Traunreuter Ferdinand F. wegen Doppelmord in Bar angeklagt

Video vor Gericht zeigt den Horror nach den Schüssen

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Traunreut/Traunstein - Zwei Kneipengäste wurden im September 2017 in Traunreut erschossen - am Vormittag hat der Prozess gegen Ferdinand F. begonnen. Zunächst verlas der Staatsanwalt die Anklageschrift:

Das Wichtigste vom Prozessauftakt: 

  • Ferdinand F. (63) will sich an die Tat nicht erinnern können und äußerte sich nicht zu den Schüssen.
  • Das Gewehr, Baujahr 1932, hat Ferdinand F. angeblich einen Monat vor der Tat beim Fischen am Waginger See gefunden. 
  • Richter Fuchs zweifelt an den Erinnerungslücken des Angeklagten: "Das ist doch lächerlich, was Sie uns hier erzählen." 
  • Die Beweislage ist eindeutig: Waffen, Patronen und blutverschmierte Kleidung - allesamt mit DNA von Angeklagtem und Opfern - wurden in seiner Wohnung gefunden.

Update, 15.12 Uhr - Video zeigt den Horror nach den Schüssen

Jetzt wird vor Gericht ein Video abgespielt, welches die Polizei am Tag nach der Tat in der Traunreuter Kneipe gedreht hat - ein Rundgang durch das "Hex Hex", damit sich alle Prozessbeteiligten ein besseres Bild vom Tatort machen können: verschobene Barhocker vor dem Tresen, Deko an der Wand, Spielautomaten und ein blutverschmierter Boden.

In der Blutlache am Boden sind Schuhabdrücke zu sehen. Es sind die Spuren von Ferdinand F., die Schuhe fand die Polizei nach der Tat zum Trocknen auf dem Balkon seiner Wohnung. Der ermittelnde Beamte erklärt dem Gericht, wer wo in der Kneipe gestanden sein muss. Auch hinter dem Tresen sind Blutstropfen zu sehen. Es sind bedrückende Bilder, wenn man weiß, was sich hier kurz zuvor abgespielt hat.

Die Beweislast gegen Ferdinand F. ist wahrlich erdrückend: Die Wirtin identifizierte ihn "mit tausendprozentiger Sicherheit", wie sie der Polizei sagte, am Tag danach auf einem Foto. Vor allem der Bart und die markante Brille seien der Wirtin in Erinnerung geblieben. Auf der Kleidung des Angeklagten und der Waffe befindet sich nur die DNA von Ferdinand F. und den beiden erschossenen Männern. Tatwaffe, Munition und Kleidung wurden nach der Tat in der Wohnung des Angeklagten gefunden.

Die Nachbarn von Ferdinand F. beschrieben ihn eigentlich als hilfsbereiten und freundlichen Menschen, berichtet der Polizist von seinen Vernehmungen nach der Tat.Auch der Arbeitgeber des Angeklagten habe ihn gelobt - nur wegen seiner Zuckerkrankheit sei er manchmal jähzornig geworden. Andererseits berichtet der Polizist auch von anderen Vorfällen aus Ferdinand F.s Vergangenheit: Auf offener Straße soll er in Traunreut drei Kinder geschlagen haben, auch seinen Führerschein verlor er schon für ein Jahr.

Der Prozess wird am 10. Juli um 9 Uhr vor dem Traunsteiner Landgericht fortgesetzt. Dann sollen auch die Wirtin und eine Kellnerin, die die Bluttat überlebten, als Zeuginnen aussagen.

Update, 11.35 Uhr - "Das ist doch lächerlich, was Sie uns hier erzählen"

Die Vernehmung von Ferdinand F. gestaltet sich zäh: Er spricht leise, weicht bei seinen Antworten oft aus und an die Tat selbst will er sich ohnehin nicht mehr erinnern können - nur an das Davor und das Danach. Seine Vermutung: Man habe ihm in der Kneipe K.O.-Tropfen ins Bier gemischt.

"Das ist doch lächerlich, was Sie uns hier erzählen", entfährt es Richter Erich Fuchs: "Überlegen Sie sich mal, ob Sie uns hier nicht mit der Wahrheit bedienen wollen, bevor Sie uns hier noch länger diese lächerliche Show abliefern." Nicht nur Fuchs, sondern auch Staatsanwalt und Nebenklage haben so ihre Zweifel, dass sich der Angeklagte nicht erinnern kann.

Alles spreche gegen den Angeklagten, so der Richter. Die Beweislast sei erdrückend, "und so viel Alkohol haben Sie an diesem Abend nicht getrunken, als dass Sie sich nicht mehr erinnern könnten, das wird der Sachverständige wahrscheinlich auch bestätigen", so Erich Fuchs. Nach einer kurzen Unterbrechung erklärt Ferdinand F. erneut, dass er sich nicht erinnern könne und nun keine weiteren Fragen beantworten will.

1996 kam er aus Kasachstan nach Deutschland. Dort habe er zuvor als Traktorfahrer gearbeitet, später war er in Traunreut als Bauarbeiter beschäftigt. Dem Gericht erzählt Ferdinand F., dass er das Gewehr und über 150 Patronen beim Fischen am Waginger See gefunden habe - einen Monat vor der Tat. Ferdinand F. hat einen Sohn, Enkelkinder und lebt von seiner Frau getrennt. Kontakt hat er zu niemanden mehr von ihnen. Er sprach zuvor von Einsamkeit, wenn er abends nach Hause käme.

Nun werden die ersten Zeugen vernommen: Jene Polizisten, die zuerst am Tatort waren.

UPDATE, 10.54 Uhr - Ferdinand F. erinnert sich nicht

"Er kann sich an die Tatvorwürfe nicht erinnern", so die knappe Antwort der Verteidiger auf die Frage, ob sich Ferdinand F. hier selbst äußern wird. Eine gute halbe Stunde vor der Tat soll der Angeklagte schon einmal in der Traunreuter Kneipe gewesen sein: Mit den Worten, dass gleich die Polizei kommen werde, verließ er das "Hex Hex", so die Staatsanwaltschaft.

Um 22.24 Uhr soll Ferdinand F. zurückgekehrt sein, das Magazin seines Gewehrs mit fünf Schuss vollständig geladen. "Als er noch eineinhalb Meter vom Tresen entfernt war, eröffnete er, ohne zuvor mit den Anwesenden gesprochen zu haben, das Feuer", so der Staatsanwalt. Der erste Schuss eine Fehlzündung, der zweite Schuss traf die Wirtin hinter dem Tresen. Das Kaliber verletzte ihre Hand und durchschlug ihre Schulter.

Nur eine Sekunde später der dritte Schuss: Das Projektil durchschoss die Brust des Gastes O. und traf nach dem Austreten auch noch den zweiten Gast H. direkt ins Herz. Als sich H. auf den Angeklagten zubewegte, soll er ein viertes Mal geschossen haben, so die Staatsanwaltschaft. Die beiden Männer verstarben innerhalb kürzester Zeit.

Ferdinand F. soll damit aber noch nicht fertig gewesen sein: Mit dem Gewehr soll er einer Bedienung der Wirtin vier Mal heftig auf den Kopf geschlagen haben, bis sie bewusstlos wurde. Als Ferdinand F. schließlich die Kneipe verließ, habe er auf die beiden toten Männer ebenfalls nochmal mit dem Gewehr eingeschlagen.

Was ist Ferdinand F. für ein Mensch? Er wird sich nun zumindest zu seiner Biographie äußern.

UPDATE, 9.20 Uhr - Anklageschrift verlesen

Ein eigentlich völlig unauffälliger Mann betritt das Landgericht Traunstein, begleitet von Beamten: Kurzes, graues Haar, Halbglatze, Brille, beiges Polohemd. Es ist Ferdinand F. - er soll es sein, der am 16. September 2017 zwei Menschen mit seinem Gewehr erschoss, Typ Mauser K98.

Lächelnd begrüßt er seine Anwälte. Der Mann wirkt ruhig, aber weder ängstlich, noch schüchtern. Das Medieninteresse im Landgericht ist groß, auch einige Zuschauer sind gekommen. Nicht nur seine Anwälte nehmen neben ihm Platz, sondern auch ein Dolmetscher für Russisch. Ferdinand F. kam im heutigen Kasachstan zur Welt.

Nun betritt auch der vorsitzende Richter Erich Fuchs den Gerichtssaal, alle erheben sich. Der Prozess kann beginnen, der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift - mit allen furchtbaren Details des Tatabends.

Der Vorbericht:

Am Dienstag um 9 Uhr wird der Prozess gegen einen 63-jährigen Traunreuter beginnen, der im vorigen Herbst unvermittelt zwei Kneipengäste erschossen haben soll. Die Staatsanwaltschaft erhob im Mai Anklage und teilte mit, dass der Mann die Tat bestreite. Anders sahen es dagegen die Anwälte des Mannes, die sich ebenfalls schon im Voraus gegenüber dem Traunreuter Anzeiger äußerten: "Er bestreitet es nicht, aber er hat keine detaillierte Erinnerung daran, was er gemacht hat. Er wollte nicht morden, er war zum Zeitpunkt der Tat geistig woanders."

Foto von der Festnahme des Tatverdächtigen in der Nacht von 16. auf 17. September 2017 in Traunreut. 

Insgesamt sechs Prozesstage sind am Traunsteiner Landgericht angesetzt, um den Fall endgültig zu klären: Am 10., 12., 16., 17. und 23. Juli sind die weiteren Verhandlungstage. chiemgau24.de wird aktuell vom Prozess berichten. Der Traunreuter wird sich vor dem Landgericht Traunstein wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Mordes in zwei Fällen sowie gefährlicher und schwerer Körperverletzung verantworten müssen.

Es war kurz vor 22.30 Uhr am 16. September 2017, als ein Mann in die Kneipe "Hex-Hex" am Traunreuter St.-Georgs-Platz eintrat und sofort mit einem Gewehr um sich schoss. Zwei 31-jährige Männer starben, die Wirtin und eine 28-Jährige werden schwer verletzt. Danach soll der Angeklagte noch versucht haben, mit dem Gewehr zuzuschlagen. Die Auswertung der Spuren nahm mehrere Monate in Anspruch, Mitte März übergab die Kripo der Staatsanwaltschaft mehrere Ordner mit den Ermittlungsergebnissen.

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Ermittlungen nach der Gewalttat von Traunreut gehen weiter 

Zwei Männer in Traunreut erschossen

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