Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht

Wahl-Inzeller und Profisportler Florian Neuschwander: „Das Laufen wird mir niemand verbieten“

Auch im Winter in Aktion: Florian Neuschwander beim „Schneetraining“.
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Auch im Winter in Aktion: Florian Neuschwander beim „Schneetraining“.

Profisportler Florian Neuschwandner spricht im Interview über seine neue Wahlheimat Inzell, seine Ziele, über Corona und auch wie er selbst eigentlich zum Laufen gekommen ist. Ein Portrait über den Athleten:

Inzell - Auf seinem rechten Oberarm ist sein großes Vorbild tätowiert: Steve Roland Prefontaine. Ein US-Amerikaner der viele Landesrekorde hielt, 1972 in München zweitjüngster Olympiateilnehmer über die 5000 Meter war und drei Jahre drauf im Alter von nur 24 Jahren viel zu früh an den Folgen eines Autounfalls starb.

„Er gab immer sein bestes und setzte sich für andere Menschen ein“, sagt Florian Neuschwander aus Inzell voller Respekt. Der Laufprofi ist aus dem hessischen Offenbach hierhergezogen, um (mehr) Höhenmeter zu sammeln. Es muss jedoch nicht immer ein Berg sein, die fast 60, nahezu flachen Kilometer um den Chiemsee, hätten für den gebürtigen Saarländer genauso ihren Reiz, verrät er im Gespräch mit der Heimatzeitung.

Die ganz steilen Sachen, sagt der 39-Jährige, bei denen er richtig klettern müsse, seien nichts für ihn. Rund um den Königssee ist für ihn daher eher eine Genussrunde, sechseinhalb Stunden ein Mix aus Wandern und Laufen. „Weil ich nicht ganz schwindelfrei bin“, schmunzelt Neuschwander.

Was Toni Palzer aus der Ramsau, den er bereits getroffen hat, letztes Jahr hochalpin „übern Watzmann“ gemacht hat, in 2:46 Stunden, sei für ihn undenkbar: „Keine Chance, das ist Wahnsinn. Für kein Geld der Welt würde ich das machen, das ginge schon mental nicht.“

Langstrecken bis 100 Kilometer, Ultratrails und 24-Stunden-Läufe sind eher Neuschwanders Welt, die er in den nächsten zehn Jahren „erobern“, quasi noch intensiver angehen möchte. Gleichwohl liebt er Bergläufe: Bei echtem Winterwetter zweimal im knöcheltiefen Schnee auf die Stoißer Alm, 30 Kilometer, 1300 Höhenmeter in 2:38 Stunden.
Als ihn die Sportredaktion in Inzell besucht, steigt er gerade vom Ergometer: 90 Minuten Radfahren zum Entlasten, als Ausgleich zur Leistung 24 Stunden zuvor.

Fühlt sich in Inzell pudelwohl: Profi-Laufsportler Florian Neuschwander, 39 Jahre alt, gebürtiger Saarländer.

Es muss nicht mehr täglich sein

Training muss sein. „Aber nicht mehr täglich“. Die Erfahrung ist viel wert. Florian Neuschwander weiß genau, was sein Körper „braucht“, wieviel er tun muss, wieviel Regeneration nötig ist – und vor allem, dass er durchaus mal einen Tag alle Viere von sich strecken kann. Vor seinem Umzug nach Inzell lief er jeden Tag, wöchentlich 140 bis 200 Kilometer in Frankfurt und Umgebung.

„Heute bin ich da freier, kein Stress mehr. Die Bewegung muss schon regelmäßig sein, aber es muss nicht immer das Laufen sein.“ Das Grundlagen-Training in den Bergen sei für ihn ein großer Genuss. Die Intervall-Einheiten für die Geschwindigkeit dagegen „volles Powern“, nichts zum Genießen: „Das tut schon mal richtig weh.“

Neuschwanders Intention ist es unter anderem, Rekorde zu knacken. Erst jüngst stellte er eine neue Welt-Bestmarke über die 100 Kilometer auf dem Laufband auf: Mit konstanten 15,6 km/h erreichte er in 6:26 Stunden sein Ziel – zuvor lag der Top-Wert bei 6:40.

Ohne die Pandemie wäre der Profi das Projekt draußen angegangen. Mit seiner neuen geografischen Logistik direkt vor der Haustür ist er schon sehr glücklich: „Jeden Tag kann ich etwas anderes machen, in einer Viertelstunde ist eine neue Strecke gefunden.“

Selbst an den oberbayerischen Dialekt hat er sich schon gewöhnt: „Basst scho“, sagt er passend, fast „akzentfrei“. Auf seinen kürzlich aufgestellten Weltrekord angesprochen, sagt er: „Freilich sollte ich diese Laufbahn-Zeit irgendwann mal draußen bestätigen, bei einem richtigen Wettkampf. Bestenfalls im Rahmen einer WM. Bei den letzten Straßen-Weltmeisterschaften wäre ich mit dieser Zeit stets auf dem Podium gelandet. Das ist mein Ziel“.

Wenn alles klappt und es die Viruslage zulässt, steigt die 100 Kilometer-WM 2022 möglicherweise in Bernau bei Berlin. „Das Gute wäre, wenn es Corona erlaubt, dass im September dieses Jahres die Deutsche Meisterschaft auf der exakt gleichen Strecke stattfinden soll. Das wäre natürlich ein super Test.“ Neuschwanders Sorgen aufgrund der Corona-Situation drehen sich weniger um seinen Sport als die Menschen:

„Wenn das dauerhaft so bleibt, schadet das natürlich dem Gemeinschaftssinn. Wenn ich in München einen Sponsorentermin hatte, danach noch Zeit war und ich zum gemeinsamen Laufen aufrief, kamen da schon mal hundert Leute im Englischen Garten zusammen.“ Privat vermisst er die spontane Freiheit, mit seiner Frau gemütlich auf einen Kaffee gehen zu können, wenn ihm danach ist.

Oder das Treffen mit Freunden, mit ihnen Essen, auch mal feiern: „Das fehlt, das nervt, ist krass und kann viel verändern, in unserer Gesellschaft. Wir haben uns ja schon daran gewöhnt, dass irgendwie alles zu ist – man vergisst fast, was man in normalen Zeiten alles machen konnte.“ Florian Neuschwander hätte „so richtig Bock“, mal wieder auf ein Konzert zu gehen, Punk-Rock ist genau sein Ding.

Florian Neuschwander dreht eine Runde.

Das Soziale leidet momentan extrem

Die Pandemie kann seiner Leidenschaft, die er zum Beruf machte, relativ wenig anhaben: „Laufen geht immer, das wird mir wohl niemand verbieten können“. Den Wettkampf an sich brauche er nicht unbedingt, selbst wenn er sich gerne mit anderen messe. „Aber es ist nicht mein Primär-Ziel. Ich kann mir genügend neue, eigene Projekte suchen“. Kurioserweise war 2020 ein erfolgreiches Jahr, trotz der Schwierigkeiten durch Corona:

„Ich hatte keine Verletzungen, fühlte mich super, im Grunde top-fit, und bin Bestzeiten gelaufen. Unter anderem über die zehn Kilometer im Training, 30:09 Minuten immerhin.“ Natürlich sei es schön, mit mehreren Gleichgesinnten zu laufen: „Das Zusammensein fehlt schon sehr, das Soziale leidet extrem.“ Aber ich kann mich auch allein an den Frillensee stellen und den Staufen hochballern, so schnell es geht.

Das ist für mich wie ein Wettkampf, da gebe ich genauso hundert Prozent als würde es Mann gegen Mann gehen. Im Training bin ich oft sogar besser als in einer offiziellen Challenge, weil ich – vielleicht – noch mehr bei mir selbst bin.“ Wie verhält sich das bei der letztlich monotonen Ausübung seines Sports auf dem Indoor- Laufband?

„Da bin ich völlig leer, schalte komplett ab, denke kaum etwas“, antwortet Neuschwander. „Das ist auch gut so, denn zu viel Nachdenken hätte vermutlich ein Scheitern zur Folge.“ Er benötigt kein mentales Training, sagt er. Die Motivation liefern virtuelle Mitläufer, die er auf den Bildschirmen vor sich beobachten kann. Natürlich ist es draußen ,unter freiem Himmel, an der frischen Luft, etwas ganz anderes: „Da bin ich frei, genieße die Natur, die Strecke, suche mir neue Wege – das ist das Spannende und bringt die Abwechslung.“

Wie ist er zum Laufen gekommen?

Florian Neuschwander kam mit 17, also vor 23 Jahren, durch die spontane Teilnahme an einem Mini-Waldlauf in Skateschuhen und Jeans zu seinem Sport. Danach ging‘s über den ersten Verein LG Saar 70 rasend schnell. 1998 startete der Neu-Inzeller richtig durch, nachdem ihm bereits nach einem kurzen harten Training der Saarland-Rekord über die 10.000 auf der Bahn gelang.

Der Deutsche Vizemeistertitel 2008 im Halbmarathon, der Vize-Weltmeistertitel im Ultratrail 2013 oder Platz 1 beim „Wings for Life World Run 2015“ in Darmstadt sind nur drei von unzähligen Erfolgen. Seit 2016 ist er Profisportler, lebt vom Laufen. Sponsoren, ein Online-Shop und diverse Events – Vorträge in erster Linie, die momentan natürlich nicht stattfinden können – ermöglichen ihm ein Leben mit und durch den Sport.

Von schlimmeren Verletzungen blieb er bislang verschont. Vor zwei Jahren zog der gelernte Einzelhandelskaufmann in die Eisschnelllaufmetropole am Falkenstein: Für seine Frau Constanze und die bald vierjährige Tochter hat er in Inzell-Gschwall ein gemütliches „Nest“ eingerichtet. Florian Neuschwander ist auch Genussmensch. Und läuft nicht im Tunnel, sondern saugt die schöne Landschaft um sich herum auf, zieht viel Kraft und Energie aus ihr. Oft läuft er direkt vor der Haustür los, um seine neue Heimat weiter zu erkunden und besser kennenzulernen.

bit

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