Gezieltes Fressen auf Almweiden

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Sie stehen einer intensiven Beweidung positiv gegenüber: der Vorsitzende der Bezirksalmbauernschaft Ruhpolding, Ludwig Böddecker, Fachberater Siegfried Steinberger von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft und der Senner auf der Haaralm, Hans Lindner (von links).

Ruhpolding - Almen verlieren wertvolle Weideflächen, weil sie nicht mehr ausreichend abgegrast werden. Auf der Haaralm startete in diesem Jahr deshalb ein Pilotversuch - die ersten Ergebnisse:

Wie viele andere Almen verloren auch die sechs aktiven Bauern auf der Haaralm in den vergangenen Jahren wertvolle Weideflächen, weil sie nicht mehr ausreichend abgegrast wurden.

Auf Initiative des Vorsitzenden der Bezirksalmbauernschaft Ruhpolding, Ludwig Böddecker, wurde in Zusammenarbeit mit Siegfried Steinberger von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Eigeninitiative und ohne Forschungsgelder ein Projekt intensiverer Beweidung auf den Weg gebracht. Zum Ende des ersten von drei Versuchssommern zogen Steinberger und Böddecker jetzt vor Ort ein erstes Resümee. "Unsere Erwartungen wurden bisher weit übertroffen", war die einhellige Meinung.

In jüngerer Vergangenheit hatte Unkraut wertvolle Flächen überwuchert und unter anderem Kräuter verdrängt, weil Teilbereiche der Alm über den Sommer nicht mehr ausreichend abgegrast wurden. "Vor allem der gefürchtete Bürstling breitete sich aus", berichtete Steinberger. Dies habe auch negativen Einfluss auf den Umweltschutz. "Neben dem drastischen Verlust an wertvollen Futterflächen sind derartige Entwicklungen als bedenklich einzuordnen. Die bis zu 30 Zentimeter langen, dürren Halme und Blätter legen sich hangabwärts und können wie eine Stroheindeckung von Dächern wirken. Starkregen, wie er bei Gewitterschauern auftritt, läuft über diese Abdeckung, ohne in den Boden einzusickern rasch talwärts. Dies führt zu einem sprunghaften Wasseranstieg kleinerer Gräben und erhöht anschließend die Hochwassergefahr im Tal, erläuterte der Fachmann die gefährliche Kettenreaktion.

Die sich überlappenden Pflanzenreste des Bürstlings wirkten im Winter zudem wie eine Rutschbahn und böten in steileren Lagen den Schneemassen keinen ausreichenden Halt. "Ein vermehrtes Abgleiten von Schneebrettern und Lawinen ist die Folge", sagte der Fachmann.

Um dem entgegenzuwirken, sei eine zeitgemäße Beweidung erforderlich, die auch den Folgen des Klimawandels Rechnung trage. Das Futterangebot nehme aufgrund der allgemeinen Erwärmung auf Almweiden zu.

Weil die Vegetation heute zwei bis drei Wochen früher im Jahr zu wachsen beginnt, hält Steinberger die Auftriebsrechte für nicht mehr zeitgemäß.

Am 19. Mai, drei Wochen früher als bisher üblich, seien deshalb heuer 35 Rinder auf eine eingezäunte, 15 Hektar große "Versuchsfläche" auf die Haaralm aufgetrieben worden. Bereits nach zwei Monaten Beweidung sei ein deutlicher, sogar weithin sichtbarer Effekt erzielt worden. Auch jetzt zu Herbstbeginn seien die Flächen noch grün, während die daneben liegende Almweide braun und verkarstet erscheine, berichten die Projektpartner.

"Ein weiterer positiver Effekt der intensiven Beweidung ist, dass selbst Pflanzen, die üblicherweise nicht als Weidepflanzen gelten, gefressen werden. Dies gilt zum Beispiel auch für die Blaubeeren. Der frische Austrieb wird vom Weidevieh ständig bis auf das Altholz zurück- gebissen. Die Pflanzen werden dadurch stark geschwächt, verkümmern und lassen sich so aus den Weiden verdrängen", erklärte Steinberger.

Ziel dieser "Demonstrationsanlage" sei es auch, interessierte Landwirte und Berater in einer angepassten Beweidung zu schulen. Das Projekt stoße mittlerweile bereits auf grenzübergreifendes Interesse. Die Landwirtschaftkammern sowie Fachschulen aus dem benachbarten Tirol hätten sich schon wiederholt vom Verlauf des Projektes überzeugt.

Bezirksalmbauer Böddecker merkte abschließend an: "Das alles funktioniert nur, wenn Almbauern und Berater zusammenarbeiten. Dafür war und ist auch weiterhin viel Überzeugungskraft notwendig."

Hannes Burghartswieser (Chiemgau-Zeitung)

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