Pressemitteilung Q3.Quartier für Medien.Bildung.Abenteuer gGmbH

Wir brauchen digitale Empathie!

Traunreut - Jeder nutzt digitale Medien, geht aber oft zu unbedacht damit um. Traunreuts Bürgermeister Klaus Ritter eröffnete die Auftaktveranstaltung der Chiemgauer Medienwochen 2019 im k1 und brachte es gleich auf den Punkt:

Jeder trägt Verantwortung. "Mit den Medienwochen erhalten die Bürger Unterstützung bei der Kommunikation mit digitalen Medien. Entscheiden müssen Sie aber selbst - bei jedem Tastendruck." Digitale Bildung und das entsprechende Knowhow sieht Landrat Siegfried Walch als Schlüsselfaktoren für die Region - für die gesamte Gesellschaft. "Deshalb ist es wichtig, dass Menschen kompetent, kritisch, kreativ und konstruktiv damit umgehen. Das schließt lebenslanges Lernen mit ein", so der Landrat. Mit den Chiemgauer Medienwochen 2019 versuche man alle Generationen anzusprechen. In den kommenden vier Wochen gibt es Vorträge, Workshops und Diskussionsrunden rund um den Umgang mit Medien - insbesondere mit digitalen - ausgelegt auf Teilnehmer vom Kindergartenkind bis zum Senioren.

Mit der Veranstaltungsreihe liefert der Landkreis ein Paradebeispiel, die Medienkompetenz seiner Bewohner zu verbessern.Jeder solle sich der Kommunikationsmöglichkeiten bewusst sein, die uns die Digitalisierung eröffnet, und damit umgehen können. Siegfried Walch selbst machte jüngst während des Katastrophenfall von sich reden, indem er mit Hilfe von Facebook Videos live aus dem Landratsamt über den aktuellen Stand informierte. "Die Quantität der Medien hat sich definitiv erhöht. Es gibt aber auch mehr Möglichkeiten der Falschinformation."

Richard Gutjahr: "Die Technik kann sich auch gegen uns wenden" 

Genau da knüpfte Richard Gutjahr an. Sein Hauptreferat zielte auf die Schattenseiten der Digitalisierung ab. Der preisgekrönte Journalist weiß sich sämtliche Kanäle zu Nutze zu machen, ist Moderator bei den öffentlich rechtlichen Sendern, schreibt für renommierte Tageszeitungen und bloggt - vorzugsweise zum Thema Digitalisierung. Aktuell folgen ihm 170.000 User auf Twitter."Wir erleben momentan eine kolossale Verschiebung der tektonischen Platten", so Gutjahr, der direkt von der Digitalkonferenz SXSW in Texas eingeflogen kam. "Ich habe dort die Chefs von Twitter, Google und Facebook getroffen und große Fragenzeichen in deren Gesichtern gesehen. Sie sind angetreten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Heute wissen wir, dass nicht alles so glatt gelaufen ist." Sie sehen sich dem "Techlash" ausgesetzt: Als Gegenreaktion auf die Technologie hat sich Unbehagen über die sozialen Folgen der Smartphone-Dauernutzung, dem ruppigen Ton im Netz und die Furch vor Zukunftstechnologien breit gemacht.

"Die Technik kann sich auch gegen uns wenden." Computer sind fähig, Gesichter zu erschaffen. Computer können Barack Obama Dinge sagen lassen, die er niemals sagen würde. Computer richten eigenständige Profile ein. "Wir werden manipuliert, ohne dass es uns klar ist", so Richard Gutjahr.

Zwar könne man dank Facebook, Twitter und Co. schnell und direkt mit den Menschen Kontakt aufnehmen, sie aber auch gezielt falsch informieren.

Während der Präsidentschaftskandidatendebatte zwischen Clinton und Trump ist einer von vier Tweets nachweislich von einem Bot geschrieben worden. Also einer Maschine, von Menschen programmiert - auch in anderen Ländern.

"In solchen Trollfabriken sitzen Menschen, die nichts anderes tun, als Geschichten zu erfinden.

Denen geht es rein darum, die Demokratie auszuhebeln." Wie einfach sich ganze Twitter-Armeen erschaffen lassen, zeigte Gutjahr anhand einer Internetseite. Eine Meldung entsprechend zu pushen, wird damit zum Kinderspiel.

Wie schnell sich Informationen digital verbreiten, zeigt das Attentat von Neuseeland vorige Woche: Der Täter hatte seine Tat im Internet übertragen. Obwohl es nur 200 Leute live verfolgten, erreichte es Millionen. "Die Leute bei Facebook und Youtube kamen gar nicht so schnell mit löschen hinterher, wie es wieder hochgeladen wurde", erzählt Gutjahr. 1,5 Millionen Videos habe allein Facebook innerhalb von 24 Stunden nach der Tat gelöscht.

Hass verbreitet sich in der verunsicherten Gesellschaft rasend schnell Allerdings beginnt jetzt erst das richtige Martyrium. Opferfamilien sehen sich nach Terroranschlägen und Amokläufen einer gezielten Diffamierung, Bloßstellung und Wahrheitsverdrehung ausgesetzt. "Menschen denken sich Schmutzgeschichten aus, gefälschte Beweise, Regierungsverschwörungen. Sie trampeln auf den Opfern herum, die sich in der schwärzesten Stunde ihres Lebens nicht gegen Trolle im Internet wehren können", so der Journalist. Niemand könnte es besser beschreiben als er: Schließlich war Richard Gutjahr selbst Zielscheibe massiver Anfeindungen im Internet, nachdem er vor drei Jahren während eines Familienurlaubs in Nizza Zeuge wurde, als ein Attentäter mit einem LKW in eine Menschenmenge raste. "Ich bin Journalist, ich habe für den Bayerischen Rundfunk berichtet und das Ganze gefilmt." Kurze Zeit später begann ein Welle der Falschmeldungen, Posts und Videos, die ihn und seine Familie als Lügner, Mittäter und Schuldige dargestellten. "Die Aussage der Pressesprecher von Youtube war: Sie können da nichts machen. Das sei alles durch die Meinungsfreiheit gedeckelt."

Ein Beleg dafür, dass sich die Kommunikation im Chaos befindet. Gutjahr wählt deutliche Worte, spricht von einem Informationskrieg. Den digitalen Informationsfluss stellte er mit einer wirren Abbildung dar, das an neuronale Netze eines Gehirns erinnert. "Und da sitzt gerade ein Tumor, der sich mit einer rasenden Geschwindigkeit verbreitet." Während Alt-Kanzler Schröder einst aussprach, er brauche zur Information Bild, Bams, braucht US-Präsident Trump nur noch Twitter.

"Er kommuniziert an den Fakten-Checkern vorbei und hat damit auch noch Erfolg."

Noch schlimmer: Auf diese Weise verbreite sich Hass in der Gesellschaft. Auch in Deutschland gebe es eine Partei, die das Netz teilweise sehr viel besser verstanden hat, als renommierte Medien:

"Sie verbreiten ihren Müll und treffen auf eine Gesellschaft, die zutiefst verunsichert ist.

Irgendwann reicht der Bildschirmhass nicht mehr dann wundern sich plötzlich Politiker und Polizei, wo in Chemnitz auf einmal 6000 Neonazis herkommen."

Lichtblick: Smartphone-Schulung für Senioren 

Richard Gutjahr sieht aber einen Ausweg: Er nennt ihn digitale Empathie. Jeder müsse andere im Netz so behandeln, wie er auch selbst behandelt werden möchte. Vielmehr müsse man aber die Technik begreifen, wie Informationen fließen."Wir müssen kapieren, was das Netzwerk aus Einzelmeinungen macht. Keiner wollte, dass ein Brexit oder ein Trump am Ende rauskommt. Alle sagen ja, und am Ende kommt nein raus. Irgendetwas passiert von A nach B und das kapieren wir nicht. Nicht mal die Erfinder von Facebook und Twitter kapieren das. Mark Zuckerberg erkennt selbst gerade erst, was für ein Monster er geschaffen hat."

Den Anwesenden im Saal machte er am Ende seine Vortrags Hoffnung: Jede einzelne Person in jedem Alter müsse aktiv werden.

"Das ist nicht eine Sache der Millenials, das ist eine Gemeinschaftsanstrengung von uns allen.

Im Internet sind mehr über 60-Jährige unterwegs als unter 20-Jährige. Wir sind alle Teil des Problems und hoffentlich auch Teil der Lösung." Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sich mit dem kommenden 5G-Standart richtige wie falsche Informationen, zehnmal schneller verbreiten.

"Mein Appell kommt aus tiefsten Herzen: Überlassen Sie das Netz nicht den Idioten.

Die klugen und interessierten Menschen müssen das Netz bevölkern." Dazu zeigte Gutjahr Fotos, die er in einem Apple-Store in den USA schoss: Es zeigt Senioren beim Einführungskurs für das neue iPhone. Demzufolge gehen die Organisatoren und Kooperationspartner der Chiemgauer Medienwochen 2019 den richtigen Weg: Am kommenden Dienstag, 26. März, findet von 13.30 bis 17 Uhr eine Smartphone Basisschulung für Späteinsteiger statt. Die Teilnehmer lernen, wie sie ihr Smartphone sicher und einfach bedienen können, wie sie Kontakte erstellen und Apps installieren und wie sie ihr Smartphone gegen Viren und Fremdzugriff schützen. Der Kurs findet ein weiteres Mal am 16. April statt. Anmelden können sich Interessierte beim MediaMarkt in Traunstein oder Traunreut, die Teilnahme kostet 20 Euro. Das gesamte Programm der Chiemgauer Medienwochen ist unter

www.chiemgauer-medienwochen.de

einsehbar. 

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