Riskante Inszenierung ist geglückt

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von links nach rechts: Hannah Hächer, Jessica Hagler (beide Karoline), Jonas Trautner (Schürzinger), Florian Schweiger (Kasimir), Leon Buchwald (Merkl Franz), Moritz Kecht (Lilliputaner), Lukas Harkotte (Ausrufer), Hannah Eder (Juanita)

Traunstein - Das Mittelstufentheater des Chiemgau-Gymnasiums hat das Werk "Kasimir und Karoline" vorgeführt. Das Publikum war begeistert.

Wir sehen, wie die Lichter ausgehen – wir hören nichts mehr, dann plötzlich ein Geräusch. Langsam wird es wieder heller und wir befinden uns auf dem Münchener Oktoberfest. Wir sind mittendrin,  wenn auch etwas abseits des Hauptrummels. Dort lernen wir Kasimir kennen, einen jungen Mann, der von sich selbst sagt: „Ein jeder intelligenter Mensch ist ein Pessimist“. Kasimir begleitet eigentlich nur seine Verlobte Karoline. Jene aber bringt ihn, der erst kürzlich seinen Job verloren hat, mit ihrer heiteren und weltoffenen Art Kasimir, derart in Rage, dass eine Trennung im Raum steht. Karoline entfernt sich daraufhin von Kasimir, um sich auf eigene Faust zu amüsieren. Und schon bald, als sie sich ein Eis kaufen will, lernt sie den Zuschneider Schürzinger kennen.

Immer wieder folgen Pausen, in denen es dunkel wird und Musik die jeweilige Szene abrundet, schließlich besteht die Vorlage aus 117 aneinandergereihten Szenen. Wieder wird es heller und wir sehen, wie Karoline, die ganz alleine am Eisstand steht, von Schürzinger bezirzt wird. Doch als sein Chef mit einem Freund auftaucht, bleibt Schürzinger im Hintergrund, da er um seinen Job fürchtet. Unter den leeren Blicken Kasimirs lässt sich Karoline von den zwei Herrschaften abschleppen. Das ist der Beginn des Regens in diesem Drama um Liebe und soziale Gegensätze, der die Ausweglosigkeit der Figuren, aber auch deren Gier nach Leben offenbart. Am Ende ist nichts wie es war und dennoch alles beim Alten. Die Zuschauer klatschen kräftig Applaus, bald schon hören wir nichts mehr, die Leute verlassen das Gebäude. Die Lichter gehen aus und wir – ja, wir waren mittendrin!

Mit dem Theaterstück Kasimir und Karoline von Ödön von Horvath hat das Mittelstufentheater des Chiemgau-Gymnasiums Großes auf die Beine gestellt. Das zeitlose Thema lockte an den beiden letzten Schultagen vor Pfingsten mehrere Hundert Besucher in die alte Aula des ChG. Jene sahen ein hervorragend gespieltes Stück über Liebe, Geld, Hoffnung auf sozialen Aufstieg und die Angst vor dem Absturz – was wäre gerade in unserer Zeit aktueller?

Was die 14- bis 17-Jährigen dem Publikum da zumuteten, war schon harter Tobak – vor allem deshalb, weil sie die seelischen Krüppel derart authentisch verkörperten, dass Gänsehaut unvermeidlich war. Beispielhaft für die innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit der Figuren stand Karoline gleich doppelt auf der Bühne, als Ja und Nein als     Engelchen und Teufelchen, als Nymphomanin und Heimchen, als bipolar Gestörte, als perspektivlos Hoffende, ein Kunstgriff des Regisseurs.

Der Leistung der beiden Darstellerinnen der Karoline Hannah Hächer und Jessica Hagler gebührt höchster Respekt. Ebenso überzeugend verkörperte Florian Schweiger den sich treiben lassenden Getriebenen Kasimir, wie auch insgesamt die Professionalität der Truppe beeindruckte, alle 13 Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich in vielen Szenen gleichzeitig und dabei stets koordiniert auf der Bühne bewegten oder erstarrten, waren ausnahmslos in jedem Moment in ihrer Rolle.

Richard Steiger hat mit der Auswahl des anspruchsvollen Stücks viel riskiert – und viel gewonnen, vor allem aufgrund seiner geschickten Besetzung der Rollen und seiner kreativen Regie auf der Höhe der Zeit.

Pressemitteilung Chiemgau-Gymnasium Traunstein

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