Traunreuter Ferdinand F. wegen Doppelmord vor Gericht

So beschreibt die Wirtin den Horrorabend in ihrer Kneipe

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Der Angeklagte Ferdinand F. (63) aus Traunreut vor dem Traunsteiner Landgericht. 
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Traunreut/Traunstein - Zwei Kneipengäste wurden im September 2017 in Traunreut erschossen - am Dienstag steht Ferdinand F. erneut vor Gericht. Unter anderem sagten die beiden überlebenden Frauen als Zeuginnen aus.

Das wichtigste des zweiten Prozesstages

  • Nur widerwillig identifiziert die Wirtin Ferdinand F., will ihm zuerst nicht in die Augen schauen
  • Die Wirtin und eine Bedienung können sich die Tat nicht erklären
  • Auch Kneipengäste berichteten dem Gericht von einem zuvor normalen Abend
  • Das Motiv des Täters bleibt weiterhin im Dunkeln
  • Auf Sanitäter wirkte Ferdinand F. nach der Tat "zufrieden und entspannt"

Update, 15.55 Uhr: Psychisch geht es der Wirtin auch heute noch “beschissen” 

Zehn Monate ist es her, dass ein Mann direkt vor ihr in ihrer Kneipe stand und auf sie schoss: Jetzt steht die Wirtin des “Hex Hex” als wichtigste Zeugin vor Gericht. “Wie geht es Ihnen heute?”, fragt Richter Erich Fuchs zu Beginn - “schlecht”, die kurze Antwort. Sie spricht in leisen, kurzen Sätzen. Dass sie sich unwohl fühlt, merkt man ihr sofort an – verständlich.

Wirtin will Ferdinand F. nicht in die Augen schauen

Dann der Moment, den sie vermeiden wollte: Der Richter bittet die Wirtin zur Anklagebank zu schauen und Ferdinand F. zu identifizieren: “Nein, bitte nicht”, so die Wirtin. “Das wäre wichtig. Ist er es?” Widerwillig blickt die kleine Frau hinüber: “Ja.” Später ergänzt sie, sie sei sich “tausendprozentig sicher”. Er saß ihr in der Kneipe direkt gegenüber.

So erlebte die Wirtin den Abend

Wie lief dieser Abend also aus ihrer Sicht ab? “Er hat sich vorgestellt, wie er heißt, wo er her ist. Keiner kannte ihn.” Dass er eigenen Schnaps mitbrachte, Zwetschgenwasser, erlaubte ihm die Wirtin ausnahmsweise. Getrunken hat man ihn dann gemeinsam. “Er hat sich dann was von der Brotzeit abgeschnitten, hat seine zwei Bier gezahlt und ist heimgegangen. Alles ganz normal”, so die Wirtin. Nüchtern war aber auch sie an diesem Abend nicht.

Das Gericht zweifelt und fragt immer wieder nach: “Gab es nicht irgendeinen Streit? Er könnte sich doch aus irgendeinem Grund über Sie geärgert haben”, so Richter Fuchs. Ferdinand F. erzählte bei seiner Vernehmung etwas von warmem Bier. Die Wirtin bleibt dabei: “Da war nix.Der ist freiwillig gegangen. Auch wenn es zwischen den Gästen einen Streit gegeben hätte, hätte ich mich eingemischt.” Auch, dass der Angeklagte mit der Polizei gedroht habe, wisse sie nicht mehr.

“Er ist dann wieder zurück, in die Kneipe rein und hat gleich losgeschossen.Ich hab' die Hände gehoben und bin dann schon hinter der Theke gelegen. Irgendwann bin ich aufgewacht”, erzählt die Wirtin von den schrecklichen Momenten. Daumen und Zeigefinger, die von einer Kugel getroffen wurden, kann sie auch heute noch nicht richtig bewegen. Auch ihre Schulter – wo die Kugel einschlug – ist noch nicht voll beweglich. Am 1. Dezember hat sie das “Hex Hex” wiedereröffnet. Psychisch geht es ihr aber auch heute noch “beschissen”, wie sie sagt.

Das Motiv des Täters? Auch die Bedienung hat keine Ahnung

Die Hoffnungen der Prozessbeteiligten, dass die Bedienung, die nächste Zeugin, etwas über das Motiv des Täters sagen kann, zerschlagen sich aber auch. Warum er plötzlich mit der Polizei drohte, warum die Stimmung kippte, warum er mit einer Waffe zurückkam und um sich schoss – sie kann es sich nicht erklären. Richter Erich Fuchs schüttelt den Kopf: “Von ihrem Handy aus wurde an diesem Abend drei Mal der Notruf gewählt” - auch das kann sich die junge Frau nicht erklären.

Die Bedienung des “Hex Hex” hatte Glück – auf sie wurde am Abend des 16. September 2017 nicht geschossen. Der Täter versetzte ihr “nur” fünf wuchtige Schläge mit dem Gewehr gegen Kopf und Schulter, das Schlüsselbein brach. Zwei Mal musste die junge Frau operiert werden. Auch sie weiß von dem Angriff nur noch einen Schuss und ein Pfeifen im Ohr - “danach ist bei mir erst mal Sense”. Hin und wieder leidet sie heute unter Angstzuständen.

Es hätte auch noch mehr Tote geben können

Dass der Abend aus Sicht der Wirtin und der Bedienung durchaus glimpflich endete, schildert zuletzt ein Gerichtsmediziner: "Die Verletzungen der Wirtin waren zwar nicht akut, aber zweifellos lebensgefährlich. Ohne ärztliche Behandlung hätte sie es nicht überlebt", so der Gutachter. Die Wundhöhle an der Schulter maß 4,5 Zentimeter, das Projektil zertrümmerte das Schlüsselbein. 

Die Bedienung kam vier Schläge mit dem Gewehr gegen den Kopf und einen Schlag auf das Schlüsselbein ab. Die Schläge seien "mit großer Wucht und sehr intensiv" ausgeführt worden, so der Gerichtsmediziner. Als Folge wurden Blutungen im Gehirn festgestellt. Auch diese Verletzungen hätten tödlich sein können, meint der Gutachter. 

Der Prozess wird unterbrochen und am Donnerstag ab 9 Uhr fortgesetzt. chiemgau24.de wird wieder aktuell aus dem Landgericht berichten

Update, 12.45 Uhr: Ferdinand F. wirkte leicht nervös

Drei Kneipengäste hat das Gericht nun als Zeugen geladen: Sie saßen mit Ferdinand F. im “Hex Hex”, kurz bevor es zu den Todesschüssen kam. Sie alle hatten Glück, machten sich früh genug wieder auf den Weg. Doch keiner von ihnen hat nur den leisesten Hauch einer Ahnung, warum es so weit kommen konnte. 

"Alles war ganz normal, es gab keinen Streit", versichert einer der Männer. Man unterhielt sich beim Bier kurz mit Ferdinand F., keiner kannte ihn bisher. Auch die beiden später erschossenen Männer hätten in der Kneipe keinen Kontakt mit dem Angeklagten gehabt.

Kleine Auffälligkeiten beschreibt nur einer der Kneipengäste: Zum einen habe Ferdinand F. allgemein etwas nervös gewirkt, zum anderen habe er seltsam reagiert, als sich der Zeuge mit einer Umarmung von der Wirtin verabschiedete. "Ist das nicht etwas viel?", soll der Angeklagte dann gefragt haben - aber auch er beschreibt das Ganze als "normalen Abend", weiß nichts von einem Streit.

Etwas ungewöhnlich war wohl auch, dass Ferdinand F. während seines Kneipenbesuchs kurz nach Hause ging und mit selbstgebranntem Schnaps, Speck, Brot und Wurst wieder kam – er bot es den Gästen und dem Personal an, aber auch das soll laut einem Zeugen zu keinen Problemen geführt haben.

Doch irgendwann muss die Stimmung “gekippt” sein – so zumindest der Wortlaut der schwer verletzten Wirtin laut den Sanitätern, die heute Morgen als Zeugen aussagten. Nur wie es dazu kam, das kann sich noch immer niemand erklären. Ob die beiden überlebenden Frauen Licht ins Dunkel bringen können? Sie werden am Nachmittag hier am Landgericht erwartet.

Update, 10.45 Uhr: Sanitäter: "Er wirkte zufrieden, entspannt und lächelte"

Der zweite Verhandlungstag im Traunsteiner Landgericht, wieder ist das Zuschauerinteresse groß. Die ersten Zeugen sind die Rettungssanitäter, die zuerst mit den Überlebenden und dann mit Ferdinand F. zu tun hatten, dem mutmaßlichen Täter. Die Sanitäter brachten ihn von der Polizei ins Wasserburger Inn-Salzach-Klinikum. Sie beschreiben einen Mann, der wohl völlig gefasst war.

„Es war irgendwie erschreckend. Im Rettungswagen wirkte er direkt zufrieden und entspannt. Er lächelte teilweise und hat gemütlich seine Breze gegessen“, so der Rettungsassistent. Auch seine Kollegin und ein Polizist, die hier als Zeugen aussagen, beschreiben den Angeklagten als „sehr freundlich“ - es sei schon direkt unheimlich gewesen, so der Polizist. Zur Tat selbst äußerte sich Ferdinand F. im Sanka nicht.

Der Rettungsassistent beschreibt auch die Bilder, als er – als einer der Ersten nach der Tat – die Kneipe betrat: „Ich mach' das seit zwölf Jahren, aber da drinnen sah es einfach wüst aus, wie in einem schlechten Film. Die Körper lagen herum, es stellte sich schnell heraus, dass es bei den beiden für uns nichts mehr zu retten gab.“ Die Sanitäter wandten sich dann an die Wirtin des „Hex Hex“.

„Bin ich schuld daran? Wie geht es den anderen? Werde ich sterben?“ - Fragen, die die Sanitäter von der Wirtin immer wieder zu hören bekamen. Angesichts ihrer schweren Verletzungen – ihre Schulter wurde durchschossen – verhielt sich die Frau wohl sehr gefasst, obwohl sie auch im Rettungswagen wohl noch einen Liter Blut verlor, wie der Notarzt hier als Zeuge berichtet.

Vorbericht

Zweiter Prozesstag gegen den Traunreuter Ferdinand F. (63): Am 16. September 2017 soll er unvermittelt in die Bar "Hex Hex" gekommen und vier Mal gezielt geschossen haben. Zwei Kneipengäste waren unmittelbar tot, die Wirtin und eine Bedienung überlebten verletzt

Am Dienstag sind die beiden Frauen, die das Blutbad überlebt haben, vor dem Traunsteiner Landgericht als Zeuginnen geladen - ein furchtbares Wiedersehen für die beiden. Bereits am ersten Prozesstag wurden vor Gericht Aufnahmen aus der Bar gezeigt, die die Polizei am Tag nach der Tat anfertige: Sie zeigten große Blutlachen, darin Schuhabdrücke - es müssen die Abdrücke von Ferdinand F. gewesen sein, ist sich die Staatsanwaltschaft sicher.

Der Angeklagte will zwar noch wissen, was er vor und nach den Schüssen gemacht hat, doch an die Tat selbst kann er sich angeblich nicht mehr erinnern. Im Laufe des ersten Prozesstages blockte er dann die Fragen des vorsitzenden Richters Erich Fuchs ab, wollte sich nicht mehr äußern. "So viel Alkohol haben Sie an diesem Abend nicht getrunken. Überlegen Sie sich mal, ob Sie uns hier nicht mit der Wahrheit bedienen wollen, bevor Sie uns hier noch länger diese lächerliche Show abliefern", so der Richter.

Die Beweislast scheint bisher eindeutig: Waffen, Patronen und die blutverschmierte Kleidung fand die Polizei in der Wohnung von Ferdinand F. Auf allen nur seine DNA und die der Opfer. 

Der Prozess wird um 9 Uhr fortgesetzt, chiemgau24.de wird aktuell aus dem Landgericht berichten. 

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