"Reiche stärker in die Pflicht nehmen"

+
Referent Stephan Lindner ist extra aus Berlin angereist.

Traunstein - Stephan Lindner, Mitglied bei Attac, kam extra aus Berlin, um im Sailerkeller einen Vortrag zur Eurokrise zu halten.

Kürzlich fanden sich an die 50 BürgerInnen zu einem Vortrag über die Eurokrise und ihre Hintergründe im bis auf den letzten Stuhl gefüllten Georgi-Stüberl im Traunsteiner Sailerkeller ein. Referent Stephan Lindner, Diplompolitologe und Mitglied im deutschlandweiten Koordinierungskreis von Attac, war dazu extra aus Berlin angereist.

Nach einem kurzen Überblick über die bisherigen Maßnahmen, mit denen unsere Regierungen die Eurokrise bis jetzt überwinden wollen, zeigte Lindner auf, wie diese Maßnahmen nach seiner Meinung gerade nicht zu einer Lösung beitragen - sondern die Krise noch weiter verschärfen würden. Weder die unteren 99% der Menschen in Griechenland, Spanien und Italien, noch ihre Staaten als Ganzes hätten kurz-, mittel- oder langfristig durch das einseitige Sparen etwas gewonnen. Im Gegenteil.

Anschaulich konnte Lindner der Verabschiedung der scheinbar unsinnigen politischen Maßnahmen anhand konkreter Zahlen und Fakten einen neuen - wenn auch erschreckenden - Sinn geben: Nur eine kleine Elite der bereits Superreichen von gerade mal 1% profitiere zu allen Zeiten von den getroffenen politischen Entscheidungen. Besonders bitter sei dies, weil genau diese Elite es sei, die in der Vergangenheit ein Finanzsystem aufgebaut hätte, das es ihnen auf der einen Seite ermöglichte durch riskante Spekulationen gigantische Profite zu "erwirtschaften" - auf der anderen Seite genau dadurch die aktuelle Krise herbeiführte.

Nach dieser Darstellung hätten nicht mehr unsere gewählten Vertreter das Steuer in der Hand, sondern diese wären - über den Umweg Brüssel - den Weisungen der Superreichen unterworfen. Deshalb nämlich, weil die in Brüssel ansässige professionelle Finanz- und Großkonzernlobby offenbar unseren Parlamentariern näher stünden als wir Bürger dies täten.

Denn der demokratisch legitimierte Abbau von öffentlichen Dienstleistungen, Gemeinwohl und selbst Demokratie zugunsten einiger weniger sei leider seit langem bittere Realität. Bereits jetzt würden auf EU-Ebene Verordnungen und Richtlinien erlassen, die Brüssel die Kontrolle nicht nur wie bereits heute über die Haushalte von Griechenland, Spanien oder Italien geben - sondern über alle Länder der EU. Deutschland eingeschlossen.

Ansätze, die die Eurokrise tatsächlich zu lösen vermögen, bedürfen nach Lindner ein grundlegend anderes Handeln. Es brauche eine tiefgreifende Reform unseres destabilisierenden Finanzsystems selbst. Dazu nannte er auch konkrete Beispiele: Die Zerschlagung von Großbanken in Einheiten, die von Staaten kontrollierbar seien. Die Trennung von Kreditbanking und Investmentbanking, um den Umfang und die Wirkmächtigkeit von Spekulationen auf die Realwirtschaft einzudämmen. Die Heranziehung der Krisenverursacher und -profiteure zur Finanzierung der notwendigen Maßnahmen - was letztendlich eine Umverteilung mit dem Ziel einer relativen Gleichverteilung von Geld bedeutet.

Dies sei sinnvoll vor dem Hintergrund, dass Geld ein gesamtgesellschaftliches Gut zur Koordinierung der Erfüllung gemeinschaftlicher Bedürfnisse ist - und eben nicht in den Händen einiger weniger als Machtinstrument missbraucht werden dürfe. Selbstverständlich sollte es des weiteren auch sein, dass wenn private Banken mit Steuergeldern gerettet werden, die öffentliche Hand dann auch einen Anteil an diesen haben sollte.

In der anschließenden Diskussion nach dem über einstündigen Vortrag wurde darauf hingewiesen, dass die Krise des Finanzsystems einherginge mit anderen Krisen wie die der Umwelt und die der Bildung; dass diese Krisen zusammenhingen; dass es sich um eine gesamtgesellschaftliche Krise handle, die Überlegungen zu einer Gesellschaftsordnung nötig mache, die all diese Bereiche grundlegend verändere.

Auch wurde die Frage einer Gesellschaft jenseits von grenzenloser Wachstumsorientierung gestellt. Ein anderer Redner kritisierte, dass die Schere zwischen Reich und Arm weltweit ständig zunehme und dass auch die Staaten selber durch die fortlaufende Schuldenaufnahme eigentlich immer ärmer werden. Hier müsse es zu einem Umdenken kommen, indem man die Reichen nicht weiter verschone, sondern als starke Kraft für das Wohl eines ganzen Volkes in die Pflicht nähme. Eine weitere Wortmeldung bezog sich auf die Notwendigkeit, die grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft aufzudecken, zu diskutieren und neu zu gestalten, um eine gerechtere und menschenwürdigere globale Gesellschaft zu ermöglichen.

Den Teilnehmern sah man an, dass die Ausführungen von Stephan Lindner tiefe Betroffenheit bewirkten. Matthias Faust kündigte an, beim nächsten Attac Treffen in Traunstein, am 1. Dezember um 19.30 Uhr im Pfarrheim Heilig Kreuz den an diesem Abend angesprochenen Themen Raum zu geben und dass man überlegen wolle, welche Maßnahmen oder Aktionen man anstellen könne, die zu einer breiten öffentlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema führen.

Pressemitteilung Attac Traunstein

Zurück zur Übersicht: Traunstein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser