Siegmar Faust liest und diskutiert

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Auf der Lesung am 13. Oktober zog Faust die Schülerinnen und Schüler mit Auszügen aus seinen Gedichten und Briefen regelrecht in seinen Bann

Traunstein - Zweimal inhaftiert wegen „staatsfeindlicher Hetze“, 1976 freigekauft durch den Westen – so erlebte der Schriftsteller und heutige DDR-Kritiker Siegmar Faust die Deutsche Demokratische Republik.

Das ist auch und gerade für die nach der Wende Geborenen eine spannende Biografie: Auf der Lesung am 13. Oktober zog Faust die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Chiemgau-Gymnasiums mit Auszügen aus seinen Gedichten und Briefen sowie detaillierten biografischen Schilderungen regelrecht in seinen Bann. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des P-Seminars „Literatur lebt“ las Faust am selben Abend auch in den Räumen der Event- und Werbeagentur cream & chilli concepts UG in Traunstein.

Musikalisch wurde er von der Joe Pretty Musical Enframing Club Band (Schüler des ChG) mit Blues- und Jazzstücken umrahmt – Musikrichtungen, an die sich Faust gerne erinnert. Jazz, Rock’n’Roll und das Tragen von Blue Jeans gehörten zu den verbotenen Dingen in der DDR. Doch Siegmar Faust war in dieser Zeit jung und rebellisch, trug Black Jeans statt Blue Jeans, nahm heimlich an Rock’n’Roll-Tanzabenden teil – er balancierte immer an der Grenze des Verbotenen, ebenjener Grenze, an der er für die Stasi hätte auffällig werden können. Dennoch verstand sich Siegmar Faust als Marxist, der für einen humanen Sozialismus stritt, fing einst sogar als DDR-Schriftsteller an, der als SED-Mitglied seine Werke veröffentlichte. Heute weiß und betont er, dass seine Ansicht einer klassenlosen und somit perfekten Gesellschaft naiv war. Doch vor dieser Einsicht lag ein langer Weg, auf dem er immer mehr von der Parteilinie abwich. Zweimal begann er ein Literaturstudium, zweimal wurde er wegen staatskritischer Texte exmatrikuliert. 1968 gründete er eine inoffizielle Künstlergruppe und wurde 1971 vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet, als er versuchte literarische Werke in der Bundesrepublik zu veröffentlichen. Erst später erfuhr er, dass die Stasi ihn jahrelang ausspionieren ließ und, wie er betonte, ihn zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich besser kannte als er sich selbst. Auch im Gefängnis verfasste er weiterhin Gedichte und brachte im Zuchthaus Cottbus sogar eine handgeschriebene Häftlingszeitung mit dem Titel „Armes Deutschland“ in Umlauf.

Die Folge: 400 Tage Einzelhaft in Kellerzellen. Unspektakulär erzählt Faust von dieser Zeit, doch merken die Zuhörer, dass die Haft und der Wille, diese Haft zu überstehen, ihn viel Kraft gekostet haben, gebrochen haben sie ihn nicht. So sagt er, dass er diese Zeit nicht missen möchte. Auf die Frage einer Schülerin, wie er es geschafft habe, Monate in Einzelhaft zu verbringen, erwidert Faust in Anlehnung an Karl Kraus, man müsse den Hass produktiv machen. Seine Enttäuschung, dass ausgerechnet einer seiner besten intellektuellen Freunde derjenige war, der ihn verraten und in Haft gebracht hatte, wird am Ende aber doch deutlich. Diese Erfahrung teilt er wohl mit vielen Menschen der ehemaligen DDR. Auch in Einzelhaft wussten seine Kameraden ihm Papier und Schreibmaterial zukommen zu lassen, Siegmar Faust verbreitete weiterhin seine Häftlingszeitung, behielt seine Würde und seinen Stolz, indem er sich schriftstellerisch betätigte. Sein Schicksal, begleitet von seinen Gedichten und Briefen, die er aus dem Gefängnis an seine Frau schrieb, und sein authentischer Vortrag beeindruckten die Zuhörer zutiefst.

Chiemgau-Gymnasium Traunstein

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