Außenstelle Traunstein berichtet von aktueller Lage

Häusliche Gewalt in Corona-Krise? – Weisser Ring: „Machen uns die allergrößten Sorgen“

In den hiesigen Außenstellen des Weissen Rings, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität in der Region, ist es derzeit ruhig. Dennoch warnt der Verein vor erhöhtem Risiko häuslicher Gewalt in der Corona-Krise. 

Landkreis Traunstein - „Wir machen uns die allergrößten Sorgen“ – mit eindringlichen Worten warnt Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weissen Rings, in einer Pressemitteilung vor dem nach wie vor erhöhtem Risiko häuslicher Gewalt in der Corona-Krise. „Gewalt geschieht in Deutschland in jeder einzelnen Minute des Tages, nicht nur während einer Pandemie“, sagt Ziercke. „Wir müssen aber davon ausgehen, dass es jetzt im Lockdown noch einmal zu deutlich mehr Taten kommt.“

Häusliche Gewalt in der Corona-Krise - Telefone stehen in Traunstein und Umgebung still

Doch diese kommen derzeit (noch) nicht zum Vorschein. Die Telefone stehen still. „Es meldet sich kaum jemand bei uns“, schildert Sabine Kurz, Außenstellenleiterin des Weissen Rings in Traunstein, gegenüber chiemgau24.de. Auf den ersten Blick scheint dies positiv zu sein. Dennoch mahnt Kurz, daraus nicht die falschen Schlüsse zu ziehen: „Man muss abwarten.“

Auch in vielen aktuellen Gewalt-Statistiken gibt es noch keinen sichtbaren Corona-Effekt. Das dürfe laut Ziercke kein Anlass für Entwarnung sein. „Unsere Erfahrung zeigt, dass sich die Gewalttaten nicht schnell in Zahlen niederschlagen. Opfer melden sich nicht gleich nach der Tat, und sie melden sich auch nicht an dem Tag, an dem das Ende eines Lockdowns verkündet wird. Häufig leben sie viele Jahre mit der Gewalt.“

Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weissen Rings, rechnet mit einer drastischen Zunahme an Gewalttaten.

Kurz: „Mir ist schon etwas unheimlich“

Auch während des ersten Lockdowns im Frühjahr vorherigen Jahres ging der Weisse Ring von den schlimmsten Befürchtungen aus. „Damals hat sich aber fast niemand gemeldet. Jeder hat darauf gewartet, dass was kommt. Es war aber komischerweise nichts“, so Kurz. Diesen Effekt bestätigen ihr auch Kollegen aus den benachbarten Außenstellen. „Mir ist deshalb schon etwas unheimlich“, so Kurz.

Denn viele Faktoren würden für mehr Fälle sprechen. „Aus Erfahrung wissen wir, dass sich Spannungen in Gewalt entladen können, wenn Menschen auf engem Raum zusammensitzen und zusätzlich psychischen Belastungen ausgesetzt sind wie Ängsten um Gesundheit und Jobverlust oder Zukunftsunsicherheiten“, so Ziercke. „All das passiert zurzeit wegen Corona.“

Die Menschen seien in ihrer Blase und eine Situation würde so viel leichter eskalieren, ergänzt Kurz. „Rauszugehen, um Dampf abzulassen, ist momentan auch nicht so einfach“, erklärt die Außenstellenleiterin in Traunstein. Ohne persönlichen Kontakt zu Freunden und Bekannten sei es eben für alle schwierig.

Gewissheit erst Wochen nach Lockdown

Ein Ende des Lockdowns und der Corona-Pandemie wäre aus ihrer Sicht sehr positiv. „Erst dann würden wir uns weniger Gedanken machen. Was kommt jetzt noch auf uns zu, wenn es vorbei ist?“, so Kurz. Gewissheit habe man erst ein paar Wochen nach dem Lockdown. Es ist eine Ausnahmesituation und die Helfer wissen nicht, wie viele Opfer tatsächlich derzeit betroffen sind.

Jedes Jahr erfasst die Polizei rund 140.000 Fälle von häuslicher Gewalt. Das Dunkelfeld ist riesig; der Weise Ring geht davon aus, dass allenfalls jede fünfte Tat angezeigt wird. Betroffen sind überwiegend Frauen, jede dritte Frau in Deutschland hat schon einmal Gewalt erfahren. Dabei kann sich die Spirale häuslicher Gewalt bis zum Schlimmsten steigern, wenn sie nicht rechtzeitig gestoppt wird: Jede dritte getötete Frau in Deutschland wird von ihrem eigenen Partner umgebracht.

Pressemitteilung Weisser Ring/jz

Rubriklistenbild: © dpa/Weisser Ring (Montage)

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