„Wir vermissen uns alle gerade schrecklich“

Corona und lernen aus Distanz: Videotalk der Grünen zu Schulsituation und Zukunftschancen

Bis aus Lissabon schalteten sich die rund 70 Teilnehmer eines öffentlichen Videotalks der Landtagsfraktion der Grünen zum Thema „Schule und Corona“ zu.
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Bis aus Lissabon schalteten sich die rund 70 Teilnehmer eines öffentlichen Videotalks der Landtagsfraktion der Grünen zum Thema „Schule und Corona“ zu.

Mit einem breiten Themenspektrum sowie praxistauglichen Lösungsansätzen zum Thema „Schule und Corona“ beschäftigte sich eine öffentliche Diskussion per Videotalk der Grünen.

Landkreis Traunstein - Die Landtagsabgeordneten Gisela Sengl und Max Deisenhofer, der auch Sprecher für digitale Bildung ist, beleuchteten dabei zusammen mit Lehrern, Eltern und Schülersprechern die derzeitige Situation. Neben dem Austausch über Erfahrungen und konstruktive Lösungen für aktuelle Probleme ging es auch um die Frage, welchen Stellenwert die digitale Bildung „nach Corona“ einnehmen soll. Bis aus Lissabon schalteten sich 70 Teilnehmer zu.

Deisenhofer hob eingangs hervor, dass die Coronakrise viele Schwachstellen und Versäumnisse im Bereich digitaler Bildung an den Schulen offengelegt habe. Dies reiche von ungenügender WLAN- und Breitbandausstattung vor Ort sowie fehlende Dienst-Laptops für Lehrer und Leihgeräte für Schüler über Mängel in der Aus- und Fortbildung für Lehrer bis hin zu zeitgemäßen Inhalten in den Rahmenlehrplänen.

Nach dem Debakel mit der Lernplattform MEBIS während des ersten Lockdowns sorgen jetzt die kurzfristige und ungenügende Kommunikation des Kultusministeriums sowie permanente Änderungsvorgaben für Ärger und Verwirrung.

„Extreme Zusatzbelastung“

Zur aktuellen Situation erklärte Christian Auer, Rektor des Pädagogischen Zentrums Schloss Niedernfels in Marquartstein, dass dank intensiver Technikaufrüstung vor der Krise digitaler „Unterricht nach Stundenplan im Ganztagsbetrieb“ möglich sei, auch bei betreuungsintensiven Schülern. Monika Mitterer, Rektorin der Grundschule Bergen, erzählte, dass man nach Anfangsproblemen inzwischen gute Erfahrung mit einem eingespielten Hol- und Bringsystem für Schüleraufgaben, ergänzt durch Telefondienst, digitale Elternstammtische und Videolern-Konferenzen gemacht habe.

Mit einem ausgeklügelten Hol- und Bringsystem für Schüleraufgaben (hier im Bild), Telefondienst und Videokonferenzen überbrückt die Grundschule in Bergen die fehlenden Kontaktmöglichkeiten während des coronabedingten Distanzunterrichts.

Neben der „extremen Zusatzbelastung“ durch Homeschooling im Distanzunterricht für Familien sowie der „frustrierenden Hinhaltetaktik“ des Kultusministeriums kritisierten Christina Engels aus Obing und Katharina Hallweger aus Bergen als Elternvertreter das Fehlen einer Info-Plattform „zur Vernetzung der vielen kreativen Ideen zur Problemlösung“ an unterschiedlichen Schulen und Orten. Die Fachlehrerin Susanne Hollmann vom Johannes-Heidenhain-Gymnasium (JHG) in Traunreut hob hervor, dass technische Probleme, ständige Videokonferenzen und der fehlende persönliche Austausch Lehrer und Schüler an den Rand bringe.

„Wir vermissen uns alle gerade schrecklich.“ Gerade für jüngere Schüler sei die Vielzahl an Ablenkungen schwierig. Zudem vertiefe die fehlende Schülerbetreuung soziale Gräben. Als JHG-Schülersprecherin sprach Sophia Ganter über Gefühle der Isolierung und der neuen „Angst vor der Schule“.

Chancen für punktgenaue Förderung

In der Diskussion verwies der Gymnasiallehrer Georg Schlamp aus München auf gute Erfahrungen mit Videokonferenzen für kleinere Schülergruppen, die mit praktischen Arbeitsaufträgen für den Rest der Klasse kombiniert werden. Patricia Wimmer aus Trostberg plädierte für zusätzliche regionale Schulbusse als Verstärker im ÖPNV, „damit sich die Kinder am Morgen nicht so reinquetschen müssen“. Für mehr Entscheidungsfreiheit der einzelnen Schulen bei der Lehrplan- und Prüfungsgestaltung während der Corona-Einschränkungen sprach sich Dr. Martin Brunnhuber, stellvertretender Berufsschulleiter in Traunstein, aus. „Im Fokus muss die zielgerichtete Unterstützung der einzelnen Schüler stehen.“

Breiten Raum nahm auch die Diskussion darüber ein, welche aktuellen positiven Erfahrungen für die „Schule nach Corona“ prägend seien könnten. Christian Auer sah im Hybrid-Unterricht eine Möglichkeit, Wissenslücken bei Schülern durch Fehlzeiten, etwa Krankheit, zu schließen. Martin Brunnhuber hob ergänzend die digitalen Möglichkeiten zur „punktgenauen Förderung schwächerer Schüler“ hervor. Monika Mitterer sah im Digitalisierungsschub neue Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung, Fortbildung und Hausaufgabenbetreuung. Susanne Hollmann brach eine Lanze für Referendare, die sich als technikaffine Krisenhelfer bewährt hätten, bald aber wieder arbeitslos seien. „Die Krise hat deutlich gezeigt, dass wir mehr Lehrer brauchen.“ Andere Stimmen hoben das „neue Gemeinschaftsgefühl durch die gegenseitige Unterstützung von Eltern, Lehrern und Schüler“ hervor.

Aufklärung und Medienkompetenz

Mehr Aufklärung gerade jüngerer Schüler über die Gefahren des Internets und der neuen Medien sowie des richtigen Umgangs damit mahnte Schülersprecherin Isabella Bauer von der privaten Wirtschaftsschule Dr. Kalscheuer in Traunstein an. Auf die noch länger andauernden psychosozialen Auswirkungen der Krise wies Isabelle Wolf hin. Sie machte sich für eine Aufstockung von Schulpsychologen und -sozialarbeitern stark. Ebenso zur Sprache kamen geeignete Ausgleichmaßnahmen für Schüler, die gegenwärtig „viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen“.

Von „viel Solidarität und interessanten Lösungsansätzen für ein vielschichtiges Thema“ sprach die Landtagsabgeordnete Gisela Sengl in ihrem Resümee. Max Deisenhofer versprach, die harsche Kritik am Streichen der Faschingsferien als „dringend notwendige Verschnaufpause“ an passender Stelle weiterzugeben.

Effner

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