300 Hochwassereinsätze für Wehren

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In Unterwössen drückte das Grundwasser nach oben und setzte Straßen sowie einige Keller unter Wasser.

Landkreis Traunstein - Überflutete und unpassierbare Straßen und Wege, Murenabgänge, umgestürzte Bäume und vollgelaufene Keller führten in der Nacht zum Donnerstag zu einem Großeinsatz der Feuerwehren im Landkreis Traunstein.

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Mehr als 40 der 80 Wehren wurden alarmiert und bewältigten rund 300 Einsätze. Niederschlagsmengen von rund 100 Litern pro Quadratmeter in nur 24 Stunden hatten Flüsse und Bäche über die Ufer treten lassen.

Die erste Alarmierung gab es am Mittwoch gegen 18 Uhr für die Feuerwehr Ruhpolding, nachdem Anwohner im Ortsteil Bibelöd eine Überflutung des Steinbachs befürchteten. Von da an häuften sich die Alarmierungen von Stunde zu Stunde.

Vorrangige Aufgabe der Feuerwehren war es anfangs, überflutete Straßen zu sperren oder die überschwemmten Straßenstücke abzusichern. So musste unter anderem die Staatsstraße zwischen Bergen und Bernhaupten gesperrt werden.

Die Kreisstraße zwischen Bernhaupten und Bergen musste am Mittwochabend vorübergehend gesperrt werden, weil der Schlagbach über die Ufer getreten war.

Zu Steinschlägen kam es auf der Bundesstraße 305 zwischen Reit im Winkl und Oberwössen. Gesteinsbrocken mit einem Durchmesser von bis zu 40 Zentimetern stürzten auf die Fahrbahn. Die Feuerwehr entfernte sie. Die Bundesstraße musste dennoch für längere Zeit gesperrt werden. Zwischenzeitlich waren bis zu neun Straßen im Landkreis gesperrt, darunter auch die B307 bei Raiten im Gemeindebereich Schleching.

Einer der Einsatzschwerpunkte war die Tunnelbaustelle der Nordostumfahrung Traunstein bei Ettendorf. Die Überflutung am Nordportal des künftigen Tunnels musste von der Feuerwehr Surberg, unterstützt vom Technischen Hilfswerk (THW) Traunstein, durch eine Hochleistungspumpe ausgepumpt werden.

Seine Bewährungsprobe bestanden hat gestern das so genannte Ausleitungsbauwerk in Unterwössen. In der Gemeinde waren nach dem verheerenden Hochwasser vor einigen Jahren Millionen in Schutzmaßnahmen investiert worden.

Im Rathaus der Kreisstadt war schon am Mittwochabend eine Einsatzleitstelle eingerichtet worden. Fünf Dammwachen wurden angefordert. Im Verlauf der Nacht stieg der Pegel der Traun um gut 1,30 Meter rapide auf fast drei Meter an. Zunächst musste um 18.30 Uhr die Daxerau-Unterführung wegen Überflutung gesperrt werden. Weitere Überflutungen traten am Neulinger Berg, dem Empfinger Hohlweg, der Brunnerstraße und im nördlichen Teil der Schrebergärten auf. Überschwemmt wurden auch ein Tennisplatz auf dem Gelände des Tennis-Clubs Traunstein und der komplette ESV-Platz.

Gerade noch einer Evakuierung entgingen die Bewohner im Ortsteil Mühlwiesen.

Zu einem Hangabrutsch kam es auf dem Gehweg und dem parallel verlaufenden Bahngleis von der Wartbergfeldstraße Richtung Unterforsthuber-Kneippanlage, so dass Weg und Bahngleis unpassierbar wurden.

Nur die fertige Brücke über die zukünftige Umgehungsstraße von Raiten schaute gestern Morgen noch aus dem Wasser.

Gesperrt werden musste die Bahnstrecke zwischen Traunstein und Ruhpolding. Auf Höhe der Kneippanlage am Wochinger Spitz war ein durchnässter Hang abgerutscht. Dadurch stürzte ein Baum auf die Oberleitung und geriet in Brand. Die Feuerwehren Traunstein und Haslach beseitigten den Baum und löschten das Feuer, jedoch erst, nachdem die Oberleitung geerdet und der Bahnverkehr eingestellt war, um eine Gefährdung der Einsatzkräfte auszuschließen.

Bei Traundorf trat die Traun über die Ufer, wodurch die Gleise der Bahnlinien über- und unterspült wurden. Dort weckte die Feuerwehr in der Nacht alle Anwohner im gefährdeten Überflutungsbereich und informierte sie, dass es möglicherweise zu einer plötzlichen Evakuierung kommen könne.

Alle Hände voll zu tun hatten auch die vier Feuerwehren im Gemeindegebiet Siegsdorf. Die Wehren aus dem Hauptort sowie aus Vogling, Hammer und Eisenärzt waren mit 120 Mann im Einsatz, bewältigten nach Auskunft von Kommandant Manfred Steiner rund 50 Einsätze und schlichteten 5000 Sandsäcke auf, um Gebäude vor einem Wassereinbruch zu schützen. In einigen Fällen mussten allerdings akute Wasserschäden in Gewerbebetrieben und privaten Kellern behoben werden.

Die vorbeugenden Hochwasser-Schutzmaßnahmen in Wernleiten und Heutau haben laut Einsatzleitung ihre erste richtige Bewährungsprobe bestanden und den angestrebten Schutz für die Anlieger gewährleisten können.

Weniger Probleme bereitete den Siegsdorfern die Weiße Traun, die lediglich im Bereich Lohhäusl an die Dammgrenzen reichte und dadurch den Abfluss des Baches zurückstaute.

Die erste richtige Bewährungsprobe bestand auch das provisorische Einsatzzentrum der Feuerwehr Siegsdorf im Gemeindebauhof, wo unter der Leitung von Kommandant Steiner und Bürgermeister Thomas Kamm die Einsätze koordiniert wurden. Gegen 1.30 Uhr erreichte die Traun am Pegel Hochberg einen Wasserstand von fast drei Metern und "kratzte" damit an der Meldestufe 4, der höchsten Hochwasserwarnung. Zu diesem Zeitpunkt waren die Wehren allerorts im Dauereinsatz, unter anderem auch in Obing und Pittenhart sowie entlang der Traun bis Traunstein und im Süden bis Inzell, Oberwössen und Schleching. Die Feuerwehrler hatten kaum Zeit zum Durchatmen.

Sandsäcke mussten gefüllt und an gefährdeten Stellen entlang von Flüssen und Bächen als Barrieren aneinander geschlichtet werden, viele Keller waren auszupumpen und Kanal- und Gullideckel mussten eingehängt werden, die durch die Wasserflut aus der Verankerung gerissen worden waren.

Nachdem der Pegel der Traun die Meldestufe 3 erreicht hatte, wurden alle Feuerwehren der Stadt Traunreut sowie das THW in Alarmbereitschaft versetzt.

Als zur Morgendämmerung die Regenfälle nachließen, fielen die Pegel der Traun und auch die Feuerwehralarmierungen gingen rapide zurück. Währenddessen stieg jedoch das Hochwasser der Tiroler Ache. Der Pegel bei Staudach erreichte gestern um 11 Uhr mit 5,48 Metern die Meldestufe 3.

Kurz nach 7 Uhr wurde die Feuerwehr Schleching zu einer Rettungsaktion gerufen. Bei Raiten stand ein Pkw bis zu den Fenstern im überfluteten Straßenbereich. Von einem trockenen Standpunkt aus war nicht zu erkennen, ob sich Personen in dem Fahrzeug befinden. Ein sofortiges Nachschauen war den Helfern unmöglich, da sich in der Nähe des Fahrzeugs Elektroschaltkästen befanden, die verdächtig rauchten.

Bevor sich die Helfer dem havarierten Pkw nähern konnten, musste der Strom abgeschaltet werden. Als es soweit war, fanden die Retter ein leeres Fahrzeug vor. Auf Nachfrage der Polizei wurde mitgeteilt, dass der Lenker zu Hause "beim Trocknen" sitzt und unverletzt ist.

In Unterwössen trat die Tiroler Ache weit über ihre Ufer. Der Segelfflugplatz stand in den frühen Morgenstunden völlig unter Wasser. Er dient als Ausgleichsfläche für die Ache.

Der Wössner Bach stieg über Nacht um einen Meter. Der Durchfluss wurde vom so genannten Streichwehr begrenzt. Das überschüssige Wasser strömte in die südliche Flutmulde zum Segelflugplatz hin. Über eine Öffnung im Achendamm fließt es dann in die Ache ab. Das neue Ausleitungsbauwerk und die vielen Hochwassermaßnahmen haben sich bewährt.

Ohne Schäden ging es dennoch nicht ab. Vor allem in den nieder gelegenen Wohnhäusern im Wössner Norden in der Achenaue drückte das Grundwasser hoch und musste weggepumpt werden. Unterwössen war für mehrere Stunden vom Straßenverkehr abgeschnitten.

Gestern Vormittag waren die Feuerwehren vor allem noch damit beschäftigt, vollgelaufene Keller leer zu pumpen.

In den allermeisten Gemeinden im Chiemgau wurden die Fronleichnamsprozessionen unter freiem Himmel gestern abgesagt, weil es auch am Vormittag noch leicht regnete.

Der Dauerregen könnte noch weitere Folgen nach sich ziehen. Durch die Wassermassen, die aus der Prien und vor allem der Tiroler Ache in den Chiemsee gelangen, stieg der Pegel des "Bayerischen Meeres" gestern immer weiter an. Vielerorts steht der Chiemsee-Uferweg unter Wasser und ist nicht mehr passierbar. Einige Campingplatzbetreiber unmittelbar am See, zum Beispiel in Chieming, überlegten gestern, ob sie ihr Gelände räumen.

Peter Volk, Eva Schneider, Barbara Reichenbach, Otto Humm, Ludwig Flug, Franz Krammer (Chiemgau-Zeitung)

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