Prozess wegen Messerattacke in Kolbermoor

Kolbermoorer (59) wegen versuchten Totschlags vor Gericht: Das Urteil

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von links: Rechtsanwalt Walter Holderle, der Angeklagte und dessen Dolmetscherin.
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Kolbermoor/Traunstein - Ein Großeinsatz samt Hubschrauber und Spezialkräften hatte im Oktober 2018 die Bürger in Kolbermoor in Atem gehalten. Der Grund dafür war eine Messerattacke durch einen damals 59-Jährigen. Am Vormittag haben im Prozess vor dem Landgericht Traunstein Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers gehalten:

UPDATE, 12.15 Uhr - Urteil gefallen

Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: Der Angeklagte ist schuldig des versuchten Totschlags und der schweren Körperverletzung in zwei Fällen. Das Landgericht Traunstein verurteilt ihn dafür zu sieben Jahren Haft.

"Es ist tragisch, dass wegen eines Laptops zwei Menschen fast ihr Leben lassen mussten", sagt der Vorsitzende. Auch das Gericht ist der Auffassung, dass der Täter von dem Sohn der Nachbarin provoziert wurde. "Der Angeklagte fühlte sich betrogen, er fühlte sich hingehalten, was bei ihm zu einer inneren Explosion führte." Die Nachbarin sei laut Richter aber nicht das unschuldige Opfer, sondern schuld daran, dass die Situation eskalierte. Ebenso das Bedrohungsszenario durch den Sohn.

UPDATE, 10.15 Uhr - Plädoyers Anklage und Verteidigung

Die geschädigte Nachbarin wird auch am Dienstag aus medizinischen Gründen nicht vor Gericht erscheinen. Das Gericht, Staatsanwalt und Verteidigung verzichten im Einvernehmen auf die Zeugin. Es gelten ihre Aussagen, die sie bei der Polizei machte, die laut Richter jedoch sehr widersprüchlich seien.

Plädoyer Staatsanwaltschaft: Der Anklagesatz habe sich laut Staatsanwalt Markus Andrä so bestätigt wie in der Anklageschrift dargelegt. „Auch das Geständnis des Angeklagten hat keine großen Neuerungen gebracht. Ich bin davon überzeugt, dass der Sohn mindestens einmal vor der Tat zu dem Angeklagten hingegangen ist und ich kann auch nicht ausschließen, dass es da Drohungen und Provokationen von Seiten des Sohnes gab.“ 

Der Staatsanwalt ist auch überzeugt, dass der Angeschuldigte in beiden Fällen mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt hat. Es sei nur dem Zufall zu verdanken, dass es nicht zum Todeseintritt gekommen ist. Auch sein Verhalten nach der Tat - er war abgehauen und erst nach einem Tag wieder zurück gekommen - spreche für den bedingten Tötungsvorsatz. Zu Gunsten des Angeklagten spreche, dass er ein Geständnis abgelegt habe. „Ich meine auch, dass dieses Geständnis von Reue getragen ist.“ 

Der Staatsanwalt fordert fünf Jahre Haft für die Tat gegenüber dem Sohn und acht Jahre für die Verletzung der Nachbarin. „Ich sehe daher eine Gesamtfreiheitsstrafe von 10 Jahren für tat- und schuldangemessen an.“

Plädoyer Nebenklagevertretung: Rechtsanwalt Jakob Gerstmeier, der die geschädigte Nachbarin vertritt, kann sich den Ausführungen des Staatsanwaltes anschließen. „Der Angeklagte hat sich ein krankes Opfer ausgesucht, das nun durch die Tat noch kränker geworden ist. Sie ist insbesondere psychisch sehr belastet“, so der Verteidiger. Er nehme dem Angeklagten auch ab, dass er seine Tat bedauere. Eine Wiedergutmachung scheiterte an den finanziellen Mitteln des Angeklagten. Auch er fordert zehn Jahre Haft.

Plädoyer Verteidigung: Rechtsanwalt Walter Holderle versuchte nichts zu beschönigen oder zu relativieren. „Das würde meinem Mandanten nicht gerecht werden. Er bedauert die Folgen, die er da ausgelöst hat, zu tiefst.“ Holderle schließt sich zur Sache den Ausführungen des Staatsanwaltes an. „Er ist kein feindseeliger Mensch. Er hat der Nachbarin mit dem Laptop sogar einen Gefallen tun wollen. Er ist, glaube ich, einfach ein bisschen gutgläubig und naiv.“ Der Verteidiger sei auch davon überzeugt, dass der Sohn der Nachbarin seinen Mandanten provoziert hat. Er fordert eine Gesamtfreiheitsstrafe von fünf Jahren.

Das letzte Wort des Angeklagten: "Ich möchte um Entschuldigung bitten vor dem Gericht und vor der Staatsanwaltschaft. Das, was ich getan habe, dessen bin ich schuldig. Ich möchten auch vor Gott um Entschuldigung bitten und auch die Menschen, die ich verletzt habe. Gott gibt uns das Leben und es steht uns nicht zu, es zu nehmen", so der Angeklagte. Das Gericht zieht sich nun zur Urteilsberatung zurück.

Der Vorbericht:

Am 31. Oktober 2018 soll ein nun 59-jähriger Kolbermoorer wegen eines Streits auf zwei seiner Nachbarn losgegangen und mit einem Messer eingestochen haben. Wie die Polizei damals mitteilte, konnte sie den mutmaßlichen Täter einen Tag später nach intensiver Fahndung widerstandslos festnehmen. Er war zunächst zu Fuß geflüchtet. Er befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. 

Laut Anklageschrift soll der Angeklagte am 31. Oktober 2018 in einer Kolbermoorer Gemeinschaftsunterkunft einen seiner Nachbarin überlassenen Laptop zurückgefordert haben. Der Aufforderung sei die Frau zunächst nicht nachgekommen. Sie und ihr Sohn haben den Angeklagten ein paar Mal vertröstet, da sie noch Daten vom Laptop löschen wollten. Nach einem Streitgespräch war der Angeklagte zurück in seine Wohnung gelaufen, holte ein Messer und stach auf die Nachbarin und ihren Sohn ein. Er räumte die Tat am ersten Verhandlungstag am 16. April vor dem Gericht ein. Es sagten unter anderem seine Lebensgefährtin und der Sohn der Nachbarin aus. Die Nachbarin selber war am ersten Verhandlungstag aus Krankheitsgründen nicht erschienen, wird aber wohl am Dienstag aussagen.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein erhob Anklage gegen den 59-Jährigen wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung

Das Gericht setzte für den Prozess drei Verhandlungstage an. Prozessauftakt war am Dienstag, 16. April, 9 Uhr. Die Fortsetzungen sind dann für 7. Mai und 20. Mai vorgesehen.

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