Der Landrat im großen Interview mit chiemgau24.de

Herr Walch, hat Traunstein seine Infektionen noch im Griff und was könnte uns blühen?

Traunsteins Landrat Siegfried Walch hält angesichts der hohen Infektionszahlen einen Lockdown wie im Frühjahr für möglich.
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„Alles, was wir heuer schon an Maßnahmen erlebt haben, liegt auf dem Tisch - es ist nichts ausgeschlossen.“ Traunsteins Landrat Siegfried Walch hält angesichts der hohen Infektionszahlen einen Lockdown wie im Frühjahr für möglich.

Traunstein - Ein Inzidenzwert von über 400 ist bayerischer Rekord - welche Schlüsse zieht Siegfried Walch daraus? Droht ein Landkreis-Lockdown? Sinkt das Verständnis der Bevölkerung für die Maßnahmen und kann die Grenze zu Österreich offen gehalten werden? Wir haben den Landrat zum Interview getroffen.

Herr Landrat Walch, hat der Landkreis Traunstein das Corona-Infektionsgeschehen noch im Griff?
Es tritt ein, was wir erwartet haben: Die Nachbarschaft zu Hotspot-Regionen geht nicht spurlos an uns vorbei. Die Infektion von heute ist die Ansteckung von vor 14 Tagen - und die Leute bewegen sich ja zwischen den Regionen. Als im Berchtesgadener Land der Lockdown kam, lagen wir noch bei einer Inzidenz von unter 35. Es war logisch, dass die Welle kommt. Und die Maßnahmen des Freistaates laufen erst seit zehn Tagen. Die Bremse ist drin, aber der Tanker fährt noch weiter. Aber wenn sich die Dynamik in der nächsten Woche nicht absenkt, muss es weitergehende Maßnahmen geben.
Steht ein eigener Lockdown für den Landkreis Traunstein zur Debatte, falls sich die Lage nicht stabilisiert? Ähnlich wie im Oktober im Berchtesgadener Land?
Wir werden nicht einfach zuschauen. Aber wenn man keinen Effekt sieht, dann bleibt uns keine andere Möglichkeit, als weiter einzuschränken. Ob es ein gleicher Lockdown würde wie im Berchtesgadener Land oder mit anderen Schwerpunkten, das müsste man sich dann anschauen. Aber klar ist: Wenn die Maßnahmen des Freistaats keine Wirkung zeigen, müssen wir tiefer hineinfassen.
An welchen Stellschrauben könnte der Landkreis künftig noch drehen?
Alles, was wir heuer schon erlebt haben, liegt auf dem Tisch - bayernweit oder landkreisweit. Es ist nichts ausgeschlossen von all dem, was wir schon erlebt haben. Im Moment liegt der Landkreis Traunstein mit seiner Inzidenz am höchsten, aber noch vor drei Tagen waren wir auf dem jetzigen Niveau von Rosenheim. Die Dynamik ist ja überall die gleiche.
Kann man bei der derzeitigen Lage noch Infektionsherde ausmachen oder kann man eigentlich nur noch zuschauen?
Noch im Oktober gab es einzelne, konkrete Ausbruchsgeschehen, zum Beispiel in einem Asylbewerberheim. Da konnten wir noch spezifische Maßnahmen anwenden. Aber jetzt haben wir wieder ein flächendeckendes Infektionsgeschehen. Man kann es nicht mehr eingrenzen. Jetzt ist es wichtig, dass jeder für sich Kontakte reduziert, auch wenn jemand meint, er hat das Virus nicht. Während der ersten Welle hatte jeder Infizierte zu vier bis fünf Personen Kontakt. Über den Sommer hat sich eine gewisse Lockerheit entwickelt. Im Spätherbst, vor den Maßnahmen, lag die Zahl der Kontaktpersonen dann bei jeweils 40 bis 50. Das hat uns alarmiert. Seit zehn Tagen sehen wir aber, dass die Leute ihre Kontakte wieder reduzieren. Bis sich das in den Zahlen niederschlägt, dauert es aber einige Tage.
Sinkt in der Bevölkerung das Verständnis für die Maßnahmen?
An unserem Bürgertelefon haben wir über 1000 Anrufe pro Tag. Wir spüren die Stimmungslage sehr genau. Noch letzte Woche war das Verständnis für die Maßnahmen gering. Vor zwei Wochen wurde noch über die Maske für Grundschüler geredet, ein großer Aufreger. Heute versteht die Masse, dass wir längst über anderes diskutieren. Nämlich dass wir zittern, ob die Schulen überhaupt noch offen bleiben können. Seit den hohen Inzidenzzahlen nehmen die Leute das Thema wieder mehr ernst. Das zeigt auch die gesunkene Anzahl an Kontakten bei der Nachverfolgung.
Personen testen, die keine Symptome zeigen - ist diese Strategie noch richtig?
Ich meine: ja. Wir haben schon immer viel getestet, momentan rund 1000 Personen täglich. Wir wollen wach und mit hellem Blick in die Lage gehen. Es nützt nichts, eine Infektion zu übersehen. Sie würde sich sonst zwar nicht in den Zahlen widerspiegeln, aber man könnte dann auch nicht drauf reagieren. Durch die vielen Tests haben wir ein realistisches Bild. Je weniger getestet wird, umso unschärfer wird der Blick und umso schlechter kann man reagieren.
Sollte man die Inzidenz noch immer als wichtigste Kennzahl nehmen, wo momentan so viel getestet wird?
Natürlich sollte man mehr anschauen als nur eine Zahl. Aber die Testungen sind schon seit Sommer auf konstant hohem Niveau. Die Aussagekraft der Inzidenzzahl ist also da, sie ist zentral. Und durchs viele Testen gibt es keine verdeckten Infektionsherde. Man findet die Infizierten und umso schneller können die Zahlen dann auch wieder sinken.
Wie sehr hat der Landkreis die Ausforschung von Kontaktpersonen verstärkt?
Im Gesundheitsamt arbeiten momentan fast 150 Leute, normalerweise sind es 30. Aus allen Bereichen des Landratsamtes wurde Personal dort rübergezogen. Es wird ständig aufgestockt, mittlerweile wird an sieben Tagen in der Woche im Schichtbetrieb gearbeitet. Am vergangenen Wochenende konnten fast 50 Prozent der Infizierten durch die Kontaktpersonen-Nachverfolgung gefunden werden.
War die Entscheidung, bis Anfang Dezember großteils auf Home-Schooling umzustellen, eine freiwillige des Landkreises oder passierte das auf Anraten des Gesundheitsministeriums?
Miteinander abgestimmt sind solche Maßnahmen immer, aber entschieden wurde es von uns. Aus unserer Sicht ist das jetzt der richtige Schritt. Wir müssen die Kontakte auch bei den Schülern reduzieren.
Gibt es von Ihnen ein klares Statement, dass die Grenze zu Österreich - zumindest wie in der jetzigen Form - offen bleiben soll?
Der Grenzverkehr ist wichtig und wir hängen stark davon ab, aber: Wir müssen das ganz rational anschauen und wenn eine Grenzschließung sinnvoll würde, dann kann es sein, dass man den Weg gehen muss. Das hat uns in der ersten Welle schon weh getan, aber es ist jetzt einfach notwendig, dass Kontakte reduziert werden. Wenn die Maßnahmen des Freistaats greifen, dann muss es nicht sein. Aber momentan muss man klipp und klar sagen, dass man keine Maßnahme ausschließen kann.
Vielen Dank für das Gespräch.

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