Wie ihr Alltag aussieht und worauf sie verzichten

"Kleine Schritte reichen nicht mehr": Inzeller Familie lebt klimaneutral

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Kräutertees, Salben, Heilpflanzentropfen, Säfte und Liköre macht Lucia Jochner-Freitag aus Inzell selbst. Vieles wird im eigenen Garten angebaut. 
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Inzell - Es ist kein Hobby oder ein Versuch - den Jochners ist es purer Ernst: Sie leben komplett klimaneutral, ohne CO2-Ausstoß. Wir haben mit Lucia Jochner-Freitag gesprochen, wie das geht. 

Ein Abend vor dem Fernseher, ein Urlaub auf Mallorca, eine Tiefkühlpizza oder Nachrichten am Handy verschicken - was für viele von uns selbstverständlich ist, kommt für Lucia Jochner-Freitag nicht in Frage. Die Inzellerin lebt mit ihrem Mann Martin klimaneutral, heißt: unterm Strich kein CO2-Ausstoß. "Vielen ist nicht bewusst, wie schlimm es mit dem Klimawandel wirklich ist und blenden es aus", so Jochner-Freitag. 

"Manche belächeln uns, aber kleine Schritte reichen nicht mehr"

Die Politik oder jeder Einzelne: wer soll anfangen, wenn es um den Klimaschutz geht? "Angesichts der Dringlichkeit auf der Welt gibt es kein Entweder-Oder mehr. Es muss alles passieren, was möglich ist", erklärt die Inzellerin. Ihr persönliches CO2-Konto hat sie in den vergangenen Jahren auf jetzt 4,5 Tonnen jährlich heruntergeschraubt. Der durchschnittliche Bundesbürger liegt beim 2,5-Fachen. Um auf null zu kommen unterstützt Jochner-Freitag ein Aufforstungsprojekt in Nicaragua. Dort werden ihre restlichen Tonnen CO2 gebunden.

Martin Jochner mit den drei Hühnern Hermine, Agathe und Laura - ihnen verdankt die Familie die Eier. 

"Manche belächeln uns oder bezeichnen uns als Spinner, aber kleine Schritte reichen nicht mehr", so die gelernte Landschaftsökologin. Wohnen, Mobilität, Ernährung und Konsum: das sind die Schrauben an denen jeder drehen könne. Wie machen's die Jochners? Auf dem Dach die Solaranlage und im Boden eine Grundwasserwärmepumpe. Dazu wird auf viele Elektrogeräte verzichtet: Gefrierschrank, Fernseher, Wäschetrockner oder Handys gibt's bei Martin und Lucia Jochner-Freitag nicht.

Klimaneutral leben - so machen's die Jochners

Es fehle ihr an nichts, strahlt die 51-Jährige. "Die Menschheit kam Millionen von Jahren ohne solche Geräte aus. Man muss sich nur fragen, ob man sowas wirklich braucht." Einen Laptop habe man trotzdem daheim, "wir verschließen uns ja nicht der modernen Technik". Einige Klamotten hat sich Lucia Jochner-Freitag selbst gestrickt oder sich eine Tasche aus alten Sofa-Resten genäht. Gekauftes ist aus Bio-Baumwolle. Die Möbel sind von einheimischen Handwerkern, gebraucht oder selbstgemacht - der Wohnzimmertisch aus alten Paletten zum Beispiel.

Lucia Jochner-Freitag hat mit ihrem Mann und vier weiteren Inzellern die Aktion "100x klimaneutral" gegründet. 29 Personen, vorwiegend aus Oberbayern, haben sich schon angeschlossen. "Wenn wir 100 sind, gibt's ein großes Fest."

Besorgungen werden, so gut es geht, zu Fuß oder mit dem Radl direkt in Inzell erledigt. "Wir haben eine gute Infrastruktur, das meiste kriegt man bei uns", so Lucia Jochner-Freitag. Auch die Arbeitswege werden möglichst via Fahrrad oder ÖPNV zurückgelegt. Und: Die Jochners haben zu dritt ein Elektroauto. "Ganz ohne Auto geht's nicht auf dem Land. In Inzell gibt es aber drei Ladestellen für E-Autos mit Ökostrom." Elektroauto oder Zug sind dann auch die Verkehrsmittel für den Urlaub. Vor 21 Jahren - es war die Hochzeitsreise - ist Jochner-Freitag zuletzt in einem Flugzeug gesessen.

"Regional, saisonal, ökologisch" - dieser Grundsatz gilt natürlich auch bei der Inzeller Familie in der Küche. Aber die Jochners bauen auch möglichst viel selbst im Garten an. Rosenkohl, Trauben, Karotten, Beeren, Salat, Tomaten, Kräuter und die Eier kommen von den eigenen Hühnern. Was man sonst noch braucht, stammt aus Öko-Landwirtschaft. "Einen reinen Selbstversorgergarten haben wir aber nicht", so die Vegetarierin. 

Jochner-Freitag: "Es gibt keine Verbotslisten"

Die "Anleitung" zum klimaneutralen Leben gäbe es aber nicht. "Jeder ist in einer anderen Lebenssituation. Man muss auch kein Vegetarier sein oder sich komplett ausklinken. Es gibt keine Verbotslisten", so die 51-Jährige. Nur solle jeder schauen, wie er am meisten CO2 einsparen könne. Und selbstverständlich sei auch die Politik gefragt. Am Land müsse der ÖPNV so gut werden, damit man ohne Auto leben kann. Auch ein Tempolimit würde schon etwas bringen. "Oder eben das Wasser aus der Leitung trinken. Manches ist so einfach." 

xe

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