Noch mehr Kultur und Kreative für den Chiemgau

Künstler und Unternehmer geben Einblick in die Herausforderungen der Branche

Seeon-Seebruck - 1000 Akteure beteiligen sich an den 5. Chiemgauer Kulturtagen. Ein Beleg für den Stellenwert der Kultur- und Kreativwirtschaft, der Landrat Siegfried Walch zufolge nicht hoch genug eingeschätzt werden könne: "Sie liefert Impulse, gibt Orientierung und zeigt neue Perspektiven auf."

Die Kultur- und Kreativwirtschaft leistet außerdem einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Wirtschaftsregion Chiemgau – die Kernaussage der Auftaktveranstaltung der Kulturtage. Kulturschaffende und Kreativ-Unternehmen aus dem ganzen Landkreis Traunstein tauschten sich dazu im Kloster Seeon aus. 

"Die Branche ist lange Zeit unterschätzt worden", so Jürgen Enninger. Er leitet das Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München, das all jene betreut, die in dem Bereich beruflich tätig sind.

"Wir haben es mit einer völlig anderen Struktur zu tun. Der schöpferische Akt ist das Zentrale, was uns von anderen Branchen unterscheidet", so Enninger. Die Kultur- und Kreativwirtschaft bestehe überwiegend aus Kleinstunternehmen, erntet aber dennoch beachtliche Umsätze: Allein in der Metropolregion München erzielen sie 23 Milliarden Euro jährlich – deutschlandweit sind es 143 Milliarden

"Wir sind auf Augenhöhe mit dem Maschinenbau, knapp unter der Automobilwirtschaft und bedeutender als beispielsweise die Pharmazie- und Chemiebranche." Enninger zitierte Studien, denen zufolge es in Regionen mit einer starken Kultur- und Kreativwirtschaft möglich sei, mehr junge Leute in Arbeit zu bringen. "Diese Regionen bieten auch mehr hochqualifizierte Arbeitsplätze. Insgesamt gibt es dort auch außerhalb der Branche mehr Wachstum."

Eine Chance, die man im Chiemgau nutzen möchte. Anton Bernauer von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises Traunstein stellte den Plan vor, jungen Kreativen helfend zur Seite zu stehen: "Es ist hart, wenn man alleine ist und keine Unterstützung hat. Genau das wollen wir in die Hand nehmen." Wenn junge Leute gute Ideen haben, sollen künftig gemeinsam Möglichkeiten gefunden werden, sie umzusetzen.

Seiner Leidenschaft nachzugehen und dabei finanziellen Erfolg zu haben, ist die wahre Herausforderung. Unternehmer und Künstler gaben dazu im Rahmen einer Gesprächsrunde auf der Bühne Einblick in ihre Tätigkeiten. Fazit: Oft braucht es mehrere Standbeine und Fähigkeiten, um von Kunst und Kultur leben zu können. "Die Bereitschaft, sich auch anderen Dingen zu widmen, muss da sein", sagt Silke Aichhorn. 

Die erfolgreichste Harfenistin Europas organisiert sich und sämtliche Konzerte selbst, betreibt ein Musiklabel und einen Online-Vertrieb. "Alles kann man nicht kontrollieren. Der Mut zum Risiko zeichnet einen Selbständigen aus und ob er es schafft, etwas durchzuhalten", so die Traunsteinerin. "Ich liebe meinen Beruf, ich möchte nichts anderes machen. Deswegen funktioniert es bei mir."

Durchhaltevermögen und Ehrgeiz müsse man in der Kultur- und Kreativwirtschaft an den Tag legen, sagt Günter Wimmer, der Musiker betreibt eine Veranstaltungsagentur in Waging. "Wenn man einigermaßen fleißig ist, dann gehen auch die Türen auf. Aber davor stehen einige Jahre richtig harte Arbeit." 

Stolz macht ihn, dass er geschafft hat, über Jahre hinweg Marken wie das "Im Grünen"-Festival zu etablieren. "Wir feiern nächstes Jahr 15-Jähriges. Das hätte ich nie gedacht, dass es so lange geht." Auf Rückschläge müsse man sich einstellen, wenn man in der Branche langfristig Erfolg haben möchte, so Wimmer. "Es ist viel learning by doing."

Gelernt hat Landart-Künstler Helmut Mühlbacher der sein Atelier in Traunstein betreibt, dass er nicht alle seine Ideen preisgibt. Bewerbungsverfahren sieht er kritisch. Er habe schon Politiker seine Planungen ablehnen sehen, nur damit sie sie Jahre später doch umsetzen – ohne sein Mitwirken. Das Zeitmanagement sieht er als große Herausforderung und ebenso die Digitalisierung

"Ich beantworte stundenlang E-Mail-Anfragen. Dabei bin ich Bildhauer und Architekt. Ob das meine Arbeitswelt einfacher gemacht hat, stelle ich jetzt mal infrage." Sein grundsätzlicher Antrieb sei der Inhalt seiner Arbeit – und der steht für ihn im Vordergrund.

Die Gelegenheit zur Selbstkritik nutzte Q3-Geschäftsführer Danilo Dietsch. Der Chieminger Medienpädagoge hat schon mehrere Jugendradiosender aufgebaut und führt Medienbildungsprojekte in Schulen und Jugendeinrichtungen durch. Seine Tätigkeit mache ihm Spaß, er vermisse aber mehr und mehr die kreative Komponente. 

"Der Alltag als Geschäftsführer sieht nicht mehr so kreativ aus. Man kümmert sich ums Organisatorische, trägt die Verantwortung für Personal und hat es mit Förderanträgen und Regeln zu tun, die man ständig infrage stellt." Dazu komme die Erkenntnis, dass viele Fördertöpfe aufgrund der Bedingungen gar nicht für die Kultur- und Kreativwirtschaft geeignet sind.

"In jungen Jahren weiß man Gott sei Dank nicht, was auf einen zukommt", fasste Helmut Mühlbacher unter Gelächter zusammen. Der Wirtschaftsregion Chiemgau geben die Rückmeldungen noch mehr Anlass, sich in dem Bereich zu engagieren, so Anton Bernauer abschließend. "Wir wollen, dass hier in zehn Jahren Leute sitzen, die sagen, ich würde es wieder machen."

Pressemitteilung des Landratsamtes Traunstein

Rubriklistenbild: © Gemeinde Seeon-Seebruck

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