Vierlinge Veronika, Miriam, Bettina, Melanie aus Ruhpolding

Gemeinsam sind wir stark

Vierlinge mit ihren Eltern
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Die Vierlings-Schwestern mit den Eltern Evi und Wolfgang.

Ruhpolding - Evi und Wolfgang Kurz wünschten sich nichts sehnlicher als ein Kind – und wurden Eltern von Vierlingen. Das war 1998. Heute sind Veronika, Miriam, Bettina und Melanie junge Frauen, die sich neben Beruf und Hobbys intensiv und völlig unverkrampft damit beschäftigen, wie Inklusion gelebt werden kann, denn Miriam ist behindert. Wobei sie das nicht daran hindert, zu arbeiten und offen zu sagen, was besser laufen könnte, wenn Menschen sehen, was der andere kann, und nicht darauf beharren, was er nicht kann. Eindrücke von einer Familie, in der gerne gelacht, geredet und gelebt wird.

Von Raphaela Kreitmeir

Das Haus liegt am Rande von Ruhpolding, umgeben von Feldern und Wiesen mit Blick auf den Rauschberg. Eine Rampe führt zur Haustür, Miriam begrüßt mich und fährt in ihrem Rollstuhl voraus zum Wohnzimmer, wo ihre drei Schwestern auf dem Sofa plaudern, Mama Evi Kaffee einschenkt und Vater Wolfgang geduldig darauf wartet, auch zu Wort zu kommen. „Ich lebe in einem reinen Frauenhaushalt, dass alle gleichzeitig reden, bin ich gewohnt“, erklärt der 51-Jährige. Wobei zu Beginn der Geschichte die vier Töchter zuhören. „Meine Frau war und ist meine große Liebe“, erzählt er. „Wir lernten uns kennen, waren 1992 das Prinzenpaar in Traunstein, heirateten und dann funktionierte das Wichtigste, um unser Glück vollkommen zu machen, nicht.“ Er und seine Frau versuchten jahrelang vergeblich ein Kind zu bekommen, „und dann hat es nach einer Kinderwunschbehandlung geklappt.“ Er sieht seine Frau Evi an, die den Faden aufnimmt: „Die Freude über den positiven Schwangerschaftstest war riesengroß“, erinnert sie sich, „und als wir dann beim Ultraschall sahen, dass sich zwei Embryonen entwickelten, dachte ich, dass wir dann halt doppeltes Glück hatten.“ In der sechsten Schwangerschaftswoche war klar, dass es sich um dreifaches Glück handelte, in der 8. Woche tauchte auch noch Glück Nummer vier im Ultraschall auf. „Das mag total verrückt klingen, aber ich fand das alles erstmal eher lustig, aber mir war auch überhaupt nicht klar, was das für uns bedeuten würde.“ 

Vierfaches, winzig kleines Glück 

Evi Kurz kämpfte gemeinsam mit einem Ärzteteam um jeden Tag, den die vier geschützt in ihrem Bauch verbringen konnten. In der 28. Schwangerschaftswoche mussten sie auf die Welt geholt werden. „Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung bestand Gefahr für meine Frau und die Kinder“, nennt Wolfgang Kurz den Grund für den frühen Kaiserschnitt. „Zwei, so hieß es, würden wahrscheinlich nicht überleben, da sie bereits schlecht versorgt seien.“ Der werdende Vater wartete vor dem OP. „Das waren die längsten Stunden meines Lebens“, beschreibt er das Gefühl, nicht zu wissen, was hinter den verschlossenen Türen vor sich ging. „Dann ging die Tür auf und sie schoben drei Babys vorbei und sagten mir, dass es beim vierten Probleme gibt.“ Miriam, mit 970 Gramm die schwerste von den vieren, musste bei der Geburt wiederbelebt werden, der erlittene Sauerstoffmangel führte zu einer Zerebralparese. Wie die sich auswirken würde, war nicht abzusehen. „Aber die Kleine lebte und konnte zu ihren Schwestern auf die Frühchenstation“, fasst Wolfgang Kurz das zusammen, worum es ihm damals ging und es der Familie heute noch geht. „Die vier gehören zusammen.“ 100 Tage verbrachten die Schwestern im Krankenhaus und wurden mit viel Zeit und Zuneigung aufgepäppelt, denn die beiden eineiigen Zwillinge Bettina und Melanie starteten mit gerade einmal 620 bzw. 610 Gramm ins Leben, was ca. ein Fünftel des Gewichts ist, das ein Baby in der Regel bei der Geburt wiegt. 

„Anfangs haben wir nur funktioniert“

Wie sie die ersten Jahre mit den Vierlingen überstanden, daran erinnern sich die Eltern nicht mehr wirklich. „Wir haben einfach nur funktioniert“, erklärt die Mutter, der man die damalige Erschöpfung und den Stress nicht ansieht. „Ganz am Anfang hatten wir eine Haushaltshilfe und drei Nächte in der Woche eine Kinderkrankenschwester. Da Miriam an einen Monitor angeschlossen war, der ihre Lebensfunktionen kontrollierte und oft Fehlalarm auslöste, hätten wir sonst nie schlafen können.“ Und dann halfen die beiden Omas mit, Tanten und Freunde. Sogar die Uroma übernahm eine Aufgabe. „Sofern es ihr möglich war, gab sie Melanie das Fläschchen“, erzählt Wolfgang Kurz und fügt hinzu: „Unsere Jüngste hat eine Stunde gebraucht, um 70 Milliliter zu trinken.“ Diese Menge pro Mahlzeit trinken Babys ab der zweiten Lebenswoche achtmal am Tag – Melanie war damals mehrere Monate alt. 

Zwölf Fläschchen pro Nacht

Wenn er zurückdenkt, fällt Wolfgang Kurz noch ein Detail aus der Anfangszeit der Mädchen ein. „Immer wenn ich von der Baustelle heimgekommen bin, habe ich erst einmal zwölf Fläschchen für die Nacht hergerichtet“, erinnert er sich. Er war damals viel auf der Baustelle; weil die 67-Quadratmeter-Wohnung definitiv zu klein für die Großfamilie war, baute der gelernte Maurer und Hochbaupolier mit Hilfe seiner Familie und von Freunden in Eigenregie ein Haus. Nachträglich musste er noch einen Aufzug einbauen, denn Miriams Zerebralparese führte zu einer spastischen Lähmung. „Miriam konnte nicht alles ganz genauso wie ihre Schwestern, das war uns klar, aber wir wollten, dass die vier möglichst viel gemeinsam machen, sich gegenseitig unterstützen und in die Dorfgemeinschaft integriert sind“, erklärt Evi Kurz.

Bettina, Miriam, Melanie und Veronika.

Jede Therapie genutzt

Die Mädchen kamen gemeinsam in den Kindergarten, an drei Tagen in der Woche fuhr Evi Kurz mit Miriam nach Rosenheim in den Kindergarten „Sonnenschein“, in dem sie mit Hilfe der Petö-Methode gefördert wurde. Überhaupt nahm das Ehepaar Kurz jede Möglichkeit wahr, um Miriam in ihrer Entwicklung zu unterstützen. „Wir haben alle Therapien gemacht, die sinnvoll erschienen und wir uns leisten konnten, von der Vojta- über die Adeli- bis hin zur Delphintherapie“, erklärt die Mutter, die auch heute noch ein bisschen ein schlechtes Gewissen hat, dass sie ihren anderen drei Töchtern in der Zeit, die sie mit Miriam bei Therapien verbrachte, nicht gerecht werden konnte. „Mama, das stimmt doch gar nicht“ widerspricht ihr Veronika. Klar mussten die drei manchmal ein bisschen zurückstecken, „aber das ist uns gar nicht aufgefallen“, gibt Bettina zu bedenken. „Das war ja normal für uns, dass Mama immer mal wieder allein mit Miriam unterwegs war und wir haben dann mit Papa Ausflüge gemacht, die mit Miriam nicht möglich waren, sind also in die Berge wandern oder zum Chiemsee schwimmen gefahren“, ergänzt Melanie. Gut getan hat der Familie der Kontakt zu anderen Mehrlingsfamilien bei einer Mehrlingskur: „Da waren wir plötzlich nicht mehr die Exoten mit unseren Vierlingen, sondern ganz normal, konnten Erfahrungen und Tipps austauschen“, erklärt Mutter Evi. 

Gemeinsam in der Grundschule

In der Grundschule in Ruhpolding besuchten die Mädchen dieselbe Klasse, was für die Eltern praktische wie auch pädagogische Gründe hatte: „So hatten die Mädchen dieselben Unterrichtszeiten und dieselben Hausaufgaben, das erleichterte den Alltag.“ Und die Mitschüler sowie die Eltern der Mitschüler konnten sich von Beginn an daran gewöhnen, dass Miriam im Rollstuhl saß. „Wir haben sozusagen Inklusion gelebt, da gab es diesen Ausdruck noch gar nicht.“ Miriams Augen leuchten heute noch, wenn sie sich daran erinnert: „Meine Behinderung war da nicht wichtig, wir hatten dieselben Freunde, die gleichen Freuden und die gleichen Probleme.“ Das änderte sich ab der 5. Klasse. „Ich hatte mich zuvor nicht als jemand gesehen, der ernsthafte Beeinträchtigungen hat, und dann ging es in der Förderschule die ganze Zeit um die Behinderung.“ 

„Wenn die anderen nur sehen, was man nicht kann“

Sie schaffte den normalen Quali. „Ich wollte eine Ausbildung machen und habe 80 Bewerbungen geschrieben, keiner hat mich mit meinem Rollstuhl eingeladen.“ Auch wenn diese Zeit schon Jahre hinter ihr liegt, hört man die Enttäuschung Miriams Stimme immer noch an. „Dabei sind große Firmen doch verpflichtet, Behinderte einzustellen. Aber die zahlen dann lieber eine Strafe, statt Menschen wie Miriam eine Chance zu geben“, springt Bettina ihrer Schwester zur Seite. Glücklicherweise hat es dann doch noch geklappt. Auf der Truna, der Gewerbeschau in Traunstein, ergab sich ein erster Kontakt, sie wurde von der Firma eingeladen und erhielt den Ausbildungsplatz zur Bürokauffrau für Büromanagement. 

„Schwestern sind viel mehr als Freunde“

Heute arbeitet Miriam in einem Schulsekretariat. Auch ihre Schwestern sind berufstätig: Bettina ist Fachlehrerin für Sport, Soziales und Handarbeit, Melanie Kauffrau für Groß- und Außenhandel und Veronika hat – wie die Mama – Floristin gelernt. Alle vier leben noch zu Hause und verbringen auch viel ihrer freien Zeit gemeinsam. „Freunde sind toll, aber Schwestern sind noch viel mehr“, weiß Miriam. „Man ist nie allein“, erklärt Melanie. „Man hat immer jemanden zum Reden“, ergänzt Veronika, „jemanden, der genau das gleiche erlebt hat und genau versteht, was du denkst, was du willst und wovon du träumst“, fügt Bettina hinzu. 

Veronika

Veronika hat – wie die Mama – Floristin gelernt

Was ist deine Stärke:

Veronika: Ich bin eigentlich immer gut gelaunt, naturverbunden und jemand, der bei Streit schlichtet oder zumindest die Spannungen ausgleicht.

Welche Vor- und Nachteile sieht du darin, eine von Vierlingen zu sein?

Veronika: Man ist wirklich nie allein, hat immer jemanden – früher zum Spielen, heute zum Reden. Allerdings lernt man dadurch nicht, auf sich selbst zu schauen. Das habe ich in der Lehre, da waren meine Schwestern ja nicht dabei, echt lernen müssen.

Was ist Deine schönste Kindheitserinnerung?

Veronika: Da gibt es so viele. Wenn wir unterwegs waren, am Spielplatz zum Beispiel oder am Chiemsee. Vor allem aber erinnere ich mich an den Bauernhof der Großeltern, da konnten wir im Heu spielen und wurden rundum verwöhnt.

Miriam

Miriam: „Freunde sind toll, aber Schwestern sind noch viel mehr“.

Was ist deine Stärke:

Miriam: Wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt habe, dann setzte ich das auch um, egal wie lange das dauert. 

Welche Vor- und Nachteile sieht du darin, eine von Vierlingen zu sein?

Miriam: Man ist nie allein und eng miteinander verbunden, aber man muss auch viele Kompromisse machen.

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?

Miriam: Auf dem Pausenhof in der Grundschule mit meinen Schwestern und Freundinnen spielen und niemand behandelt mich anders als die anderen.

Bettina

Bettina startete mit 620 Gramm ins Leben.

Was ist deine Stärke:

Bettina: Ich bin ehrgeizig und fokussiert und gleichzeitig tiefenentspannt, lass mich nicht stressen.

Welche Vor- und Nachteile sieht du darin, eine von Vierlingen zu sein?

Bettina: Mit Freundinnen kann man nie so offen reden wie mit Schwestern, bei Zwillings-, Drillings- oder Vierlingsschwestern ist das dann noch intensiver, weil man ja genau gleich alt ist und die gleichen Erfahrungen gemacht hat. Was nervt, ist die Frage, ob meine Schwestern genauso aussehen wie ich, und dass Charaktereigenschaften oder Vorlieben von vielen automatisch von der einen auf die andere übertragen werden. 

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?

Bettina: Wie wir alle vier in einem großen Bett geschlafen haben und dann später gemeinsam mit Barbiepuppen gespielt haben. Damit konnten wir uns den ganzen Tag beschäftigen. 

Melanie

Melanie übers Vierlings-Sein: „Es ist immer was los.“

Was ist deine Stärke:

Melanie: Ich kann gut zuhören und bin sehr strukturiert.

Welche Vor- und Nachteile siehst du darin, eine von Vierlingen zu sein?

Melanie: Es ist immer was los, es wird nie langweilig und man kann sich untereinander die Kleider ausleihen. Leider sehen einen aber die meisten Menschen immer nur als Teil von vieren – zumindest am Anfang. Jede von uns als eigene Person wahrzunehmen, dafür brauchen die meisten Zeit.

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?

Melanie: Der erste Schultag: Als wir alle vier im Partnerlook-Outfit, aber mit unterschiedlichen Schultüten und Schulranzen gemeinsam in eine neue Welt starteten. 

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Abbinder Rosenheimerin

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