Offener Brief an Ministerpräsident Söder

„Tourismus-Standort Chiemgau in ernster Gefahr“ - TWV-Vorsitzender fordert Perspektiven

Sepp Holweger, Vorsitzender des Tourismus- und Wirtschaftsverbands Ruhpolding wendet sich in einem Brief an Bayerns Ministerpräsident Söder - mit der Bitte um Perspektiven für „Privat-Vermieter“ und den Einzel-Fachhandel.

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Der offener Brief des TWV-Vorsitzenden Sepp Hohlweger im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Markus Söder,

ich wende mich als Vorsitzender des Tourismus- und Wirtschaftsverband Ruhpolding e.V. an Sie.

In unserem, durch den Ferientourismus geprägten Ort, sind die verschiedenen Entscheidungen der Staats- und Bundesregierung zur Beschränkung des Infektionsgeschehens nicht mehr nachvollziehbar. Nicht nur, dass immer noch Gewerbebetriebe aus der Beherbergungsbranche und dem stationären Einzelhandel auf die Bearbeitung der Anträge für die November- und Dezemberhilfe warten, reichen bei Vollsortimentern die Parkplätze kaum aus, gleichzeitig unterliegen Fachhändler derweil strengen Reglementierungen. Zudem ist es nicht nachvollziehbar, den Fachhandel, mit seiner in der Regel geringeren Kundenfrequenz, anders zu behandeln, als den Lebensmitteleinzelhandel. 

Zeitgleich werden Auslandsurlaubsreisen ermöglicht. Das zerstört nicht nur Vertrauen in die verschiedenen Regierungsebenen, sondern lässt viele Unternehmer*innen ratlos und resigniert zurück. Es ist auf Dauer für unsere Betriebe unerträglich, für die Fehler und Fehleinschätzungen Einzelner in Haftung genommen zu werden! 

Ja, die Fallzahlen steigen, das Infektionsgeschehen ist diffus und die Gastronomie mit den Investitionen in Hygienekonzepte muss geschlossen bleiben und das seit nahezu 5 Monaten. Was aber eben auch belegt, dass die Treiber der Pandemie wo anders zu suchen sind. Mit Hilfe digitaler Kontaktverfolgung, und dem Einsatz der Coronasoftware Sormas in den Gesundheitsämtern sollte ein besserer Überblick über das Infektionsgeschehen möglich sein und eine schrittweise Öffnung der Innengastronomie ermöglichen

Eine Teilöffnung der Außengastronomie ist bei winterlichen Wetterverhältnissen nicht wirklich zielführend. Die neue Förderung für Luftreinigungsgeräte für die Innengastronomie ist wohl wieder nur eine weitere Karotte hinter der die Gastronomie wieder einmal herlaufen soll. Unsere Mitglieder haben es satt, sich mit immer neuen Versprechungen vertrösten zu lassen. Sollten die versprochenen Entschädigungen, weiterhin mit so großer Verspätung ausgezahlt werden, ist der Tourismusstandort Chiemgau mit Ruhpolding in ernster Gefahr.

Neben den Unternehmer*innen im Beherbergungsbereich ist es im Chiemgau seit Beginn des Tourismus in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Tradition, dass auch sogenannte „private Gastgeber“ Urlaubsgästen Übernachtungsmöglichkeiten anbieten. Viele dieser Betriebe haben in den letzten Jahren in Qualität investiert – nicht zuletzt auch viele Anbieter*innen von Urlaub auf dem Bauernhof die meist in diese Kategorie fallen. 

Diese Betriebe fallen bisher bei der Verteilung der Cornahilfen in die Kategorie „Pech gehabt“. 

Der Tourismus in seiner Gesamtheit lebt aber von der Vielschichtigkeit des Angebots an Übernachtungsmöglichkeiten. Eine drastische Verringerung des Angebots in dem Segment der Frühstückspensionen und Ferienwohnungen durch Umnutzungen wird erhebliche negative Auswirkungen auf den gesamten Wirtschaftszeig in der Region mit sich bringen. 

Unsere 3 Forderungen:

Einrichten eines freiwilligen Ausgleichsfond zur Unterstützung der „Privaten Vermieter*innen“ Eine Leistung kann an Bedingungen geknüpft werden wie, mindestens 3 Jahre nachweislich in einem Gastgeberverzeichnis gelistet, egal ob Druck- oder Digitalmedium. Bemessung an der Bettenzahl, zum Beispiel einmalig 750 Euro pro Bett, oder monatlich 200 Euro pro Gästebett. Wenn eine Betriebsaufgabe innerhalb von 5 Jahren nach Erhalt der Förderung erfolgt, ist diese anteilig zurückzuzahlen, und so weiter.

Öffnen des stationären Einzel-Fachhandel mit den identischen Regelungen wie für den Lebensmitteleinzelhandel, bei einer Inzidenz bis zum Beispiel 200. Ausgleich von Minderumsatz in Tourismusregionen wegen fehlender Gäste.

Einrichten einer Clearingstelle für die Antragsbearbeitung bei den Überbrückungshilfen und der November- Dezemberhilfen. 

Bei vielen liegen die Nerven blank, es stehen Existenzen und Strukturen auf dem Spiel. Von den Mitarbeiter*innen, die wegen Perspektivlosigkeit in andere Branchen abwandern, ganz zu schweigen.  

Herr Ministerpräsident, Sie sind in der Position etwas zum Positiven zu wenden. Schnelle, unbürokratische Antragstellung auch für Privatvermieter*innen, rasche Auszahlung von Entschädigungen und vor allem mit digitalen Hilfsmitteln für die Erfassung von Gästen und deren Infektionsstatus, eine schnelle schrittweise Öffnung der Gastronomie zu ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen

Sepp Hohlweger, 1. Vorsitzender

Offener Brief vom TWV-Vorsitzenden Josef Hohlweger

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich

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