Richter: "Es ging um Rache und er fühlte sich betrogen"

Messerstiche in Rosenheimer Bordell: Urteil gefallen

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Rosenheim/Traunstein - Am Freitag, 22. März, kam es gegen 23.30 Uhr in einem Rosenheimer Bordell zu einem Messerangriff, bei dem ein Mann verletzt wurde. Der 56-jährige Tatverdächtige musst sich nun vor Gericht verantworten. Am Dienstag fand der zweite und auch letzte Verhandlungstag statt.

Update, 16.45 Uhr: Urteil gefallen

Das Urteil ist gefallen: Wegen einer Messerattacke in einem Bordell in der Kufsteiner Straße in Rosenheim muss ein 56-Jähriger für fünf Jahre und zehn Monate in Haft. 


Er ist schuldig wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Weil der Mann Alkoholiker ist, wird er einen Teil der Haftstrafe in einer Entziehungsanstalt verbringen. Er stand unter offener Bewährung.

Der Angeklagte, ein türkischer Staatsangehöriger, der seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, besuchte am 22. März das Bordell, ging jedoch bei der Prostituierten zu weit. Mit Berührungen im Gesicht war die Frau nicht einverstanden. 


Es kam zum Streit, der Mann musste das Etablissement verlassen. Mit den Worten "In einer halben Stunde komme ich wieder und bringe alle um" verabschiedete sich der Angeklagte. "Er fühlte sich um sein Geld gebracht", so der vorsitzende Richter Erich Fuchs.

Tatsächlich stand er später mit zwei Messern wieder im Bordell. Die Frauen flüchteten oder sperrten sich ein. Dem Angeklagten gegenüber stand schließlich ein Bekannter des Bordellbetreibers. Auf ihn ging der 56-Jährige los und stach zweimal zu - einmal Richtung Kopf, einmal Richtung Oberkörper. Der Richter spricht von einem Tötungsvorsatz, doch einen versuchten Mord, wie es die Staatsanwaltschaft sah, konnte das Gericht nicht erkennen.

"Dem Angeklagten ging es um Rache und er hat sich betrogen gefühlt", so Richter Fuchs. Der Angeklagte nahm das Urteil ruhig und regungslos hin. Dem Opfer sagte er eine Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 12.000 Euro zu

Update, 15.54 Uhr: Die Plädoyers

Welche Strafen fordern Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung? Die Plädoyers wurden nun gehalten.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft stach der 56-jährige Angeklagte aus niederen Beweggründen mit dem 20 Zentimeter langen Messer auf den Mann im Bordell ein. "Der Stich wurde nur deshalb abgemildert, weil der Geschädigte noch seinen Arm heben konnte." Dann ein weiterer Stich in Richtung Oberkörper. Den Tod habe der Angeklagte billigend in Kauf genommen.

Strafmildernd wirke sich nur die Alkoholisierung aus und dass beim Opfer wohl keine langfristigen Schäden bleiben werden. Auch ein Geständnis gab es vom Angeklagten vor Gericht nicht. Die Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre Haft und eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. "Das war eine Tat mit Ansage. Das war nicht aus dem Affekt heraus", befand auch Nebenklagevertreter Peter Dürr.

Das Wort des Verteidigers

"Mein Mandant konnte nicht nachvollziehen, auch wegen des Alkohols, dass die Prostituierte das Streicheln im Gesicht nicht wollte", holt Verteidiger Markus Frank aus. Diese Zurückweisung habe zur ersten emotionalen Situation geführt. Die Messerstiche in der späteren Auseinandersetzung erkennt auch der Anwalt - aber nicht hinter jedem Stich stecke ein Tötungsvorsatz, auch nicht wenn er Richtung Kopf geht. 

"Wir müssen die Alkoholisierung und die daraus resultierende Impulsivität berücksichtigen." Ein Geständnis habe der Angeklagte nur wegen Erinnerungslücken nicht ablegen können - doch durch die Schmerzensgeldzahlung habe er die Tat ja anerkannt. Verteidiger Frank sieht vier Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung als ausreichend an.

"Entschuldigung, ich bin zu weit gegangen", so der Angeklagte in seinen letzten Worten. Nun wird das Traunsteiner Landgericht das Urteil fällen.

Update, 13.25 Uhr: Angeklagter "ist alkoholabhängig"

Der Angeklagte ist für die Justiz kein unbeschriebenes Blatt: Fünf Vorstrafen zählt Richter Erich Fuchs auf - unter anderem Beleidigungen, Körperverletzungen, Sachbeschädigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte oder Nötigung. Meistens war der 56-Jährige bei den Taten alkoholisiert. Bisher kam er immer mit Bewährungsstrafen davon.

Auch in einem Rosenheimer Nachtclub fiel der Mann schon einmal negativ auf. Laut einem Urteil von 2004 weigerte er sich in dem Nachtclub damals, die Rechnung zu zahlen. Als die Polizei anrückte, schlug er einem Polizisten ins Gesicht und trat eine Polizistin. Drei Beamte wurden insgesamt verletzt, außerdem spuckte und pöbelte er. "Ich komme wieder und mach' Euch alle fertig", soll er den Polizisten damals zugerufen haben.

Wie schätzt der psychiatrische Gutachter den Angeklagten ein? Sechs bis sieben Bier trinke der Angeklagte täglich - "er ist alkoholabhängig", so der Gutachter, eine Persönlichkeitsstörung kann er beim 56-Jährigen aber nicht feststellen. Wenn er mehr als normal trinke, sei beim Angeklagten eine "deutlich gesteigerte Impulsivität" festzustellen. 

In der Untersuchungshaft sei er aber nachdenklicher geworden und überlege eine Therapie gegen seine Alkoholsucht zu machen. Auch der Gutachter empfiehlt statt Gefängnis eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Zur Tatzeit hatte der Angeklagte nach Berechnung des Gutachters maximal 2,3 Promille Alkohol im Blut.

Am Nachmittag werden Verteidigung, Nebenklage und Staatsanwaltschaft ihre Plädoyers halten. Auch mit einem Urteil wird am Dienstag noch gerechnet.

Update, 11.17 Uhr:  "Ich gehe jetzt, aber in einer halben Stunde komme ich wieder und bringe alle um"

Was spielte sich in einem Rosenheimer Bordell am 22. März genau ab? Wegen versuchten Mordes steht ein 56-jähriger Türke vor dem Landgericht. Als Zeugin ist nun eine Prostituierte geladen, 30 Jahre alt, aus Rumänien. Sie selbst hörte, wie der Angeklagte im Bordell ausrastete: "Ich hab den Streit mitbekommen und wie er sich geweigert hat rauszugehen. Er meinte er habe bezahlt und sei noch nicht fertig."

Auch von der Drohung des Angeklagten berichtet die Prostituierte: "Ich gehe jetzt, aber in einer halben Stunde komme ich wieder und bringe alle um", soll er gesagt haben. Genau bei jenem Satz habe ihr der Angeklagte in die Augen geschaut. Vom Grund des Streits habe ihr eine Kollegin nur berichtet, dass sie an den falschen Stellen angefasst worden sei.

Die Prostituierte, mit der der Angeklagte Zeit verbrachte, sagte bereits am ersten Prozesstag aus, dass sie der Angeklagte auch im Gesicht und am Hals berührte - doch das wollte sie nicht.

Die Zeugin berichtet nun dem Gericht weiter, dass der Angeklagte etwa eine halbe Stunde nach dem Streit dann seine Drohung teils wahr machte: Er trat eine Tür ein und stand mit einem Messer im Bordell. Die 30-jährige Prostituierte flüchtete sofort, von der Messerattacke auf einen Bekannten des Bordellbetreibers bekam sie nichts mehr mit. "Später hab ich ihn dann gesehen, voller Blut", so die Zeugin.

Der 46-jährige Mann, der Opfer der Messerattacke wurde, leidet noch heute an Schmerzen in der Schulter. Eine zehn Zentimeter lange Narbe bleibt ihm. In einer Verhandlungspause einigten sich Verteidigung und Nebenklage bereits auf ein Schmerzensgeld in Höhe von 12.000 Euro. Auch die Anwaltskosten und alle weiteren Schäden aus der Tat will der Angeklagte demnach begleichen. 2.000 Euro hat der 56-jährige Angeklagte bereits bezahlt.

Vorbericht:

Im März diesen Jahres soll ein 56-jähriger Türke mit einem Messer auf einen Bekannten des Betreibers eines Rosenheimer Bordells in der Kufsteiner Straße losgegangen sein, nachdem zuvor eine Prostituierte die Wünsche des Mannes nicht in seinem Sinn erfüllt hatte. Der Mann hatte laut Anklage 50 Euro für bestimmte Praktiken vereinbart, die Frau dann aber darüber hinaus auch im Gesicht, an den Haaren, an Rücken und Nacken angefasst. Die Frau brach deshalb ab. Der Kunde wurde des Hauses verwiesen.

Daraufhin soll der Mann gedroht haben gedroht haben, alle umzubringen. Den Ermittlungen zufolge lief er nach Hause und kehrte wenig später mit zwei Küchenmessern zurück. Sein Sohn hatte noch versucht ihn aufzuhalten, jedoch ohne Erfolg. Der Mann soll auf den Bekannten des Bordellbetreibers eingestochen und ihn über dem linken Auge und an der Schulter getroffen haben. Der Mann erlitt durch den Angriff mehrere Stich- und Schnittverletzungen, die ärztlich versorgt werden mussten. Er leidet heute noch unter den Folgen der Verletzungen. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung.

Mehrere Zeugen haben bereits ausgesagt

Am 10. September begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Er selber wollte sich vor Gericht zu der Sache nicht äußern. Am ersten Verhandlungstag sagten bereits mehrere Zeugen aus: Der Geschädigte, der Bordellbetreiber, mehrere Prostituierte und die Polizeibeamten, die mit dem Fall in Verbindung stehen. Am 24. September um 9 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt. Dann werden weitere Zeugen, die Gutachten und die Plädoyers erwartet. Es könnte auch ein Urteil fallen. Wir berichten für Sie von vor Ort.

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