Bittersüße Tierliebe

Welpen-Boom im Netz: Chiemgauer Hundezüchter schlagen Alarm

Solchen Augen können viele Menschen im Moment kaum widerstehen. Aber die Tibetterrier aus dem kommenden Wurf von Züchterin Alexandra Hinkelblech sind bereits vergeben.
+
Solchen Augen können viele Menschen im Moment kaum widerstehen. Aber die Tibetterrier aus dem kommenden Wurf von Züchterin Alexandra Winkelblech sind bereits vergeben.

Wer kann diesen Augen schon widerstehen? So geht es derzeit vielen Menschen im Chiemgau, die sich deshalb im Lockdown einen Hundewelpen anschaffen. Warum das nicht immer eine gute Idee ist.

Chiemgau– „Ich geh schon gar nicht mehr ans Telefon“, sagt Alexandra Winkelblech aus Rimsting. Sie züchtet Tibetterrier und ihr Anschluss steht kaum still vor lauter Anfragen. Denn im Corona-Lockdown wollen sich viele Menschen die Zeit zuhause mit einem Hund versüßen. Nicht alle sind sich bewusst, worauf sie sich einlassen.

Winkelblech achte sehr darauf, dass ihre Welpen ein gutes Zuhause bekommen: „Die Leute müssen sich bei mir persönlich vorstellen und dann wähle ich aus.“ Und zwar ein Jahr bevor sie einen Welpen bekommen. „Wenn man einen Hund will, der alles macht, was man sagt, dann ist man bei einem Tibetterrier verkehrt“, sagt Winkelblech. Denn obwohl der Hütehund sehr familienbezogen ist, müsse er von Anfang an erzogen werden. „Sonst übernimmt er die Rudelführung“, sagt die Züchterin.

45 Menschen buhlen um Edgar

Dass das Leben mit einem Hund aufwendig und nicht immer ein Zuckerschlecken ist, kann auch Anne Tischbein aus Traunstein bestätigen. „Im ersten Lockdown habe ich mich um den Hund meiner Schwester gekümmert“, sagt die Lehrerin. Der Wunsch nach einem Hund sei schon länger da gewesen. Im Herbst klappte es dann überraschend mit einem Labdrador-Welpen namens Edgar. „Neben mir waren noch 45 andere Personen in der engeren Auswahl der Züchterin“, sagt Tischbein.

Welpe Edgar lässt seine Besitzerin nicht viel schlafen

Obwohl sie sich schon mit dem Alltag mit Hund auskannte und sich auch intensiv in die Aufzucht von Welpen eingelesen hatte, sei sie anfangs ziemlich überfordert gewesen von ihrem Edgar. „Dann sitzt du da mit einem Fellknäuel, das dich nachts wach hält“, sagt die Traunsteinerin, die sogar in den ersten Wochen neben Edgars Lager schlief. Nachts musste sie nicht nur einmal, sondern mehrfach mit dem Hund raus.

Doch viele Menschen unterschätzen, wie das Leben mit Hund ist und liessen sich auf „windige“ Angebote im Internet ein, sagt Winkelblech. Hauptberuflich führt sie die Priener „Fellnasenboutique“, ein Fachgeschäft für Tierbedarf. Sie kennt die Probleme von Haltern, die kranke oder viel zu junge Hunde im Internet gekauft haben. Können sich also die Hundetrainer freuen, weil ihnen dadurch viel Kundschaft bereit steht? „Nicht wirklich“, sagt Andrea Fleidl, die eine Hundeschule in Erlstätt betreibt.

„Hundeshopping“ im Netz

Einerseits darf sie wegen des Lockdowns derzeit ohnehin nicht arbeiten. Auf der anderen Seite sieht sie es kritisch, dass viele Menschen im Internet „Hunde shoppen“. Hinzu komme, dass Welpen von Anfang an ausgebildet werden sollen. „Stattdessen werden wir Hunde haben, die ein halbes Jahr alt sind und soziale Defizite haben“, sagt Fleidl. Denn wegen des Lockdowns haben auch die Hunde oft wenig gesehen und seien nicht an Menschenansammlungen, fremde Hunde und Orte wie Cafés oder Restaurants gewöhnt.

Windige Geschäfte mit Welpen aus Ländern in Osteuropa

„Die Preise für Zuchthunde sind explodiert“, sagt Judith Schmidbauer. Sie züchtet Hovawarte in Prien und kritisiert ebenfalls, dass der Markt derzeit explodiere. „Es wird für uns Züchter dann auch immer schwieriger, einen passenden Rüden zu finden. Die Möglichkeit, dass die Tiere zu stark miteinander verwandt sind, steigt“, sagt Schmidbauer. Im osteuropäischen Raum werde gerade „gedeckt, was das Zeug hält“, zum Teil unter problematischen hygienischen Zuständen.

Neue Krankheiten in Oberbayern

Der Überseer Tierarzt Robert Fischer sieht die Globalisierung auf dem Hundemarkt nicht nur wegen mangelnder Hygiene kritisch: „Viele Krankheiten aus dem südeuropäischen Raum haben sich in den vergangenen Jahren auch bei uns etabliert, beispielsweise ein Erreger, der von Zecken übertragen wird.“ Hinzu komme, dass viele Welpen zu früh von ihrer Mutter getrennt werden und dadurch oft an Durchfallerkrankungen leiden. Gefälschte Impfpässe habe er ebenfalls schon erlebt.

Neben Rassewelpen kommen auch Straßenhunde nach Deutschland: „Das ist zum Teil ein Geschäft mit dem Leid der Tiere, wobei es auch seriöse Organisationen gibt. Allerdings gibt es ja auch bei uns Tiere, die zu vergeben sind.“

Was angehende Hundehalter wissen müssen

Die Entscheidung für einen Hund sollte wohlüberlegt sein, schließlich handelt es sich bei Welpen nicht um Wegwerfware, Spontankäufe von unseriösen Anbietern „aus dem Kofferraum“ oder über das Internet halten das mafiöse Welpengeschäft am Laufen und verursachen viel Tierleid. Ein gesunder und sorgfältig aufgezogener Hundewelpe hat seinen Preis. Nur ein gut sozialisierter Hund wird später angstfrei und ohne Probleme durchs Leben gehen. Welpen sollten daher nur beim Züchter gekauft werden. Käufer sollten sich selbst ein Bild von der Zucht machen, besonders was das Verhalten der Tiere und das Umfeld angeht. Ausreden der Züchter sind meist ein Hinweis, dass etwas faul daran ist. Verantwortungsvolle Züchter wollen genau wissen, wo ihr Welpe hinkommt und geben Welpen erst dann ab, wenn sie reif dafür sind. Gesetzlich ist dies erst ab einem Alter von über acht Wochen erlaubt, in der Regel zwischen der 9. und 12. Lebenswoche. Welpen aus dem Ausland können aufgrund der europarechtlich vorgeschriebenen Tollwutimpfungen erst ab einem Alter von 15 Wochen nach Deutschland gebracht werden. Die Impfungen müssen in einem individuellen EU-Heimtierausweis dokumentiert sein, die Tiere müssen durch Mikrochip unverwechselbar gekennzeichnet sein. Vorsicht ist auch geboten, wenn Verkäufer laufend neue Welpen oder gleichzeitig Welpen verschiedenster Rassen anbiete: Das ist ein Hinweis auf Massenzucht, in der das einzelne Tier nicht zählt. Sehr junge Welpen sind häufig bereits mit Krankheiten infiziert oder erkranken durch die Belastungen, die das zu frühe Absetzen von der Mutter mit sich bringen. Welpen sollten von einem Tierarzt überprüft werden. Im Falle des Verdachts von illegal eingeführten oder verkauften Welpen das Veterinäramt im Landratsamt oder die Polizei.

Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz

Kosten statt Strafe

„Seit Beginn der Pandemie stellt das Rosenheimer Veterinäramt tatsächlich eine Zunahme des Welpenhandels fest. Zu den meistgehandelten Rassen gehören Malteser, Mopswelpen, Französische Bulldoggen, manchmal auch Kampfhunde“, berichtet Michael Fischer, Sprecher des Landratamts Rosenheims. Die Konsequenzen für Käufer von illegal importierten Welpen aus dem Ausland sind Fischer zufolge meist nicht straf- oder bußgeldrechtlicher Natur, sondern der Halter muss oft mit hohen Kosten rechnen. Ungeimpfte Tiere müssen in Quarantäne und die kostet: Üblicherweise entstehen Unterbringungskosten von bis zu 20 Euro pro Tag. Hinzu kommen laut Fischer oftmals die die Kosten für die Impfung und die tierärztliche Behandlung.

Kommentare