Siegsdorf: Polizei entschuldigt sich offiziell

Strafe fürs Igel-Füttern: Fall nimmt komplett unerwartete Wende

Siegsdorf - Einer Siegsdorfer Bewohnerin wurde vor kurzem ihre Tierliebe zum heimischen Igel zum Verhängnis. Mehrfache Fütterungen der Tiere führten zu einer Anzeige durch die Polizei. Der Fall nimmt aber eine überraschende Wende.

In Siegsdorf sorgt derzeit eine Igel-Fütterung für Wirbel. Doch von Anfang an: Besorgte Tierhalter meldeten sich in den vergangenen Tagen bei der Polizei, weil sie eine Frau beim Auslegen von Futter beobachteten. Es wurde der Verdacht geäußert, dass sie Giftköder ausbringe. Wie sich aber bei der Nachschau herausstellen sollte, fütterte die Frau lediglich Igel und andere Wildtiere. Allerdings kam es in Folge zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen der Frau und der Polizei. Denn die Beamten waren der Ansicht, dass die Frau sich nicht an die Ausgangsbeschränkung gehalten habe. Die Frau entgegnete, einen triftigen Grund für das Verlassen der Wohnung zu haben. Die Beamten zeigten sie in Folge wegen eines Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz an. Am 14. April, nur wenige Tage nach der Anzeige, wurde sie wieder beim Füttern von Wildtieren angetroffen. "Wieder", so die Polizei via Aussendung, "war sie mit ihrem Auto aufgebrochen und auch zu Fuß unterwegs". Die Frau sei laut Polizei "nach wie vor uneinsichtig". Welche Strafe das Landratsamt für diesen weiteren Verstoß auferlegen werde, sei noch nicht klar. 


So eindeutig wie von der Polizei beschrieben stelle sich die Situation allerdings nicht dar, so Christian Blas von der "Allianz für Wildtiere", der deutliche Kritik am Vorgehen der Exekutive äußert. Blas verweist auf die "Bayerische Verordnung über Infektionsschutzmaßnahmen anlässlich der Corona-Pandemie". Und tatsächlich – unter Paragraf vier, Absatz drei werden "triftige Gründe" aufgelistet, aufgrund derer die Wohnung verlassen werden darf. Punkt acht: "Handlungen zur Versorgung von Tieren". Einschränkungen – etwa Versorgung von Haus- oder Hoftieren – werden in der Verordnung keine genannt. 

Auch den möglichen Einwand, dass die Versorgung von Igeln oder Wildtieren keinen "triftigen Grund" darstelle, lässt Blas nicht gelten. Igel hätten eine eigene biologische Uhr, sobald es wärmer werde, würden die im Winterschlaf befindlichen Tiere aktiv. Aber: Kältewellen wie jene, die die vergangenen Tage durch Deutschland zog, brächten die Uhr der Tiere gehörig durcheinander. Gerade für junge Tiere stellten solche Temperaturschwankungen Probleme dar, was sich auch auf die Nahrungssuche auswirke. Deshalb sei es auch geboten, die Tierchen fachkundig mit Nahrung und Wasser zu versorgen. 


Er vermutet etwas Anderes hinter dem Vorgehen der Polizei: Es gehe der Exekutive darum, vor dem Hintergrund der Corona-Ausgangsbeschränkungen "abschreckende Beispiele" zu liefern. Blas: "Ich habe schon den Eindruck, dass man hier sehr brachial auftritt." 

Fall nimmt überraschende Wende - Polizei entschuldigt sich

Wie chiemgau24.de am frühen Donnerstagnachmittag dann allerdings auf Nachfrage beim Polizeipräsidium Oberbayern Süd erfahren hat, gibt es in dem Fall eine überraschende Wende: Denn die Polizei hat das Bußgeldverfahren eingestellt. "Es hat keine Verfehlung der Dame vorgelegen", gibt die Pressestelle des Präsidiums bekannt. Es habe sich um eine Fehleinschätzung der Kollegen vor Ort gehandelt, wofür man sich entschuldigen würde. 

In einer nachfolgenden Presseaussendung (>>>Hier die gesamte Aussendung im Originalwortlaut<<<) gibt das Polizeipräsidium Oberbayern Süd bekannt, dass man sich persönlich bei der Betroffenen gemeldet habe: "Polizeivizepräsidentin Eva Schichl meldete sich heute telefonisch bei der Betroffenen und drückte ihr Bedauern über den Vorfall aus. Die Frau freute sich sehr über den Anruf und die Mitteilung zum Ergebnis der rechtlichen Überprüfung durch das Polizeipräsidium."

Auch Polizeipräsident Robert Kopp meldet sich in der Sache zu Wort: "Die Beamtinnen und Beamten des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd führen seit dem 21.03.2020 tagtäglich tausende von Kontrollen zur Überwachung der Ausgangsbeschränkung unter einer sich ständig fortentwickelnden Lage durch und haben dabei Augenmaß und viel Fingerspitzengefühl bewiesen. Dass es in diesem konkreten Fall nun zu einer Fehleinschätzung gekommen ist, bedauern wir ausdrücklich."

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