Gegen Einsamkeit

Grüße ins Altersheim - Landkreis Traunstein vermittelt Brieffreundschaften während Pandemie

Die 80-jährige Nevenka Pranjic zeigt stolz die Briefe, die sie bereits bekommen hat.
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Die 80-jährige Nevenka Pranjic zeigt stolz die Briefe, die sie bereits bekommen hat.

Jeder freut sich über einen Brief, wenn er nicht gerade vom Finanzamt kommt. Aus diesem Grund vermittelt der Landkreis Traunstein in der Corona-Zeit Brieffreundschaften für Menschen, die in Betreuungseinrichtungen leben.

Traunstein– Lockdown, Kontaktbeschränkung, Abstand halten: Besonders trifft das Menschen in Pflegeheimen oder anderen Betreuungseinrichtungen, die nicht mehr so viel Besuch bekommen können. Für Abhilfe sorgt eine Aktion der Traunsteiner Bürgerhilfsstelle, die Brieffreundschaften vermittelt.

„Ich freue mich einfach sehr“, sagt Nevenka Pranjic und blickt auf die Briefe ihrer neuen Brieffreundin. Die 80-Jährige lebt im Grabenstätter Kreisaltenheim und stammt ursprünglich aus Kroatien. „Meine Familie ist zwar sehr groß, aber weit verstreut von Deutschland bis nach Kroatien“, erzählt Pranjic. Umso schöner sei es für sie, dass sie nun Post bekommt.

Korrespondenz auf Kroatisch

Eine Frau aus Traunstein schreibt ihr. Was Pranjic besonders freut: „Sie war schon oft in Kroatien und versteht auch, wenn ich ihr auf Kroatisch schreibe.“ Denn Pranjic kann zwar auf Deutsch lesen, tut sich aber mit dem Schreiben schwer, weil sie es nie gelernt hat.

Die Idee für die Aktion hatte Florian Seestaller, der im Traunsteiner Landratsamt die Bürgerhilfsstelle und die Freiwilligenagentur leitet. „Um ehrlich zu sein, habe ich mir das Projekt vom Freiwilligenzentrum in Augsburg abgeschaut“, sagt Seestaller.

Knapp 40 Brieffreundschaften

Zwar fielen viele Angebote für Senioren im Moment flach, aber Briefe zu schreiben sei trotz Pandemie leicht umsetzbar. „Mir ist es ein Anliegen, dass man für Menschen, die zu kurz kommen, Angebote hat“, sagt Seestaller. Mit großer Resonanz, denn heute engagieren sich laut Seestaller knapp 40 Briefeschreiber, die alle ein polizeiliches Führungszeugnis eingereicht und eine Projektvereinbarung unterschrieben haben.

Von der Studentin bis zur Polizistin seien Menschen aus allen möglichen Berufen und Altersgruppen dabei. „Viele von ihnen hatten schon Brieffreundschaften“, erzählt Seestaller. Auffällig sei, dass fast nur Frauen sich gemeldet haben.

Eine davon ist Renate Gieß aus Schleching. Die 54-Jährige Lehrerin las in der Chiemgau-Zeitung von dem Aufruf und meldete sich. „Das hat sich ganz gut angehört, wenn die Senioren sich freuen, weil ein Brief kommt“, sagt sie. Gieß weiß, wie viel Freude sie so stiften kann. Schon seit Jahren ist sie mit einer inzwischen über 100 Jahre alten Frau in Baden-Württemberg befreundet, der sie regelmäßig schreibt.

Vermittelt hat ihr Robert Seestaller dann eine Dame, die bei der Lebenshilfe lebt. Denn nicht nur Senioren, auch Menschen, die in Betreuungseinrichtung leben, sind in der Brief-Aktion dabei.

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Nun schreibt sie seit Anfang Dezember einer Frau, von der sie weiß, dass sie im Rollstuhl sitzt, in einer Werkstatt arbeitet und gerne zum Schwimmen geht. Gieß erzählt in ihren Briefen aus ihrem Leben, von ihrem Beruf als Lehrerin und ihrer Katze. Eigentlich ganz banale Dinge, meint sie. „Ich schreibe halt einfach gern. Vielleicht ist das eine Lehrerkrankheit“, sagt Gieß. Eine Reaktion ihrer Briefpartnerin habe sie bislang nicht erhalten.

Antwort nicht immer möglich

„Das kann passieren“, sagt Florian Seestaller. Empathie und Zuwendung seien gefragt, wenn man an dem Projekt teilnehmen möchte. Und auch auszuhalten, dass es nicht immer möglich ist für den Adressaten, die Briefe zu beantworten. „Ich würde natürlich schon gerne wissen, ob meine Partnerin sich freut, wenn sie einen Brief bekommt“, sagt Renate Gieß.

Schönes Erlebnis

Auch Horst Heinze kann auf die drei Briefe, die er bekommen hat, leider nicht selbst zurückschreiben. Der 61-Jährige ist seit 2004 blind und leidet zudem an den Folgen eines Schlaganfalls. „Mit der Hilfe der Betreuung schreibe ich zurück“, erzählt Heinze, der ebenfalls im Grabenstätter Kreisaltenheim lebt. Seine Brieffreundin schreibt ihm von ihrer Tochter und auch von ihrem Beruf. „Ich habe keine Familie, umso schöner ist es, wenn jemand schreibt“, sagt Heinze.

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