Tränen einer Messerstecherin

Rosenheim/Traunstein - Eine 31-jährige Frau, die Ende Januar in Rosenheim mit über zwei Promille Alkohol im Blut auf ihren Ex-Freund eingestochen hat, muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Das Traunsteiner Schwurgericht bejahte gestern eine bedingte Tötungsabsicht. Die Ex-Prostituierte brach angesichts der Strafhöhe in Tränen aus und weinte während der Urteilsbegründung hemmungslos.

Das Messer, mit dem die 31-Jährige ihr Opfer verletzte, besaß eine Klingenlänge von 14,5 Zentimeter. Ihr Ex-Freund, ein 41-jähriger Alkoholiker, hatte die Frau, die sich um den Mann gesorgt hatte, kurz zuvor nach einem heftigen Streit aus seiner Wohnung geworfen. Sie kehrte jedoch zurück, holte sich ein Messer aus der Küche und stieß zu. Sie traf den Schulterbereich des Opfers. Die etwa zwei Zentimeter breite Stichverletzung musste im Klinikum Rosenheim mit drei Stichen genäht werden.

Die 31-Jährige landete wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Traunsteiner Schwurgericht mit Vorsitzendem Richter Karl Niedermeier. Bei dem verhängnisvollen Messerstich im Zuge des lautstarken Streits beim zweiten Besuch wollte sie nicht gezielt gegen Kopf und Oberkörper, sondern "blindlings" zugestochen haben - "damit er aufhört zu schreien".

Das Opfer zu befragen, war der Kammer nicht möglich. Der 41-Jährige weilt im Süden Italiens bei seiner Familie und absolviert eine Alkoholtherapie. Der Polizei gegenüber betonte er in Vernehmungen, er habe die Frau geliebt. Auf einen Entschuldigungsbrief der 31-Jährigen hin antwortete er: "Die Zeit heilt alle Wunden. Ich warte auf dich, bis du wieder raus kommst." Einen Strafantrag hat er übrigens nie gestellt.

Die Angeklagte war 1997 nach einer abgebrochenen Lehre als Verkäuferin "in die Prostitution gerutscht", wie sie in der Hauptverhandlung schilderte. Stationen waren unter anderem Berlin, Potsdam und Karlsruhe. Nach dem Umzug nach Rosenheim vor knapp einem Jahr arbeitete sie auch in der Innstadt zeitweise in einem Bordell.

Ihr Freund war nicht aus dem Milieu, hatte große Alkoholprobleme. Der 41-Jährige forderte von der Freundin, die Prostitution aufzugeben. Die Beziehung verschlechterte sich immer mehr. Beschimpfungen und Tätlichkeiten waren an der Tagesordnung, wenn der Mann unter Alkohol stand. An Weihnachten gab die 31-Jährige dem Lebensgefährten den Laufpass, kurz vor der Tat hatte sie wieder Kontakt zum Ex-Freund.

Staatsanwalt Bernd Magiera plädierte gestern im Sinn der Anklage auf versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Drei Jahre und acht Monate Haft seien angemessen. Der Staatsanwalt hielt der Frau zugute, der Totschlag sei im Versuchsstadium stecken geblieben. Außerdem sei sie nach Worten der psychiatrischen Gutachterin erheblich vermindert schuldfähig gewesen - wegen des Alkohols, wegen einer affektiven Erregung sowie wegen einer Persönlichkeitsstörung mit manischdepressiven Zügen.

Verteidiger Thomas Blume aus Rosenheim sah lediglich eine gefährliche Körperverletzung erfüllt. Seiner Mandantin sei es nur darum gegangen, dass "der Geschädigte seine Beleidigungen nicht fortsetzt": "Sie wollte ihn nicht töten, sondern ihn zum Schweigen bringen und ihm einen Denkzettel versetzen." Der Rechtsanwalt forderte eine Freiheitsstrafe, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden könne, und Aufhebung des Haftbefehls. Die halbjährige Untersuchungshaft sei eine schlimme, aber prägende Erfahrung für die Frau gewesen.

Das Schwurgericht erkannte zwar nicht auf einen direkten, aber auf einen bedingten Tötungsvorsatz. Die Angeklagte habe den Tod des Ex-Freundes billigend in Kauf genommen. Vorsitzender Richter Niedermeier: "Ihr muss klar gewesen sein, dass ein derartiger Messerstich tödlich ausgehen kann."

Grundlage der Verurteilung wegen versuchten Totschlags seien die Angaben der Angeklagten in dem Prozess gewesen und die Aussagen des Opfers vor der Polizei.

Nicht berücksichtigt habe man äußerungen der 31-Jährigen unmittelbar nach der Tat. Die Frau hatte zu einer Kripobeamtin gesagt: "Verrecken hätte er sollen. Richtig hätte ich es machen sollen." Diese Worte habe man nicht auf die Goldwaage gelegt, so Niedermeier.

kd/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © dpa

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