Keine Toleranz bei Gewalt

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Die Leiterin des SkF-Frauenhauses Rosenheim-Traunstein, Brigitte Steiner, und Geschäftsführerin Iris Hinkel (von links) stehen betroffenen Frauen mit Rat und Tat zur Seite: "Scheuen Sie sich nicht, uns anzurufen, wir sind 365 Tage rund um die Uhr für Sie da."

Traunstein/Rosenheim - Eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und Enttabuisierung des Themas "Gewalt gegen Frauen" forderte Traunsteins Oberbürgermeister Manfred Kösterke bei der 20-Jahr-Feier des Frauenhauses Rosenheim-Traunstein im Kreisbildungswerk Traunstein.

Das Thema sei kein Randproblem und müsse öffentlich diskutiert werden.

Viel Mut und Kraft in ihrer Arbeit wünschte Stadtpfarrer Sebastian Heindl den Mitarbeiterinnen der Kriseninterventionseinrichtung, die sich zum Ziel gesetzt hat, geistige, körperliche und seelische Schäden von Frauen und Kindern durch professionelle Beratung, Unterstützung und Entlastung zu verhindern und zu unterstützen.

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) betreibt das Frauenhaus in Rosenheim. In der Einrichtung haben in den vergangenen 20 Jahren 935 Frauen und 985 Kinder Zuflucht gefunden. Sie werden in der anonymen Adresse von Sozialpädagogen und Fachkräften an 365 Tagen rund um die Uhr betreut. Nach dem Erstgespräch zur Klärung der Situation und zur Gefährdungseinschätzung ist oft die Versorgung der Frauen und Kinder mit Nahrung, Kleidung, Hygieneartikeln und Kinderbedarf die erste Aufgabe der Mitarbeiter.

Im Vordergrund steht zunächst für alle Frauen die Sicherung der wirtschaftlichen Existenz. Auf Wunsch werden die Frauen bei ihren Gängen zum Arzt, zum Gericht, zur Schule oder zum Kindergarten, zum Arbeitsamt und anderen Einrichtungen auch von den Mitarbeiterinnen begleitet. Insgesamt können acht Frauen mit ihren Kindern aufgenommen werden - auf jeder Etage ist eine Küche und ein Bad. Ein großes Spielzimmer, in dem die Kinder auch bei Abwesenheit der Mutter von einer erfahrenen Kraft betreut werden, und ein Wohnzimmer ergänzen die Wohnräume.

Um den Frauen wirkungsvoll und umfassend Hilfe leisten zu können, ist zudem eine Vernetzung aller Arbeitskreise, Ämter und Gremien zwingend notwendig wie zum Beispiel die runden Tische "Häusliche Gewalt" in Traunstein und Rosenheim, an denen die Staatsanwaltschaft, das Amts- und Familiengericht, die Jugendämter sowie die Polizeiinspektionen und Kriminalpolizei, die Männerberatung, der Mädchen- und Frauennotruf, Gleichstellungsstellen und der Weiße Ring teilnehmen.

Nach Angaben der Leitung halten sich die Frauen und Kinder im Durchschnitt bis zu drei Monate auf. "Wir hatten auch schon Frauen und Kinder bei uns, die bis zu einem Jahr da waren", sagte die Leiterin und Sozialpädagogin Brigitte Steiner der Chiemgau-Zeitung am Rande der Veranstaltung. Meistens überwiege die Zahl der Kinder. Nicht selten komme es auch vor, dass Schwangere während ihres Aufenthalts ihre Kinder gebären, so Steiner. Nach Aussagen der Geschäftsleiterin Iris Hinkel suchen auch Jugendliche Schutz im SkF-Frauenhaus. Diese können, wenn sie noch nicht 18 sind, nur in Begleitung ihrer Mütter aufgenommen werden. Wichtig sei auch die enge Zusammenarbeit mit der Polizei.

"Dass wir Frauenhäuser brauchen, ist kein Grund zum Feiern, aber was heute gefeiert wird, ist ein 20-jähriges vielfältiges und erfolgreiches Engagement für den Schutz von Frauen und Kindern vor Gewalt - ein Engagement, das den Zusammenhang von Gewalt gegen Frauen und ungleichen Machtverhältnissen von Männern und Frauen in unserer Gesellschaft aufzeigt", sagte SkF-Vorsitzende Christa Sammüller. Gewaltsame Übergriffe gegen Frauen und Kinder seien in unserer Gesellschaft keine Randerscheinung oder Einzelereignisse.

Dass Frauen und Kinder keineswegs nur in sozial schwachen Schichten geschlagen, vergewaltigt, beschimpft oder gedemütigt werden, sondern auch in mittleren und hohen Bildungsschichten in einem viel höheren Maß Opfer von Gewalt werden, als das bislang bekannt war, belegen die Zahlen, die Sammüller aufzeigte. Man gehe davon aus, dass jede vierte in Deutschland lebende Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt werde. 90 Prozent der Gewalttaten finden zu Hause statt.

Die erste Misshandlung werde oft als "Ausrutscher" gesehen, für den sich der Mann meist entschuldige. Aber was anfänglich ein Ausrutscher war, werde zur Regel. Das bedeute, dass die Gewalttätigkeit zunehme, wenn der Mann seine anfänglichen Hemmungen verliere und sich immer sicherer fühle, dass ihm auch durch Dritte nichts passiere und die Frau ihn nicht verlasse. Gleichzeitig fühle sich die Frau immer stärker in ihrer Beziehung gefangen, verliere ihr Selbstvertrauen und sehe sich immer weniger zu selbständigen Handlungen in der Lage. Angst werde zum allgegenwärtigen Bestandteil des Alltags, indem es zunehmend nur noch um das eigene Überleben gehe.

Laut einer Statistik haben nur drei Prozent der Männer, die ihre Frauen schwer misshandeln, keinen Schulabschluss. 52 Prozent der Täter verfügen über niedrige und mittlere Abschlüsse und 37 Prozent über die höchsten Ausbildungs- und Bildungsgrade. Die Mehrheit der Männer und Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, haben keinen Migrationshintergrund, gehören keiner sozialen Randgruppe an. Weiter sagte Sammüller, dass etwa 90000 Frauen jährlich aus ihren Wohnungen flüchten und 45000 davon in eines der rund 390 Frauenhäuser in Deutschland gehen.

72 Frauen und 76 Kinder waren es im letzten Jahr, die im SkF-Frauenhaus Rosenheim-Traunstein aufgenommen wurden. "Diese Frauen erlitten alle ein Trauma und leiden unter dem Verlust ihres Selbstwertgefühls, da die Misshandlungen meist über viele Jahre gehen". Das SkF-Frauenhaus bietet neben dem Schutz für Opfer häuslicher Gewalt auch einen telefonischen Beratungsservice rund um die Uhr an. Betroffene Frauen sowie Angehörige, Nachbarn, Freunde oder Kollegen können sich telefonisch unter der Nummer 08031/381478 informieren. An die anwesenden Gäste appellierte die Vorsitzende, in ihrer Umgebung keine Gewalttaten an Frauen und Kindern zu dulden. "Mischen Sie sich ein."

ga/Chiemgau-Zeitung

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