Auch Bergwacht und Alpenverein äußern Befürchtungen

Urlaubs-Nachfragen gehen steil nach oben - droht der Region jetzt der Overtourism?

Besucherstrom
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Solche Bilder haben im vergangenen Jahr auch bei heimischen Tourismusverbänden für Diskussionen gesorgt. Bringt Corona die Lösung für die Lenkung der Besucher?

Chiemgau - Die Corona-Krise hat auch den heimischen Tourismus stark getroffen. Doch ab 30. Mai dürfen Hotelbetriebe wieder öffnen. Die Nachfrage ist groß. Bergwacht und Alpenverein befürchten einen großen Touristen-Ansturm in der Region. Muss man den Overtourism dieses Jahr in Kauf nehmen?

Seit 18. März stehen Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen in der Region leer. Sie können keinerlei Einnahmen generieren. Eine harte Zeit, wie auch die Chiemsee-Alpenland Tourismus GmbH bestätigt. "Die Gästezahlen in Stadt und Landkreis Rosenheim sind um knapp 59,5 Prozent (Bayernweit: 61,5 Prozent) im Vergleich zum Vorjahresmonat eingebrochen. Auch bei den Übernachtungszahlen musste ein Rückgang von 43,1 Prozent (Bayernweit: 53,4 Prozent) registriert werden."


Auch wenn aufgrund der Corona-Krise nicht mehr mit einem normalen Jahr gerechnet werden kann, sei die Hoffnung berechtigt, dass es im zweiten Halbjahr 2020 zu einer deutlichen Besserung der Lage komme, heißt es von Seiten der Tourismus GmbH. Das bestätigt auch Claudia Kreier von Chiemgau Tourismus gegenüber chiemgau24.de: "Seit Ministerpräsident Markus Söder die Öffnung der Hotels für 30. Mai angekündigt hat, sind die Nachfragensteil nach oben gegangen, nur Minuten nach der Pressekonferenz."

Urlaub im eigenen Land - Berge Ziel Nummer eins?

Das betrifft nicht nur die Pfingstferien, sondern auch für die Monate Juli bis September gibt es schon zahlreiche Buchungen. Die Deutschen scheinen der Aufforderung nachzukommen, Urlaub im eigenen Land zu machen. Bergwacht und Alpenverein befürchten, dass die Berge mit die gefragteste Urlaubsdestination in Deutschland werden könnten.


"Das sehen wir auch so", bestätigt Claudia Kreier. In dem 'Netzwerk Tourismuswirtschaft Chiemgau' hätten sich die Verantwortlichen deshalb bereits Lösungen zur Besucherlenkung überlegt. "Ein Punkt ist zum Beispiel ein Info-Pool, in dem sich vor allem Tagesgäste vor der Anreise informieren können. Es soll ja bei Ausflugszielen Kapazitätsbeschränkungen geben. Ein Gast könnte vorab recherchieren, welche Parkplätze eventuell schon gesperrt sind. Im Idealfall wird der Info-Pool auch von den benachbarten Regionen gepflegt, denn der Gast unterscheidet ja nicht nach Landkreisgrenzen."

An den landkreisübergreifenden Abstimmungen wird derzeit gearbeitet. Vieles ist noch nicht konkret, da auch noch nicht bekannt ist, unter welchen Voraussetzungen Hotelbetriebe und Ausflugsziele öffnen dürfen. Das scheint dem Urlauberstrom aber keinen Abbruch zu tun. "Ehrlich gesagt glauben wir, dass die Gäste heuer eine gewisse Toleranz mitbringen werden, und ein Ziel des Info-Pools ist es auch, die Gäste auf andere, weniger besuchte Orte und Ausflugsziele umzulenken", informiert Kreier.

Bergwacht und Alpenverein auf Besucherstrom vorbereitet

Auch die Bergwacht hat entsprechende Maßnahmen getroffen, um für die befürchteten Urlauberströme gerüstet zu sein und die Einsatzkräfte vor einer möglichen Corona-Ansteckung zu schützen. "Die Einsatzmannschaften werden soweit als möglich klein gehalten und gehen in möglichst gleichbleibender Zusammensetzung in den Einsatz. Im unmittelbaren Patientenkontakt befinden sich nur die zwingend erforderlichen Personen", heißt es in einer Pressemitteilung der Bergwacht Bayern.

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David Pichler, der Geschäftsführer der Bergwacht-Region Chiemgau ergänzt: "Wir erwarten natürlich ab den Pfingstferien tendenziell mehr Leute in der Region und in den Bergen, aber wir sind einsatzbereit." Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen werden entsprechend bei den Einsatz- und Transportgeräten durchgeführt. Mund-Nase Bedeckung, Schutzmaske, Brille und Handschuhe gehören jetzt zur Standard-Ausrüstung eines Bergretters.

Auch Pichler geht davon aus, dass es an Hotspots wie dem Kehlsteinhaus durch das Wegbleiben der asiatischen Urlauber eher ruhiger wird als in den vergangenen Jahren. "Dafür werden sich die anderen Urlauber wahrscheinlich mehr in das ganze Gebiet verteilen." Josef Klenner vom Deutschen Alpenverein appelliert deshalb an die Wanderer: "Es geht darum, gewonnene Freiheiten so zu nutzen, dass eine neuerliche Zunahme der Ansteckungen verhindert wird." Deshalb hat der DAV ein paar Verhaltensregeln aufgestellt:

  • Risikobereitschaft zurücknehmen
  • Bergsport nur in erlaubten Kleingruppen
  • Abstand halten
  • Gewohnte Rituale wie Umarmungen am Gipfel unterlassen
  • Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel mitnehmen

Urlaub in Coronazeiten: "Lage wird dynamisch bleiben"

Diese Verhaltensregeln sind nicht nur am Berg wichtig, denn "die Lage wird dynamisch bleiben, darauf müssen wir uns einstellen", gibt Claudia Kreier zu bedenken. "Wenn nach den aktuellen Lockerungen die Infektionszahlen nach oben gehen, kann sich das Rad auch wieder zurückdrehen. Dafür sind wir gemeinschaftlich mit unserem Verhalten verantwortlich." Denn ein Zurückdrehen des Rades könnte für die Tourismus- und Gastronomiebranche nichts Gutes bedeuten.

Dann kommt die Befürchtung von Christina Pfaffinger, der Geschäftsführerin Chiemsee-Alpenland Tourismus, noch mehr zum Tragen: "Das ist eine mehr als bedrohliche Lage für die Gastronomie und Tourismusbetriebe." Claudia Kreier in Traunstein bleibt aber zuversichtlich, auch was das Thema Overtourism betrifft, der im vergangenen Sommer so sehr diskutiert worden war.

"Ich glaube, wir alle haben in den vergangenen Wochen ein Bild davon bekommen, wie es ist, wenn alles geschlossen ist. Ohne Tourismus könnten viele Lokale, Einzelhändler und Freizeiteinrichtungen in der Region nicht überleben, und das hätte auch Auswirkungen auf die Lebensqualität der Einheimischen. Deshalb muss sich die Region mit den Gästen arrangieren, auch wenn mal ein Parkplatz voll ist."

cz

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