Bildungsnotstand in Deutschland?

Diskussion zum Schulsystem bei der Traunsteiner Linken

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Traunstein - Teilweise scharfe Kritik am Zustand des Schul- und Bildungswesens in Deutschland übten Prof. Dr. Schorsch Auernheimer und Bundestagskandidat Norbert Eberherr auf einem Diskussionsabend beim Kreisverband der Linkspartei.

"Sowohl strukturell als auch inhaltlich ist Deutschland im Vergleich mit anderen Industrienationen bildungspolitisches Entwicklungsland" erklärte Auernheimer und belegte seine Kritik mit den Pisa- und OECD-Studien, die seit Jahren der Bundesrepublik erhebliche Defizite bei Leistungsvergleichen der Schulkinder nachweisen. Außerdem beweisen sie, dass unser gegliedertes Schulsystem Kinder aus sozial schwachen Familien gegenüber Mittel- und Oberschichtkindern benachteiligt.

Vorschulischen Erziehung

Bundestagskandidat Norbert Eberherr stellte zur vorschulischen Erziehung fest: "In Bayern beträgt der Versorgungsgrad mit Kitas 27%, in den ostdeutschen Bundesländern aber 55%, ganz zu schweigen von skandinavischen Ländern wie Dänemark mit 73%." So werde von Anfang an hierzulande die Chancengleichheit von Kindern beeinträchtigt, insbesondere auch die von Migrantenkindern. Die CSU-Regierung mit ihrer "Herdprämie" verhindere einerseits berufliche Selbstverwirklichung von Frauen, andererseits fehle das Geld für die Bezahlung von ausgebildeten ErzieherInnen, "so sind 8% in diesem wichtigen Erziehungsbereich Hilfskräfte", ergänzte der Referent. Waltraud Lehmann stellte fest, "dass der gesetzliche Anspruch auf einen Kita-Platz nicht massenhaft eingeklagt wird, sondern nur vereinzelt in Ballungsräumen". Eberherr zitierte dazu aus dem Programm der Linken die Forderung nach Verwirklichung des Rechtsanspruchs aller Kinder auf ganztägige frühkindliche Bildung und Betreuung.

Noten sind überholt

Peter Kurz, ehemaliger Landesvorsitzender der GEW, betonte, "dass sich in der Grundschule die CSU-Schulpolitik der Segregation, sprich Sortierung der Kinder in Schul- und Lebenslaufbahnen fatal fortsetzt". Gerade in diesen Tagen wurde mit den Übertrittszeugnissen und ihren willkürlichen Notenschnitten Schicksal gespielt. "Noten sind pädagogisch überholt, weil sie mit fragwürdigen Leistungsvergleichen Konkurrenzverhalten fördern. Sitzenbleiben ist in vielen Ländern, etwa in Skandinavien als pädagogisches Relikt längst abgeschafft."

Gemeinschaftsschule bis zum 10. Schuljahr

Unterrichtsausfälle in allen Schularten und unverantwortlich große Klassen in vielen Schulen verhindern individuelle Förderung der Kinder. "Das zersplitterte Schulsystem führt auch in unserem Landkreis zu hohen Kosten für Schülerbeförderung zwischen den Orten. Die wären vermeidbar durch die Gemeinschaftsschule bis zum 10. Schuljahr", erklärte Auernheimer. Deshalb fordert die Linke die Gemeinschaftsschule als inklusive Schule, "Deutschland und besonders Bayern ist noch weit entfernt vom Geist der UN-Behindertenrechtskonvention. Inklusion ist Menschenrecht. In Italien etwa gibt es keine Sonderschulen. Alle Kinder sind in einer Schule, weil das auch für alle ein Gewinn an Verständnis und Miteinander ist", betonte Werner Eckl.

Das führte zu einer längeren Diskussion, wie Bildung zu definieren sei. "Grundwissen vermitteln, Fachkräfte erzeugen und politische Einsichten zu verhindern, kennzeichnet nach meiner Erfahrung das deutsche Schulwesen", kritisierte Ioannis Charalampakis. "Bildung bedeutet Aufklärung, soziale Kompetenz und ein reflektiertes Verhältnis zur Welt" erklärte Auernheimer.

Mehr Geld für die Bildung

Einhellig lehnt die Linke zunehmende Versuche von Konzernen aber auch der Bundeswehr ab, Einfluss auf Unterrichtsinhalte zu nehmen. Eine Teilnehmerin berichtete, dass etwa an landwirtschaftlichen Berufsfachschulen Materialen von Agrarkonzernen benutzt würden. Auch die neu aufgeflammte Debatte um Öffentlich-Private Partnerschaften mit Schulen bereitet Sorgen "Auf keinen Fall dürfen Schulbauten zum Anlageobjekt für private Investoren werden", erklärte Ludwig Knapp. Norbert Eberherr stellte abschließend fest: "Das reichste Land der EU gibt 5% des BIP für Bildung aus, Dänemark 8,7% und andere skandinavische Länder ebenfalls erheblich mehr. Das deutsche Bildungssystem mit seinen Länderegoismen, tausenden maroden Schulen, Lehrermangel und pädagogischen Defiziten braucht keine Sonntagsreden wie jetzt wieder im Wahlkampf, sondern in den nächsten Jahren Investitionen in Höhe von 58 Mrd. Das fordert die Linke und wir wollen das auch finanzieren durch gerechte Steuern. Das Geld ist da, es ist nur in den falschen Händen. Besteuerung der Unternehmen und der Reichen hat nichts mit Sozialneid zu tun, sondern ist Voraussetzung für eine zivilisierte und sozial gerechte Gesellschaft".

Pressemitteilung Die Linke Kreisverband Traunstein

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