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Wie lassen sich die Traunsteiner beerdigen?

Hinter den Kulissen des Waldfriedhofes: Pietätvoll, fundiert und mit einer Prise Humor

Die Angestellten des städtischen Waldfriedhofes Traunstein. Von links: Jakob Steiner, zuständig für den Außenbereich und Stellvertretender Leiter; Andreas Schlachta und Hugo Grill, zuständig für den gärtnerischen Unterhalt; Martin Schmitz, Leiter der Friedhofsverwaltung
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Die Angestellten des städtischen Waldfriedhofes Traunstein. Von links: Jakob Steiner, zuständig für den Außenbereich und stellvertretender Leiter; Andreas Schlachta und Hugo Grill, zuständig für den gärtnerischen Unterhalt; Martin Schmitz, Leiter der Friedhofsverwaltung.

„Die großen Herausforderungen liegen eigentlich bei den unerwarteten Todesfällen, sprich: Unfall, Suizid, Kindstod.“ Im Gespräch mit dem Friedhofsverwalter Martin Schmitz wird schnell klar – sein Job verlang viel Feingespür. Es geht um viel mehr als nur um die Verstorbenen:

Traunstein – Über das Thema Tod reden die wenigsten gerne. Es ist eine Tatsache, die auf uns alle zukommt und dennoch: Wer macht sich denn schon in jungen Jahren Gedanken über mögliche Bestattungsarten? Und davon gibt es mittlerweile eine Menge – auch auf dem Waldfriedhof in Traunstein. Soll es eher ein klassisches Grab sein oder doch das naturnahe Gemeinschaftsgrab? Und ist es nicht irgendwie egal, was mit meinen Überresten passiert, wenn ich nicht mehr da bin?

Antworten hat Martin Schmitz. Pietätvoll, fundiert und doch mit einem Quäntchen Humor an der richtigen Stelle – so wirkt der Friedhofsverwalter im Interview. Er arbeitet seit 2009 für die Stadt Traunstein. Zusammen mit drei fest angestellten Mitarbeitern kümmert er sich seither um alle Belange des Friedhofs.

Am Waldfriedhof in Traunstein herrscht eine ganz besondere Atmosphäre und er gilt als einer der schönsten in der Region.

Friedhof mit Atmosphäre

Zwischen der Wasserburger Straße und dem Stadtwald in Traunstein hat der Friedhof seinen Platz auf über 70.000 Quadratmetern Fläche. Wer ihn schon mal besucht hat, weiß: Der Geruch nach Wald, das Rascheln der Blätter in der Stille, die teils imposanten alten Gräber – es herrscht eine besondere Atmosphäre auf dem Waldfriedhof. Erbaut wurde er zwischen 1906 und 1908 und umfasst derzeit ungefähr 4.300 Gräber – Tendenz sinkend. Das ist ein Problem

„Finanzielles Problem“ für jede Kommune

Immer mehr Menschen geben ihre Familiengräber auf. Die Frage, warum das so sei beantwortet Martin Schmitz mit einer Gegenfrage: „Haben sie noch das Grab ihrer Urgroßeltern?“ Und das Schweigen reicht als Antwort. Es gibt unterschiedlichste Gründe erklärt er weiter. Ein klassisches Familiengrab kostet viel Geld. Zunächst sind da die anfänglichen Kosten für die Trauerfeier, den Grabstein und das Öffnen und Schließen des Grabes. Aber auch bei bestehenden Gräbern gibt es laufende Kosten. Selbst wenn Kinder vorhanden sind, haben diese, so Schmitz, oft schlichtweg keine Zeit, sich um die Grabpflege zu kümmern oder wohnen zu weit entfernt. Die Einnahmen der Grabgebühren fehlen: „In der Regel ist dadurch ein Friedhof für jede Kommune ein finanzielles Problem, auch wir haben hier ein Defizit.“

Die Arkadengräber am Waldfriedhof Traunstein zeugen von einer Zeit, als die letzte Ruhestätte auch noch als Statussymbol galt.

Der Trend geht zur Feuerbestattung

Es drängt sich die Frage auf, was dann mit den Verstorbenen der letzten Jahre passiert ist. Denn eigentlich müssten ja neue Gräber dazu kommen. Zumal es in Deutschland per Gesetz einen Friedhofszwang gibt: Das Verbot, die physischen Überreste eines Toten an einem anderen als zu diesem Zwecke gewidmeten Ort, dem Friedhof, aufzubewahren. Der Trend gehe weg von der klassischen Erdbestattung mit großem Familiengrab, erklärt Martin Schmitz. In Traunstein wählen derzeit nur noch 18 Prozent diese herkömmliche und traditionelle Art der Bestattung. 82 Prozent haben sich für eine Feuerbestattung entschieden.

Für mich heißt das Feuerbestattung, und nicht, ich lass mich verbrennen, das ist pietätlos.“ Das sei ihm wichtig betont Martin Schmitz, und es gefalle ihm nicht, wenn Leute das so lapidar formulieren. Hat man sich für eine solche Einäscherung entschieden, dann könne man danach aus einer Vielzahl an Bestattungsarten wählen, erklärt er weiter. Und da die meisten günstiger sind als die klassische Variante der Erdbestattung, fehle es dann entsprechend an Einnahmen für den Friedhof.

kleineres Grab - weniger Arbeit

Die Urne kann nach wie vor im klassischen Familiengrab beigesetzt werden. Darüber hinaus gibt es am Traunsteiner Waldfriedhof aber auch die Möglichkeit, sich für ein kleines Urnengrab zu entscheiden: Da können sie sagen, ich nehme lieber ein kleines Urnengrab, da kommt ein Stein oder eine Platte drauf, da hab ich nur eine kleine Fläche zu bepflanzen.“ Und es sei auch kostengünstiger.

Urnengräber am Waldfriedhof Traunstein. Wie ein klassisches Grab, nur kleiner und dadurch weniger Pflegeaufwand.

Bei einem Mauergrab sind die Gebühren etwas teurer, dafür hat man keinen Aufwand, was die Grabpflege angeht. Die Urne des Verstorbenen findet Platz in einer Mauer mit kleinen Nischen. Sie verschwindet hinter einer Steinplatte, davor ist Platz für Erinnerung in Form von Blumen oder Bildern. Einige wählen auch die Krypta als letzte Ruhestätte.

Beim sogenannten Mauergrab spart man sich die Begrünung in Gänze, kann aber trotzdem Blumen oder Engel beim Verstorbenen ablegen.

Die Alternative “Gemeinschaftsgrab“?

Eine, in letzter Zeit sehr beliebte Variante ist die Möglichkeit eines Gemeinschaftsgrabes. Am Traunsteiner Friedhof gibt es zwei Varianten: Zum einen das Gärtner gepflegte Gemeinschaftsgrab. Hier wird die Urne an, durch ein Koordinatennetz vordefinierter Stelle beigesetzt und wenn gewünscht, der Name des Verstorbenen auf dem großen Grabstein verewigt. Zum anderen das naturnahe Gemeinschaftsgrab. Zwischen Büschen und Bäumen findet der Verstorbene hier seine letzte Ruhe. Kein Grabstein, keine Kerzen, keine Blumen - naturnah eben.

Das Gärtner gepflegte Urnengemeinschaftsgrab. Eine Möglichkeit, die Grabpflege nicht selbst gestalten zu müssen und trotzdem einen Ort der Erinnerung zu haben (vorne rechts).

Einen Ort der Trauerbewältigung schaffen

Der Rundgang über den Friedhof zeigt – das mit dem naturnahen Bereich klappt nicht immer so gut. Denn – Kerzen und Blumen schmücken Teilbereiche des Gemeinschaftsgrabes – entgegen der vorher mit dem Verstorben oder den Angehörigen vereinbarten Regeln in diesem Bereich. Das spiegele ein generelles Problem wieder und Martin Schmitz erklärt das am Beispiel eines Ehepaares, wie er es schon oft in seinem Berufsalltag erlebt hat: Der Ehemann stirbt zuerst und hat verfügt, dass er in einem Gemeinschaftsgrab beerdigt werden will, weil es ihm egal ist, was nach dem Tod mit ihm passiert: „Was gern übersehen wird, dass die Frau, wenn die Beerdigung war, nicht weiß wo sie danach hingehen soll, weil sie kein Grab hat. Sie kann die Trauerbewältigung nicht durchführen“

Auf dem Areal des naturnahen Gemeinschaftsgrabes sollten eigentlich keine Blumen und Kerzen abgelegt werden. Oft fehlen den Angehörigen dann doch konkrete Orte der Erinnerung und Trauer.

„Unser Traunsteiner Waldfriedhof lebt“

Man müsse sich überlegen, was der Sinn und Zweck eines Friedhofes ist. Für Martin Schmitz ganz klar: „Ein Friedhof ist auch ein Ort, wo man zu seinen verstorbenen Angehörigen hingehen kann. Sie haben zum Beispiel eine Situation im Leben, da läuft es nicht so richtig, und dann kann man da hingehen und sich ausheulen.“ Und auch deshalb sieht er zwar Verstöße gegen die Friedhofssatzung nicht gern aber : „Unser Traunsteiner Waldfriedhof lebt wenigstens und das ist auch gut so.“

Zwischen Trost und Gebührenbescheid

Es gäbe Tage, da falle es ihm schwer, die Arbeit beim Abschließen der Friedhofstore drinnen zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen. Er sei zwar kein Seelsorger und bei aller Trauer gäbe es eben auch Gebührenbescheide und Rechnungen aber  „wer sagt es geht voll an ihm vorbei, da weiß ich dann nicht, ob der seinen Job ernst nimmt. Für mich ist das keine Maschinerie. Aber man muss schon Grenzen ziehen oder es zumindest versuchen.“

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