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Bewährungshilfe Traunstein zu Problemen von Ex-Gefangenen

Aus der Haft zurück in Freiheit - und dann?: „Das erste halbe Jahr ist entscheidend“

Justizvollzugsanstalt JVA Gefängnis Traunstein
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Die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Traunstein: Wer aus dem Gefängnis kommt, hat es in aller Regel mit der Bewährungshilfe zu tun. Wir haben ihre Arbeit beleuchtet.
  • Xaver Eichstädter
    VonXaver Eichstädter
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Nach jahrelanger Haft wieder den ersten Schritt in die Freiheit gehen und das Leben neu beginnen - für fast jeden von uns kaum vorstellbar. Wir haben mit der Traunsteiner Bewährungshilfe darüber gesprochen, vor welchen Problemen ehemalige Häftlinge in dieser Situation oft stehen, welche Gefahren lauern und welche Ex-Gefangenen es am schwierigsten haben.

Traunstein - Barbara Häupler weiß, wovon sie spricht. 87 „Probanden“, wie es heißt, betreut die Bewährungshelferin. „Da ist alles dabei. Jemand, der wegen zwei Gramm Marihuana unter Bewährung steht, genauso wie ein Mörder, der nach seiner Haftstrafe wieder aus dem Gefängnis kommt.“ Mit der Entlassung aus der Haft geht die Zuständigkeit von der JVA auf die Bewährungshilfe über. Dann sind es die acht Mitarbeiter der Traunsteiner Bewährungshilfe, die die Ex-Häftlinge in ihrem „neuen Leben“ begleiten.

Frisch aus der Haft entlassen am freien Wohnungsmarkt quasi chancenlos

Doch ob die Männer - denn „Straffälligkeit ist überwiegend männlich“, so Häupler - wegen kleiner Rauschgiftdelikte oder Kapitalverbrechen einsaßen: die Herausforderungen nach dem Gefängnis ähneln sich bei allen. Wohnung, Arbeit bzw. Sozialleistungen sowie eine Krankenversicherung, darum dreht es sich in erster Linie. „Und bei Drogensüchtigen natürlich die Frage, an einen Substitutionsarzt zu kommen“, so Häuplers Kollegin Angela Weidlich beim Treffen von chiemgau24.de mit den Bewährungshelferinnen.

„Wenn im Führungszeugnis etwas von ‚Haft‘ steht, hat man am freien Wohnungsmarkt praktisch keine Chance“, so Häupler. Und oft gelte: Ohne Wohnung keine Arbeit - um umgekehrt. Die meisten Ex-Gefangenen hätten die zwar die Möglichkeit, bei Freunden, Partnerin oder Eltern unterzukommen, aber nicht alle. „Dann ist die erste Anlaufstelle ein Männerheim oder eine Obdachlosenunterkunft“, ergänzt Weidlich. Die Kommunen seien zwar verpflichtet, Obdachlose unterzubringen, trotzdem sei dies „oft ein Kampf“ - zur Not springen manchmal auch die Kirchen ein. Die Bewährungshelferinnen wissen aber auch: Wer vor der Haft zuverlässig gearbeitet hat, wird oft danach wieder vom Arbeitgeber genommen. „Ansonsten sind die Zeitarbeitsfirmen die ersten Anlaufstellen.“

„Schulden nach der JVA sind der Normalfall“

Einmal im Monat haben die Bewährungshelferinnen in der Regel Kontakt zu ihren Probanden. „Wir versuchen eine Arbeitsbeziehung aufzubauen“, so Angela Weidlich. Dann geht es darum, wie es mit Sozialstunden, Jobsuche oder der Sucht läuft, ob es Probleme mit Behörden oder der Partnerin gibt - „irgendwas ist immer“, so die Bewährungshelferinnen. Helfen, betreuen, überwachen, so laute ihr gesetzlicher Auftrag. Zwei bis drei Jahre Bewährungszeit erlegt das Gericht meistens auf. Ein weiteres Problem für viele Ex-Häftlinge: ein großer Schuldenberg wegen der Gerichtskosten. „Allein durch Gutachter kommen schnell mal 4000 oder 5000 Euro zusammen“, so Bewährungshelferin Barbara Häupler: „Schulden nach der JVA sind der Normalfall.“

Angela Weidlich und Barbara Häupler wünschen sich aber auch von der Gesellschaft einen anderen Umgang mit ihrem Klientel. „Die Gesellschaft will mit diesen Leuten nichts zu tun haben“, ist sich Weidlich sicher. Vielen sei es egal, was mit jenen Menschen passiere - man interessiere sich nur für die Tatsache, dass ein Gerichtsurteil gegen sie gesprochen wurde. „Aber die Personen sind ja nicht nur Straftäter, sondern haben auch noch andere Rollen in der Gesellschaft“, so Häupler. Man müsse sich auch bewusst sein, dass sich die Bewährungshilfe nicht nur um die früheren Gefangenen kümmere, sondern eigentlich auch Opferschutz betreibe - „schließlich wollen wir künftige Straftaten verhindern“.

Bewährungshelferin: „Unsere Probanden wollen einfach nur ein stinknormales Leben“

Wann hat die Bewährung Erfolg? Die beiden Frauen sprechen von einem „langen Prozess“, schon kleinere Schritte seien positiv: „Wenn jemand nur noch kifft, aber kein Heroin mehr nimmt. Oder wenn jemand zwar noch trinkt, aber zumindest wieder arbeiten kann.“ Es sind die Abstinenz-Auflagen, gegen die am häufigsten verstoßen würde. Und Probanden, mit denen Häupler und Weidlich immer wieder von neuem zu tun hätten, seien auch fast immer Drogensüchtige. „Das erste halbe Jahr in der Bewährung ist entscheidend, ob jemand rückfällig wird“, so Barbara Häupler - und ihre Kollegin Angela Weidlich stellt abschließend fest: „Eine Wohnung, eine Arbeit, eine Freundin - unsere Probanden wollen einfach nur ein stinknormales Leben.“

xe

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