Projekt für nachhaltige Wirtschaftsweise in Region Waging am See - Rupertiwinkel

Ökomodellregion: Mit Anstand und Respekt vor dem Tier wirtschaften

Alexandra und Norbert Gitzinger vor dem Damwildgehege
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Alexandra und Norbert Gitzinger vor dem Damwildgehege

30 Prozent Biolandbau - das ist seit 2019 ein gesetzlich festgelegtes Ziel der Bayerischen Staatsregierung. Die 27 Ökomodellregionen auf einem Viertel der bayerischen Gemeindefläche sind dafür ein wichtiges Instrument.

Kirchanschöring/Watzing - An der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel nehmen Unternehmen teil, die sich bereits auf den Weg gemacht haben und sich für eine besonders nachhaltige Wirtschaftsweise einsetzen. Diese bayerische Modellregion zeichnet sich laut eigener Aussage durch vielfältige Netzwerke für mehr Bioanbau und -verarbeitung aus, verfolgt aber auch gemeinsame ökologische Projekte mit allen Landwirten und den Gemeinden. Mehr Infos dazu gibt es unter www.oekomodellregionen.bayern.

Alexandra Gitzinger liebt ihre Tiere. Wenn sie die zehn bis fünfzehn Schafe in ihrem Gehege füttert, redet sie liebevoll auf sie ein, streichelt sie und schmust sogar mit Tinchen, der Ältesten, die hier ihr Gnadenbrot bekommt. Man spürt, dass es Mensch und Tier gut geht, dass sie sich wohlfühlen, dass der Stress weit weg ist. Alexandra und Norbert Gitzinger haben eine klare Einstellung im Umgang mit den Tieren, die sie auf ihrem Anwesen in Watzing bei Kirchanschöring so auch leben: Tiere müssen mit Anstand und Respekt behandelt werden oder wie Alexandra es treffend formuliert. „Für uns geht es immer um den Respekt vor der Kreatur“.

Daran haben sie auch ihren Nebenerwerbsbetrieb ausgerichtet. Und deshalb war es für sie keine besondere Entscheidung ihren kleinen Betrieb ökologisch und nachhaltig zu bewirtschaften und in einem zweiten Schritt auch das Öko-Zertifikat zu erwerben. „Es war bei uns auf dem Hof schon immer so, der Respekt vor der Natur und der nachhaltige Umgang mit unserer Umwelt, zu der auch die Tiere gehören, ist in unserer Familie eine Selbstverständlichkeit“, so die gelernte Zierpflanzengärtnerin Alexandra, die zusammen mit ihrem Mann Norbert, gelernter Bäcker, heute in der Bauwirtschaft tätig, den Hof 2010 von den Eltern gepachtet haben Sie konnten auf einiges setzen, was ihr Vater bereits aufgebaut hatte, wie zum Beispiel das 1986 angelegte Damwildgehege.

Heute vermarkten sie Bio-Damwild und Biolammfleisch. Die Mengen sind überschaubar, die Nachfrage groß, Vorbestellungen schon auf ein Jahr im Voraus, aber es geht ihnen nicht nur darum. Wichtig ist für sie, dass die Arbeit noch neben dem Beruf zu bewältigen ist, ohne dass der Stress überhandnimmt. Natur, Tier und Mensch sind im Einklang, die Wiesen werden extensiv bewirtschaftet, den Tieren geht es gut und auf dem Hof ist Leben.

Eine Idylle am Fuße des Güßhübels

Auf einem Bauernhof müsse sich was rühren, da gehören Tiere einfach dazu, ist Familie Gitzinger überzeugt. Und deshalb gibt es auf dem Mehrfamilienhof, wo auch noch die zwei erwachsenen Kinder der beiden sowie die Eltern von Alexandra leben, neben den Schafen und dem Damwild auch Hühner, Enten, Katzen und Hunde. Ein Bauerngarten, eine Streuobstwiese, ein Brotbackofen, ein Erdkeller für das Obst runden die Idylle am Fuße des Güßhübels ab. Die Lage des Anwesens nahe dem Kirchanschöringer Ortsteil Redl ist einfach traumhaft. Das darf aber nicht täuschen, denn zu tun ist genug und wenn nicht alle anpacken würden, wäre es nicht zu schaffen. 

An das Anwesen mit dem schönen Bauernhaus, Hof und Garten grenzen die zwei Damwildgehege und eine umzäunte Wiese für die kleine Schafherde. In den weitläufigen Gehegen für das Wild tummeln sich zwischen 25 und 30 Tiere, darunter zwei Zuchthirsche. Einer von ihnen hat gerade sein imposantes Geweih abgeworfen und sieht jetzt etwas „unvollständig“ aus, der zweite beeindruckt noch mit seinem großen Kopfschmuck, der aber auch bald abfallen und dann wieder nachwachsen wird. Mitte Juni werden die Jungen gesetzt (das heißt geboren). Deshalb wird die Wiese erst nach Juni gemäht, damit das hohe Gras, wie in den natürlichen Lebensräumen, den Jungen Schutz bietet.

Ein Kitz steht bereits ein paar Minuten nach der Geburt auf, erzählt Alexandra, und hat, wie auch die erwachsenen Tiere, einen hohen Bewegungsdrang. Als Wildtier braucht das Damwild viel Platz zum Umherziehen. „Die Tiere sind immer auf dem Sprung“, erzählt Norbert, „aber an uns haben sie sich schon gewöhnt“. Was man gut sehen kann, als Alexandras Vater sie mit Futter lockt und die Herde ohne Scheu herbeieilt. Früher seien die Kinder in dem Gehege sogar Schlitten gefahren, erinnern sich die Gitzingers. Das sei immer lustig gewesen. Nur in der Brunftzeit, ab Anfang Oktober darf das Gehege nicht mehr betreten werden.

Ab Ende Oktober nächsten Jahres werden die heuer geborenen Tiere per Schuss erlegt. Diese Aufgabe übernehmen Norbert und sein Schwiegervater Ferdinand Schnellinger, selber. Sie haben dazu eine besondere Gehegeprüfung ablegen müssen. „Das Schießen ist nicht unsere liebste Aufgabe“, so Norbert, „aber wir wissen, dass es für die Tiere keinen Stress bedeutet, wenn sie auf der Wiese, aus der Herde heraus, erlegt werden, und das ist für uns wichtig.“

Das erlegte Tier wird im eigenen kleinen biozertifizierten Schlachthaus aus der Decke geschlagen und zerwirkt, das heißt zerlegt. Der Schlachtraum ist seit 2009 nach den EU-Bio-Richtlinien zugelassen und wird jährlich durch einen Veterinär des Landratsamtes Traunstein geprüft. Ja, und nicht vergessen, es gibt natürlich eine Lebendbeschau vor dem Schuss und eine Fleischbeschau vor dem Zerlegen. Das vakuumierte Fleisch wird ab Hof oder in Bio-Geschäften verkauft. Natürlich sind die Gitzingers aus Watzing auch Teil der Biodirektvermarkterliste aus der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel.

„Kein Stress, kein Transport, keine Schmerzen für das Tier“

Zusammenfassend betont Alexandra Gitzinger noch einmal: „Kein Stress, kein Transport, keine Schmerzen für das Tier, das ist für uns sehr wichtig“. Gerade deshalb haben sie auch bei der Schlachtung der Lämmer ihrer Schwarzkopfschafe umgestellt auf Schlachtung auf dem Hof durch einen Bio-zertifizierten Metzger. Der Transport der Lämmer zum Schlachthof in Laufen und die Abgabe dort war eindeutig zu viel Stress für die Tiere, aber auch für die Bio-Landwirtin.

Jetzt können die Lämmer bis ganz zum Schluss auf dem Hof bleiben, werden dort nach dem Schuss zerlegt und das Fleisch ab Hof verkauft. Auf drei Hektar ihres Besitzes erzeugen die Nebenerwerbslandwirte das Futter für ihre Tiere. Natürlich werden die Wiesen extensiv, ökologisch bewirtschaftet. Auch die Vorgängergeneration hat es so gemacht. 

„Wir haben für uns diese extensive und nachhaltige Wirtschaftsweise gewählt, weil wir überzeugt sind, dass es so richtig ist. Und wir haben die Möglichkeiten dazu – die meisten haben dies leider nicht. Es ist aber jedem seine eigene Entscheidung, welchen Weg er wählt“, fasst Familie Gitzinger ihren Weg zusammen. Für den Besucher bleibt kein Zweifel, dass es der richtige Weg war.

kon

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