen Raimund (20), dessen Bruder Richi und der ebenfalls zwölfjährige Adrian.

Sie sitzen in der Küche des Reit im Winklers Klaus Mühlberger und auf den ersten Blick wirkt das Bild wie eine Momentaufnahme im Leben.

Das Kinderheim "Unter den Linden" im rumänischen Chisineau Chris, das der Reit im Winkler Verein "Kinder in Sicherheit" seit 2001 unterhält.

Die vier gehören auch zu einer Familie, wenn auch nicht im konventionellen Sinne. Raimund, Richi und Adrian sind drei von 15 Kindern und Jugendlichen, die unweit der Grenze zu Ungarn in der rumänischen Ortschaft Chisineau Chris in einem Kinderheim leben. Viele dieser Kinder wurden in das Heim aufgenommen, weil sie zuvor in kaum zumutbaren Verhältnissen leben mussten und teils erschütternde Schicksale hinter sich haben. Die Existenz dieses Kinderheims ist Klaus Mühlberger und seinem zu diesem Zwecke vor zehn Jahren gegründeten Verein "Kinder in Sicherheit" zu verdanken.

In den vergangenen Tagen nun waren elf der Kinder und die "Eltern" des Kinderheims zu Besuch in der Heimat von Klaus Mühlberger in Reit im Winkl.

Doch wie kommt ein gelernter Bankkaufmann dazu, diesen Verein zu gründen und in Rumänien ein Kinderheim aufzubauen, das jährlich 30000 Euro an Unterhalt kostet?

In der Küche erzählt der heute 46-Jährige von Bildern, die er Ende der 80er-Jahre gesehen hatte. Diese Bilder dokumentierten nach dem Sturz der Schreckensherrschaft des Nicolae Ceausescu die unerträglichen Zustände in rumänischen Kinder- und Waisenheimen - Bilder, die Mühlberger sehr bewegt hatten und ihn schließlich dazu veranlassten, dieses Land mehrfach zu bereisen, um herauszufinden, wie vor Ort am besten geholfen werden könne. Schnell musste er erkennen, dass Sach- und Geldspenden dort nicht die Bedürftigen erreichen, sondern zur Bereicherung des Heimpersonals zweckentfremdet wurden.

"Das Ausmaß der Korruption machte mir klar, dass ich nur dann sinnvoll helfen kann, wenn ich selbst ein Heim aufbaue", sagt der heute selbstständige Finanzberater im Rückblick. Von dieser Idee erzählte er Ende der 90er-Jahre in seinem Bekanntenkreis. Jemand war von dem Vorhaben so angetan, dass er spontan 10000 Mark spendete. Auch in Reit im Winkl fand dieser Plan schnell Unterstützer: Ein Flohmarkt brachte 12000 Mark.

Im November 2000 wurde der Verein "Kinder in Sicherheit" gegründet, damals wurden 100 Gründungsmitglieder registriert, heute sind es 215. "So hatten wir vor knapp zehn Jahren einiges an Kapital zusammen, aber damit natürlich auch den Druck, etwas im Sinne des Vereins daraus zu machen." Schließlich kaufte man in der 3000-Seelen-Gemeinde Chisineau Chris unweit der Kreisstadt Arad ein Gebäude, das umfangreich für die Zwecke des Kinderheims umgebaut wurde. 60000 Mark wurden damals insgesamt investiert, nach und nach geeignetes Personal eingestellt: ein Ehepaar mit dessen leiblichen Kindern, zwei Küchen- und Haushaltshilfen, zwei Pädagogen.

Und schließlich kamen auch Kinder. Sie entstammten staatlichen Einrichtungen und konnten bei Weitem nicht so gefördert werden, wie dies im Kinderheim "Unter den Linden" möglich ist. Heute gehen die 15 Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen acht und 20 Jahren allesamt zur Schule und werden am Nachmittag von den stundenweise eingestellten Lehrern zusätzlich in mehreren Sprachen und auch in Musik unterrichtet. "Des Weiteren legen wir großen Wert darauf, uns selbst zu versorgen", wie der spürbar stolze und immer optimistisch wirkende Heimbegründer Mühlberger weiter berichtet.

Einen großen Garten unterhalte man zum Zweck dieser Versorgung, ferner werde ein Acker bestellt und schließlich zählen acht Ziegen zum "Inventar" des Heims. Genauso wichtig wie die Eigenversorgung ist dem ehemaligen Reit im Winkler Kirchenpfleger die christliche Erziehung der Kinder: So gehören regelmäßiges Gebet wie der Besuch von Gottesdiensten und Andachten zum festen Tagesablauf in dem Heim.

"Ich beziehe die Kraft für diese Aufgabe aus meinem Glauben an Gott", erklärt Mühlberger seine Motivation für seinen Einsatz, derzeit lässt er sich zum Diakon ausbilden. "Hätte ich eine eigene Familie, könnte ich diese Arbeit sicher nicht leisten."

So sind für ihn das Heim und die Kinder eine andere Art von Familie geworden und er schätzt sich glücklich, dass diese Familie in seinem Heimatort auf eine Vielzahl von "entfernten Verwandten" zählen kann.

Das drückt sich darin aus, dass die Kinder bei ihren Besuch im Tourismusort überall Hilfe und Unterstützung bekommen hätten. So wurden sie spontan zum Essen eingeladen, durften gratis mit Bussen fahren, erhielten immer wieder Geld, etwa für ein Eis.

Mit diesen freundlichen Gesten vieler Bürger am Ort mag freilich vordergründig den Kindern geholfen sein, sicher ist es aber auch eine große Anerkennung für dieses uneigennützige und großartige Engagement des ungewöhnlichen "Familienvaters" Klaus Mühlberger.

Hanns Ostermaier/Chiemgau-Zeitung

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