Finanzielle und psychische Auswirkungen der Corona-Zeit sind spürbar

Viele Eltern und Kinder „drehen am Rad“ - Interview mit Dr. Alexander Lohmeier

Dr. Alexander Lohmeier
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Dr. Alexander Lohmeier ist Leiter des Charitasverbands Caritasverbands München und Freising e.V.

In „normalen“ Zeiten betreiben die Familienstützpunkte des Landkreises Traunstein Familienbildung und -beratung in Präsenzform. Zur Angebotspalette gehören etwa Vorträge zu erzieherischen Themen, offene Eltern-Kind-Treffs, Elternfrühstücke und erlebnispädagogische Veranstaltungen. Derzeit halten die Stützpunkte in Trostberg, Traunreut, Tittmoning, Traunstein, Übersee und Ruhpolding den Kontakt zu „ihren“ Familien vor allem online oder telefonisch.

Die Pressemitteilung im Wortlaut:

Das für Ende 2020 geplante Jahrestreffen der Familienstützpunkte wurde als Videokonferenz durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass an den einzelnen Standorten ähnliche Erfahrungen gemacht wurden: Manche Familien, die sich an die Familienstützpunkte wendeten, hätten mit finanziellen Problemen zu kämpfen (etwa wegen Kurzarbeit oder Jobverlust). Außerdem seien psychische Belastungen infolge der Kontaktbeschränkungen spürbar (insbesondere bei Jugendlichen).

Daher sei es erforderlich, gut erreichbar zu bleiben. Eine wichtige Informationsquelle für Familien ist weiterhin die Internetseite www.familienstuetzpunkte-traunstein.com. Hier finden sich außer den Kontaktdaten der Familienstützpunkte auch Links zu Beratungs- und Hilfsangeboten für Menschen in Notsituationen und ebenso Tipps für ein gelingendes Familienleben im Lockdown.

Je nach Jahreszeit werden die Spiel- und Bastelideen für die Corona-Zeit aktualisiert. Seit Montag, dem 18. Januar 2021, steht hier das Thema: „Winter und Fasching“ auf dem Programm. Um „passgenau“ auf die Bedürfnisse von Familien im Landkreis antworten zu können, starten die Familienstützpunkte in Zusammenarbeit mit den präventiven Diensten des Jugendamts eine E-Mail-Aktion: Wer Fragen zur Erziehung oder zum Familienleben hat, kann an die Adresse familien@traunstein.bayern schreiben. Alle E-Mails werden von pädagogischen Fachkräften beantwortet. Und auf Wunsch findet eine Weitervermittlung zu spezialisierten Beratungs- und Hilfseinrichtungen statt. Selbstverständlich ist die Koordinierungsstelle des Familienstützpunkte auch telefonisch unter 0861 58-257 erreichbar.

Interview mit Dr. Alexander Lohmeier, Leiter des Caritasverbands München und Freising e.V.

Im Auftrag des Landkreises Traunstein betreibt der Caritasverband München und Freising e.V. die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (Erziehungsberatung) an fünf Standorten. Dr. Alexander Lohmeier leitet sie und hat einen guten Einblick in die Situation der Familien unter Corona-Bedingungen. Mit ihm sprach Dr. Norbert Wolff von der Koordinierungsstelle der Familienstützpunkte.

Wie hat sich Ihre Beratungstätigkeit in der Corona-Zeit verändert?

Nachdem während des ersten Lockdowns viele Eltern Verständnis für die Situation geäußert hatten und beispielsweise Beratungstermine von sich aus abgesagt hatten, ist es nunmehr umgekehrt. Viele Eltern, Jugendliche und Kinder „drehen am Rad“ und benötigen persönliche Termine bei der Beratungsstelle. Selbst Jugendliche, die sonst schon mal einen Termin „verschludern“, erscheinen pünktlich und genießen den Beratungskontakt zu einer leibhaftigen Person. Jüngere Kinder haben einen großen Redebedarf und wollen sich unbedingt einem anderen als den eigenen Eltern mitteilen.

Welche Fragen stellen die Eltern jüngerer Kinder?

Es geht hauptsächlich um Folgen der Kontaktreduzierung, das heißt Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder aufgrund der sozialen Einschränkungen in ihrer Sozialkompetenzentwicklung gefährdet sind. Ein weiterer Punkt ist Geschwisterrivalität und -streit, da man sich nicht mehr so einfach aus dem Weg gehen kann, und schließlich berichten Eltern bei uns von Aussagen ihrer Kinder, dass sie wegen der Pandemie Angst um ihre eigenen Großeltern haben bzw. unter den Kontaktbeschränkungen zu ihnen leiden.

Und wie geht es den Jugendlichen?

Jugendliche fanden es anfangs oft noch ganz „spannend“, mit Homeschooling und Online-Gaming zuhause zu bleiben, doch mittlerweile sind sie ganz schön angeödet. Sie leiden am meisten unter den Ausgangsbeschränkungen und dem Verbot, sich in der Gruppe zu treffen. Klar, es gibt Hilfskonstrukte wie Onlinepartys und soziale Medien, doch die können einen persönlichen Kontakt nicht auf Dauer ersetzen. Zu uns kommen viele Jugendliche mit depressiven Verhaltensmustern, die Gefahr laufen, total abzuschalten und sich passiv den Medien hinzugeben.

Lässt es sich überhaupt vermeiden, dass die Mediennutzung zunimmt?

Nein, in Zeiten des Lockdowns setzt man ja ganz bewusst und stimmiger Weise auf die digitale Ersatzbeziehung. Frustrierte und selbst genervte Eltern sollen dann den Medienkonsum der Kinder begrenzen, das ist sehr schwierig. Ich glaube, erst nach der Pandemie gibt es viel aufzuarbeiten, was die „Normalisierung“ des Medienkonsums betrifft. Da werden Eltern sicher auch professionelle Hilfe durch die Erziehungsberatung oder die Jugendsuchtberatung der Caritas benötigen.

Was raten Sie bei häuslichen Konflikten?

Raus aus der Situation! Rausgehen, durchatmen, überlegen und reflektieren. Nutzen Sie unbedingt die Möglichkeiten, die das Leben in einer ländlichen Umgebung bietet. Außerdem sollten gleichbleibende Rahmenbedingungen in Familien aufgestellt werden, das wären Essenszeiten, Aufstehzeiten, „Dead-end“-Zeiten für Medienkonsum, mindestens eine gemeinsame Mahlzeit am Tag usw., das sind übrigens auch Dinge, die verhindern, dass es in Gefängnissen (also den permanenten Lockdown-Orten) zu Aufständen kommt  Wenn gar nichts mehr hilft, sollte man sich an die Familienstützpunkte, an die Beratungsstelle oder an den Krisendienst wenden.

Welchen Tipp können Sie Familien geben, bei denen es derzeit eigentlich recht gut läuft?

Weiter so und durchhalten! Scheinbar haben diese Familien ihr Rezept gefunden, um gut durch die Krise zu kommen. Beim ersten Lockdown hatten wir einige Familien in Beratung, die selbst verwundert waren, dass durch den Wegfall von Terminen der Kinder (Musik, Sport, Nachhilfe, Schule usw.) eine Entschleunigung des Familienlebens stattgefunden hat und sie dementsprechend entspannter waren. Vielleicht bleibt davon etwas für die Zeit nach der Pandemie hängen. Corona hat wie ein Brennglas gewirkt, das zum einen innerfamiliäre Konflikte deutlicher und schneller aufgezeigt hat, aber zum anderen Ressourcen und Widerstandskräfte der „Primärgruppe“ Familie aktiviert hat.

Die Mitteilung des Landratsamt Traunstein

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