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„Ihn daheim im Heroinrausch zu sehen, war ein gewohntes Bild“

Der Sohn drogensüchtig und im Knast: Mutter aus Kreis Traunstein packt über ihr Leben aus

Schon im Jugendalter ging es los, inzwischen habe er „alles“ genommen und sitzt im Gefängnis - eine Mutter aus dem Landkreis Traunstein erzählt vom Horror, den sie mit ihrem drogensüchtigen Sohn erleben musste und warnt: „Viele Eltern überreißen nicht, was abgeht.“

Landkreis Traunstein - Sieben Jahre Haft. Kann das einen Menschen noch umdrehen? „Ich hoff‘s natürlich. Aber so wirklich glaube ich nicht dran.“ Maria Schober hat mit ihrem Sohn Tom (Namen geändert) inzwischen einfach zu viel durchgemacht, zu viel Schlimmes erlebt. Seit Anfang 2020 „sitzt“ er wieder. 35 Jahre ist ihr Sohn alt, die meiste Zeit davon hat er Drogen genommen - und Schober musste zusehen. „Man stumpft ab. Ich bin inzwischen eiskalt und hart geworden“, sagt sie gegenüber chiemgau24.de. Auch Sätze wie „Ich war jedes Mal froh, wenn er eingesperrt war. Dann hatten wir unsere Ruhe“, rutschen ihr im Gespräch heraus. Wie kann es soweit kommen?

Im Alter von 14 ging es mit Ritalin los - und Arzt gab verheerenden „Tipp“

Der „größte Fehler“ sei schon früh passiert. Tom war gerade mal zehn Jahre alt. Die Familie zog innerhalb des Landkreises um, von der Stadt aufs Land. Tom tat sich dort schwer, der Schuldirektor attestierte ADHS - und mit 14 bekam er das erste mal Ritalin verschrieben. Wenn man so will der Einstieg in eine lange Rauschgiftkarriere. „Trink das bloß nicht mit Alkohol“, habe ein Arzt Tom dann gesagt, „das wirkt sonst wie Speed“. 16 war Tom da und die Neugier geweckt. „Natürlich hat er das ausprobiert“, erzählt Mutter Maria. „Er ist im Kinderzimmer ausgetickt und hat auf eine Glasscheibe eingedroschen bist alles geblutet hat.“

„Sofort weg mit dem Ritalin“, riet ein Arzt der Familie. Wahrscheinlich der nächste Fehler. Denn durch das abrupte Ende kamen die Entzugserscheinungen - und die erste Bekanntschaft mit „Gabersee“. Die erste von mindestens 25, wie Maria Schober heute nur noch schätzen kann. „Und was wir nicht gewusst haben: Vor dem Ritalin-Entzug hat Tom auch schon mal Marihuana und Ecstasy probiert.“ Damals hätte man das Ruder vielleicht noch herumreißen können, glaubt Mutter Maria, aber mit 17 kam der Sohn in einen neuen Freundeskreis. Sie erwischte die Clique beim Koksen („ich war schockiert), warf alle hinaus - und das nächste Unglück wartete nicht lange.

Mit 18 heroinsüchtig - und im Kinderzimmer reanimiert

200 Tabletten Ecstasy. Das fand die Polizei in Toms Rucksack, als sie ihn und seine Freunde in Traunstein kontrollierte. Er war damals noch immer nicht volljährig. „Mein Sohn war nie ein Dealer“, sagt Maria auch noch heute aus vollster Überzeugung. „Ich bin mir sicher, das haben ihm die anderen kurz davor hineingesteckt.“ Anderthalb Jahre Bewährung urteilt das Jugendgericht. Sechs weitere Bewährungsstrafen und gut drei Jahre sollten ins Land ziehen, bis Tom dann das erste Mal hinter Schloss und Riegel kam. Doch bis es soweit war, lernte er die nächste Droge kennen: Heroin.

Wir haben ihn in der Nacht blau angelaufen in seinem Zimmer gefunden“, erzählt Maria. Sie wirkt dabei, wie meistens im Gespräch, gefasst. „Der Arzt hat ihn reanimiert und gemeint, dass er Heroin genommen hat.“ Das Zeug hatte Tom von seinen Freunden, ist sich Maria sicher, aber wie er all das mit 18 finanzierte, fragt sie sich auch heute noch. Nach der abgebrochenen Malerlehre arbeitete der Sohn für Zeitarbeitsfirmen, immer wieder unterbrochen von Arbeitslosigkeit. „Es gibt nichts Schlimmeres als einen intellektuellen Junkie“, sagt Maria Schober mit Blick auf ihren Sohn. „Wenn die süchtig sind, herrschen nur noch Lug und Betrug.“

„Erster Schuss Heroin war geiler als jeder Orgasmus“

Es vergingen also gerade mal drei Jahre und das Kind nimmt nicht mehr Ritalin, sondern ist heroinabhängig - und die Eltern wohl immer einen Schritt hinterher. „Er hat uns immer wieder versprochen aufzuhören und man hofft immer und man glaubt immer...“, hört man Maria Schober die Verzweiflung an. Ihnen allen ist die Situation damals wohl entglitten. „Das geht scheibchenweise. Viele Eltern überreißen nicht, was abgeht“, sagt sie heute. Später fragte Mutter Maria ihren Tom einmal, wie es zur Heroinsucht kam. „Der erste Schuss war geiler als jeder Orgasmus“, bekam sie als Antwort.

Maria Schober beschreibt schockierende Szenen, wenn sie an die Zeit zurückdenkt: Das „Loch“ in der Leiste ihres Sohnes, in das er immer wieder die Nadel setzte. Als er seine Eltern weinend um Heroin anflehte. Als er seine Mutter im Drogenrausch lachend zum Oralverkehr aufforderte. Als sie eine Bekannte des Sohnes daheim mit angeritzten Pulsadern blutüberströmt in der Badewanne fand. Zehn oder fünfzehn Mal sei es der Fall gewesen, dass Notärzte oder Polizei daheim vorbeischauen mussten. Irgendwann habe man sich daran gewöhnt. „Es konnte ihm keiner helfen“, kommen der 61-Jährigen im Gespräch die Tränen. Auch die erste Gefängniserfahrung im Alter von 21 Jahren brachte Tom nichts - „er ist süchtig aus Bernau wieder herausgekommen“.

Nach und nach starben Toms Bekannte - „ihm war alles egal“

An der Sucht von Schobers Sohn änderte sich auch dann nichts, als die Menschen um ihn herum starben. Ein Bekannter nach dem anderen ging an den Drogen zugrunde. Maria Schober erinnert sich an einen Anruf von ihm: „Mama, bitte kommts. Da liegt ein Toter auf der Couch.“ Letztlich sei ihm „alles egal“ gewesen. Genauso zwecklos: die Therapien. Vier Langzeittherapien hat Tom abgebrochen oder wurde hinausgeworfen. „Es reicht schon, wenn nur einmal ein Urintest positiv ist“, zeigt sich die Mutter enttäuscht. „Rein, raus, rein, raus. Immer das gleiche Spiel. Aber für die Therapiestätten ist‘s ein gutes Geschäft.“

Mit 22 Jahren zog der Sohn dann von den Eltern aus („es war ein gewohntes Bild, ihn daheim im Rausch zu sehen“), das Heroin sollte ihn aber noch bis zum Alter von etwa 30 verfolgen. „Entweder Heroin oder halt das verschriebene Ersatzmittel Methadon, wenn er in einem Entzugsprogramm war“, so Maria Schober. Aber auch die Methadon-Tabletten ließen sich zerstückeln, auflösen und spritzen, erzählt die Frau abgeklärt, die selbst nie mit harten Drogen zu tun hatte. „Dank“ ihres Sohnes weiß sie heute fast alles darüber. Dann berichtet sie von der nächsten, bislang letzten „Suchtverlagerung“ von Tom.

Die nächste Sucht: Tabletten und Alkohol - „Aggressiv wie ein Viech“

Tabletten gemischt mit Alkohol. Egal ob Diazepam, früher als Valium bekannt, oder das Schmerzmittel Lyrica - „eine halbe Packung hat er am Tag davon genommen“. Das Heroin war also noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. „Mit Heroin konnte man Tom zumindest noch besser einschätzen, aber bei Tabletten und Alkohol wurde er unberechenbar.“ Aggressiv „wie ein Viech“ sei er geworden, „bis er auch auf uns losgegangen ist“. Diese „Cocktails“ hätten in den letzten Jahren dann Toms Leben bestimmt. „Er hat in seinem Leben eigentlich alles genommen, auch LSD, Morphium, Chrystal Meth oder Pilze. Dass er das überlebt hat, ist ein Wunder.“

Dazu passend lernte er mit Anfang 30 neue Bekannte kennen, die vor Gewalt nicht zurückschreckten. Immer wieder sei der Sohn in Schlägereien verwickelt gewesen. Bis zu seiner bislang härtesten Verurteilung: Besonders schwerer Raub, gefährliche Körperverletzung, Verschaffen von Drogen, versuchte Nötigung. Auch das spielte sich im Landkreis Traunstein ab. Heute sitzt Tom in der JVA Straubing. Wöchentlich telefoniert Maria Schober mit ihm. „Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.“

Tipps für Eltern: Kein Geld geben und raus aus dem Umfeld

Was rät Maria Schober Eltern, deren Kinder vielleicht in einer ähnlichen Situation stecken? „Wenn sie schon im Jugendalter was ‚Hartes‘ nehmen, am besten umziehen. Die müssen dann raus aus ihrem Umfeld, anders geht‘s überhaupt nicht.“ Man solle drogenabhängigen Kindern kein Geld geben, aber sie auch nicht aus dem Haus werfen. „Drogensüchtige sind die größten Lügner. Und eins ist sicher: Wenn der Drogensüchtige nicht von selber Hilfe sucht, bringt alles nichts.“ Sie selbst hätte sich damals, als Tom noch keine 18 war, mehr Hilfe von Jugendamt oder Caritas erhofft - „aber damals wurden die Junkies bei uns im Landkreis totgeschwiegen“.

Auch ein Junkie ist ein Mensch“, so Maria Schober. Aber auch Arbeitgeber sollten sich Jugendlichen, „die im Straucheln sind“, offener gegenüber zeigen. Diese Phase im Leben von Schobers Sohn ist längst vorbei. Und sie war verkorkst. Jetzt blickt sie auf Toms zweite Lebenshälfte und sagt: „Ich habe ihn nie aufgegeben. Er ist mein einziges Kind. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

xe

Rubriklistenbild: © David Goldman

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