Exklusivinterview mit Ex-Verkehrsminister Dr. Ramsauer

Zur Entscheidung der Union in der Kanzlerfrage: „CDU lässt sich nicht die Kandidatur nehmen“

Ehemaliger Verkehrsminister Dr. Peter Ramsauer
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Der ehemalige Verkehrsminister Dr. Peter Ramsauer (CSU) spricht im Interview mit chiemgau24.de darüber, wie er den „Wahlkrimi“ um Söder und Laschet wahrgenommen hat.

Berlin/Landkreis Traunstein - Der „Wahlkrimi“ hat ein Ende. Söder zieht sich vom Kampf um die Kanzlerkandidatur zurück. Die Union hat sich für Laschet entschieden und Söder akzeptiert das Urteil, wie angekündigt. Im Interview mit chiemgau24.de erzählt Dr. Peter Ramsauer MdB (CSU) von seinen Eindrücken vor und nach der Entscheidung.

Wie haben Sie den sogenannten „Wahlkrimi“ um Laschet und Söder der vergangenen Wochen wahrgenommen?

Ramsauer: Den Begriff akzeptiere ich. Als alter Hase muss ich sagen, solche Auseinandersetzungen um die Frage der Kanzlerkandidatur erlebt man natürlich äußerst selten. Das kommt bei uns nur alle 15 bis 20 Jahre vor. Mit uns meine ich die Union. Deswegen gibt es dafür auch keine Rezeptbücher, wie man so eine Kanzlerkandidaturfrage klärt.

Das war in der Zeitgeschichte jedes Mal anders. Und das habe ich in meiner politischen Erfahrungswelt in der Weise zuletzt im Jahr 2001 für die Bundestagswahl 2002 erlebt. Das heißt, das ist knapp 20 Jahre her zwischen Merkel und Stoiber. Bei der Wahl danach, 2005, war die Sache ja schon wieder völlig klar für Merkel. Oder wiederum davor war es 1980 beziehungsweise 1979. Das ist jedes Mal anders.

Da kann man kein Rezeptbuch dafür machen, weil jedes Mal die Situation eine andere ist. Jetzt haben wir es jetzt mit zwei Super-Alphatieren zu tun gehabt, die beide natürlich jeder für sich gute Gründe hatten, nicht nachzugeben. Und deswegen war das so spannend wie ein Krimi.

Ich habe das natürlich sehr aus der Innenperspektive wahrgenommen. Ich kenne beide. Beide sind Freunde von mir seit langer Zeit und ich kenne die Biografie von beiden in- und auswendig. Da hat man natürlich persönlich einen ganz anderen Zugang zu der Auseinandersetzung wie jemand, der das beispielsweise als Abgeordneter erlebt, der beide zwar ein bisschen kennt, aber nicht näher. Jeder hat hier gute Gründe vorgetragen und im Nachhinein ist jeder auch in der Bundestagsfraktion und gerade auch in der CSU Landesgruppe heilfroh, dass das alles ausgestanden ist.

Ich finde, dass Markus Söder natürlich auch so handeln musste, weil er wahnsinnig viel Zuspruch auch aus dem CDU-Bereich hatte. Das kann man ihm auch nicht vorwerfen. Dazu habe ich auch schon letzte Woche bei Markus Lanz gesagt, dass die CDU durch ihre uneinheitliche Haltung das Scheunentor aufgemacht hat. Da musste Söder natürlich durchgehen durch dieses Scheunentor. Und deshalb hat er das (Anm. d. Red.: die letztendliche Entscheidung) die ganze letzte Woche offen gelassen. Er hat das Ganze aber zu einem wirklich sehr fairen polit-sportlichen Abschluss gebracht und er findet dafür auch bei den wirklich hartgesottenen CDU-Kollegen viel Respekt.

Söder-Biograf Roman Deininger wird oft mit den Worten zitiert, dass es sich mit Söder und der Macht verhalte, wie mit dem Hund und der Wurst. Ist die Wurst in Reichweite, sei es nicht mehr die Entscheidung des Hundes, ob er danach schnappt. Trifft dieser Vergleich zu?

Ramsauer: Das ist nicht mehr seine Entscheidung. Das ist wie das, was ich mit dem Scheunentor gesagt habe. Die CDU hat für Söder den Ball auf die 11-Meter Linie gelegt und den Torwart aus dem Tor genommen. Dass man dann verwandelt, das ist klar.

Wenn man das dann aber zu einem Abschluss bringt und sagt: „Ich nehme das Tor nicht an, ich spucke die Wurst wieder aus oder gehe aus dem Scheunentor wieder heraus.“ Das ist eine höchst noble Art und Weise, damit umzugehen und dann zu sagen, „Spucken wir in die Hände und packen miteinander an.“

Wie war Ihre Stimmung nachdem die Entscheidung gegen Söder und für Laschet gefallen war?

Ramsauer: Ich habe am Montag erwartet, dass der CDU-Vorstand innerhalb von zwei Stunden fertig ist und dann ein nahezu 100-prozentiges Votum für Laschet herauskommt. Ich habe das mitverfolgt. Ich saß selber bis um 1 Uhr nachts da und habe das verfolgt. Von Stunde zu Stunde wurde das Ganze elender. Ich bin danach erleichtert eingeschlafen, weil ich gewusst habe: „Gott sei Dank haben sie sich zu diesem Ergebnis durchgerungen“. Und ich habe mir gedacht, dass Markus Söder das am nächsten Tag akzeptieren wird und so war das dann auch.

Was mich überrascht hat; ich hatte erwartet, dass das innerhalb von eineinhalb bis zwei Stunden geht, weil da die Profis alle beieinander sitzen und sagen: „Jetzt ist die Gefechtslage schon so, dass Söder uns schon wieder den Ball hinlegt und sagt, er akzeptiert, was wir entscheiden“. Ich hatte erwartet, dass die Entscheidung dann ruck-zuck fällt.

Auch, dass die CDU-Vorstands-internen Nicht-Laschet-Leute sich hinter Laschet stellen im Sinne der Einheitlichkeit der Partei CDU. Aber dass es dann nochmal losging, das hat mich echt überrascht. Wie gesagt, das ist dann von Stunde zu Stunde eher elender geworden. Deswegen hat mich auch dieses 31 Stimmen von 46 schon eher überrascht. Ich hätte mir mehr Einheitlichkeit erwartet.

Wird sich die Entscheidung auf das Verhältnis von CDU und CSU negativ auswirken?

Ramsauer: Nein, sicher nicht. Einer wie ich hat da ja ein hervorragendes Vorerfahrungsfeld, was die Fraktion angeht, wo 199 CDU-Kollegen da sind und 46 CSU-Kollegen - mich eingerechnet. Da sagen die CDU-Kollegen: „Ja, dass ihr von der CSU so denkt und euch so positioniert, das ist völlig klar“.

Da ist das eher als CDU-internes Problem wahrgenommen worden, dass da dieser zweistimmige Chor entstanden ist. Die einen so, die anderen so. Es ist kein Problem zwischen CDU und CSU, sondern es war ein CDU-internes Problem, was sie aber jetzt schleunigst beiseitelegen. Das wissen sie selbst. Ich habe darüber gerade eben mit einem Berliner Kollegen gesprochen. Die Berliner wollten ja auch Söder, aber dieser Kollege sagte auch, dass da jetzt aber mal echt Schluss sein muss.

Hätte Söder etwas besser machen können? Hatte er eine echte Chance?

Ramsauer: Theoretisch, wenn die Zerstrittenheit in der CDU noch stärker gewesen wäre, dann hätte sich vielleicht an irgendeinem Punkt Laschet entmutigen lassen. Auf der anderen Seite, wer die Geschichte und das Selbstverständnis der CDU kennt, der müsste auch wissen, dass bei der Gefechtslage, bei der man davon ausgehen kann, dass die Union doch am Ende als stärkste Partei aus der Bundestagswahl hervorgehen wird und die nächste Regierung anführen wird, dass sich die CDU in ihrem Selbstverständnis nicht die Kanzlerkandidatur nehmen lassen wird. Daran hat sich dann ja auch Laschet und letztlich der gesamte Parteivorstand der CDU drangehängt.

Bedeutet das, dass die CDU einen Kanzlerkandidaten aus der CDU einem aus der CSU vorzieht?

Ramsauer: Nein das ist etwas ganz anderes. Ich sage, dass in der jetzigen Gefechtslage kann die CDU als Partei sich nicht die Kandidatur nehmen lassen. Sonst würde sie die ganze Selbstachtung verlieren.

Wird Laschet in Bayern einen vergleichbaren Rückhalt wie Söder haben?

Ramsauer: Das nicht. Dasselbe gilt aber auch umgekehrt in jedem anderen Bundesland. Ich bin mir ganz sicher, dass wenn sich jetzt alle fair und professionell verhalten, dann wird Laschet auch im Freistaat sehr stark aufholen. Vor allen Dingen, wenn die Leute vor der Wahl die Schreckgespenstlichkeit der Alternativen betrachten.

Ist Laschet der richtige für den Job als Kanzler?

Ramsauer: Beide sind unterschiedliche Typen. Markus Söder, der Machtmensch im positiven Sinne des Wortes und Laschet, was Moritz Krüpper in seinem Buch über Laschet schön beschrieben hat, der „Machtmenschliche“. Beides beinhaltet auf alle Fälle Kanzlertauglichkeit.

mda

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