Ausstellung im Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf 

Mumien als „Archive des Lebens“ 

Siegsdorf - Die Ausstellung „Mumien – Archive des Lebens“ im Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf wird am Freitag, 12. April um 20 Uhr eröffnet und kann bis 3. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr besucht werden.

Die Pressemeldung im Wortlaut:

In seiner aktuellen Sonderausstellung „Mumien – Archive des Lebens“ zeigt das Siegsdorfer Naturkunde- und Mammut-Museum faszinierende Mumienfunde aus aller Welt: Das Spektrum reicht von den Dinosauriern über die Mumien alter Hochkulturen bis hin zu 3-D- Abbildungen von „Ötzi“ und regionalen Funden. Inszenierte Laborbereiche, CT-Animationen und Rekonstruktionen bieten darüber hinaus faszinierende Einblicke in die Methodenwelt moderner Mumienforschung.

Zustandegekommen ist die Präsentation durch die enge Kooperation mit den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, die seit einem Zufallsfund 2004 über eine einmalige Sammlung von Mumien verfügen. Die Fundstücke gaben den Restauratoren anfangs Rätsel auf und führten mit der Etablierung des „German Mummy Projects“ zu einem der weltweit größten Projekte zur wissenschaftlichen Erforschung von Mumien.

Zusammen mit internationalen Experten aus unterschiedlichen Disziplinen und mit Hilfe modernster Wissenschaftsmethoden konnten die Experten der Reiss-Engelhorn-Museen den Mumien aus verschiedenen Zeitepochen viele Geheimnisse entlocken. 

Mammutbaby Dima, Abguss 1977 fanden Goldgräber im nordostsibirischen Dauerfrostboden die Mumie eines 4 bis 6 Monate alten männlichen Mammutkalbs, das man Dima nannte. Vor ca. 39.000 Jahren geriet es in einen Morast und erstickte darin, wie Schlamm in Rüssel und Lunge nahelegen. Eine Verletzung am rechten Vorderfuß könnte die Ursache für seinen schlechten Gesundheitszustand gewesen sein. Das Mammutkalb war völlig abgemagert, hatte im Magen nur wenige Grashalme, sowie Schlamm und Haare und hatte Parasiten. Das Ergebnis einer Pollenuntersuchung deutet auf den Herbst als Todeszeit hin. Die Zeit bis zu seiner Entdeckung überdauerte Dima als Permafrostmumie.

Im Rahmen einer in Europa und den USA gezeigten Ausstellung haben bisher drei Millionen Besucher Einblick in neueste Erkenntnisse der Mumienforschung gewonnen. Vor der Weiterreise von Mannheim nach Japan wird nun ein Teil der Sammlung im Chiemgau gezeigt. 

Die Ausstellung macht deutlich, dass Mumien und Mumifizierungen nicht nur der Versuch sind, einen Verstorbenen für die Ewigkeit zu bewahren. Oftmals sind sie auch das Ergebnis natürlicher Prozesse: Im trockenen und heißen Wüstensand, im Gletschereis, in Hochmooren, in salzhaltiger Umgebung oder auf trockenen Dachböden, in Mauerschächten und Kirchengrüften können Körper von Tieren und Menschen sich in Mumien verwandeln

Sie vertrocknen, behalten aber ihre Form. Verändern sich die Umstände, kann ein Körper auch nach Jahrtausenden wieder in Verwesung übergehen und sich auflösen. 

Als außergewöhnliche Archive des Lebens öffnen Mumien dank der erhaltenen Weichteile auf einzigartige Weise Fenster der Erkenntnisse in die Vergangenheit. Moderne Technologien und Analysemethoden helfen bei der Lösung zahlreicher Rätsel und Fragestellungen. Bildgebende Verfahren wie die Computertomographie sind nicht nur für Kranke der Gegenwart ein Segen. Sie helfen auch bei der schichtweisen berührungslosen Durchleuchtung von Mumien, ohne die empfindlichen Körper zu zerstören.

Mumie einer Frau mit gekreuzten Unterschenkeln Die Mumie aus der Sammlung von Gabriel von Max war ehemals komplett in Textil gehüllt. Eine Radiokarbondatierung ergab, dass die Frau zwischen 1390 und 1460 n. Chr. lebte. Mumien in Rückenlage mit gekreuzten Unterschenkeln sind von der Zentralküste Perus, u.a. vom Gräberfeld Ancón, bekannt. Auf die Zugehörigkeit zur Chancay-Kultur deutet eine Gefäßbeigabe hin. Eine Genanalyse bestätigte die südamerikanische Herkunft der Mumie. Das Alter der Frau mit künstlich deformiertem Kopf wurde auf 20 bis 40 Jahre bestimmt. Ihr linkes Schlüsselbein war gebrochen und verheilte nur unförmig. Veränderungen an Brust- und Lendenwirbeln sowie Verkalkungen im Lungengewebe deuten auf Tuberkulose hin.

So ließ sich zum Beispiel die in der Ausstellung gezeigte Frauenmumie „M2“ aus dem 15. Jahrhundert mit ihren auffällig gekreuzten Unterschenkeln und den vor der Brust gekreuzten Armen der südamerikanischen Chankay-Kultur zuordnen. 

Die Aufmerksamkeit der Forscher erregten allerdings zwei unbekannte Gegenstände in ihren Fäusten. Die auf einen 3-D-Drucker übertragenen CT-Daten brachten ein erstaunliches Ergebnis: zwei menschliche Milchzähne. Diese durch 3-D-Druck erzeugten Zähne sind in der Ausstellung zu sehen. Nicht weniger spektakulär ist ein kurzer Film, der in einer Animation die Gesichtsrekonstruktion der Frau anhand der CT-Daten sichtbar macht. 

Mumiengruppe bestehend aus einer Frau und zwei Kindern Die Körperhaltung der Frau mit angezogenen Beinen ist typisch für Mumien der andinen Küstenregion Südamerikas, insbesondere für Nordchile. Während die kopflose Kindermumie unter dem Kopf der Frau aufgrund ähnlicher Färbung wohl ursprünglich zu dieser gehört, wurde das in Textil gehüllte Kind auf dem Bauch der Frau vermutlich im 19. Jh. nachträglich hinzugelegt.Radiokarbondatierungen zeigten, dass alle drei im 11. bis 14. Jh. n. Chr. lebten. Eine computertomographische Analyse ergab, dass es sich um eine 30- bis 35-jährige Frau, ein 1- bis 2-jähriges Mädchen (auf dem Bauch) und ein 2- bis 3-jähriges Mädchen (unter dem Kopf) handelt. Die erhaltenen Organe belegen eine natürliche Mumifizierung. In Mund und Rachen des jüngeren Mädchens wurde Fremdmaterial entdeckt, das auf einen Erstickungstod hindeuten könnte. Durch die molekulargenetische Analyse einer Probe aus dem Darm der Frau wurden Hinweise auf Parasitenbefall entdeckt. Ebenso fanden sich genetische Spuren der in Südamerika heimischen und Sellerie ähnelnden Nutzpflanze Arakacha.

Besondere Aufmerksamkeit erhält in der Siegsdorfer Ausstellung auch die mehr als600 Jahre alte Mumie einer zusammengekauerten Frau mit zwei Kindern. Sie litt möglicherweise an einer Magenkrankheit. Während die kopflose Kindermumie unter dem Kopf der Frau aus der gleichen Zeit stammt, wurde die in Textil eingehüllte Mumie eines ein- bis zweijährigen Mädchens auf dem Bauch der Frau wohl erst im 19. Jahrhundert dazugelegt. Fremdkörper im Rachen des Kindes weisen auf einen Erstickungstod. 

Wie Methoden aus der Radiokarbondatierung, Computertomographie, Molekulargenetik, Forensik und Traumatologie oder die Isotopenanalyse Aufschlüsse über Lebens- und Todesumstände geben können, zeigt auch der im Siegsdorfer Naturkunde- und Mammut-Museum gezeigteKopf eines Ägypters mit Bandagenresten. Er lebte zwischen 200 v. Chr. und 70 n. Chr. und litt offensichtlich an einem Tumor an der Hirnanhangdrüse, der ein krankhaftes Wachstum der Extremitäten (Akromegalie) fördern kann. Wie die über Jahrtausende hinweg konservierende Wirkung von Eis der Wissenschaft spektakuläre Mumienfunde bescheren kann, machen zwei weitere Exponate deutlich: im Permafrostboden Sibiriens entdeckt wurde das 39.000 Jahre alte, präparierte Mammutbaby Dima samt originalen Haut- und Haarresten. 

Ein eigenes Museum in Bozen gewidmet ist inzwischen der als „Ötzi“ bekannten Gletschermumie aus der Jungsteinzeit von vor mehr als 5.000 Jahren. Interdisziplinäre Untersuchungen des Instituts für Mumienforschung der Eurac Research in Bozen haben inzwischen ein völlig neues Bild der Lebensumstände des „Mann vom Similaungletscher“ gezeichnet. 

Mumienkopf eines Mannes mit Bandagenresten Von der ursprünglich vollständigen Umwicklung des Kopfes sind nur noch Reste an Gesicht und Oberkopf erhalten. Eine Radiokarbondatierung ergab, dass die Person in griechisch- römischer Zeit (200 v. Chr. – 70 n. Chr.) gelebt hat. Wie die computertomographische Analyse zeigte, handelt es sich um einen Mann zwischen 35 und 45 Jahren. Die Untersuchung offenbarte außerdem Veränderungen an einer „Sella turcica“ genannten, knöchernen Struktur der Schädelbasis, die auf einen Tumor an der Hirnanhangsdrüse hindeuten. Ein derartiger Tumor kann zu einer Erkrankung namens Akromegalie führen.

In Siegsdorf ist „Ötzi“ ein eigener Themenraum mit Fotos in Originalgröße und 3-D-Fotos von Details gewidmet. Weitere Themenbereiche widmen sich Tiermumien, dem Bereich Moor und Salz mit einer Abbildung der Moorleiche „Rosalinde“ aus dem Bayerischen Moor- und Torfmuseum in Rottau oder dem Erkenntnisspektrum unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen bei der Erforschung von Mumien. 

Ein als Kapelle gestalteter Raum, der den Blick auf eine Wissenschaftlerin am Bleisarg in einer Kirchengruft freigibt, lädt zum Nachdenken über die Vergänglichkeit menschlicher Existenz ein. 

Die Ausstellung „Mumien – Archive des Lebens“ im Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf wird am Freitag, 12. April um 20 Uhr eröffnet. Die Präsentation ist bis 3. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. 

Führungen sind jeweils am Mittwoch und Freitag um 14 Uhr. Am 13. Juni ab 19 Uhr gibt es im Festsaal Siegsdorf , Blaue-Wand-Str.1, einen Vortrag mit anschließender Expertendiskussion zum Thema Mumie. Wissenschaftler aus den Bereichen Forensik, Unfallchirurgie, Genetik und Ethnologie stellen ihre Fachgebiete vor und gehen auf Fragen des Publikums ein.

Pressemitteilung Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf 

Rubriklistenbild: © rem, Foto: Jean Christen

Zurück zur Übersicht: Siegsdorf

Auch interessant

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT