Doppelmord? Angeklagter Traunreuter spricht doch noch letzte Worte

Verteidigung meint: Ferdinand F. hat nicht gemordet

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Der Angeklagte Ferdinand F. mit einem seiner Anwälte, Michael Vogel (links).
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Traunreut/Traunstein - Zwei erschossene Kneipengäste, zwei schwer verletzte Bedienungen - Ferdinand F. will sich an nichts erinnern können und doch soll er für das Blutbad im September 2017 verantwortlich sein. Am Montag wird der Prozess vor dem Landgericht fortgesetzt.

UPDATE, 15.30 Uhr: Am Montag wird das Urteil gefällt

Das Wichtigste des letzten Verhandlungstages: 

  • Im Jahr 2011 wurde Ferdinand F. schon einmal wegen Körperverletzung verurteilt. Außerdem drohte er Kindern in Traunreut mit dem Tod. 
  • Ein Gutachter sieht den Angeklagten wegen des Alkoholkonsums und seiner langjährigen Zuckerkrankheit als "vermindert schuldfähig", doch seine Einsichtsfähigkeit sei erhalten gewesen 
  • Staatsanwalt und Nebenklage fordern lebenslängliche Haft und Unterbringung in der Psychiatrie wegen Mordes. 
  • Die Verteidigung sieht in den Taten dagegen einen Totschlag, keinen Mord. 
  • Das Urteil fällt am kommenden Montag

"Wir wissen nicht, ob er sie töten wollte. Er äußerte nichts zu seiner Motivation. Wir bleiben im Nichtwissen stecken. Keiner weiß, was ihn getrieben hat - weil er dazu nichts sagen will oder dazu nichts sagen kann", so Verteidiger Michael Vogel in seinem Plädoyer.

Die Verteidigung fordert eine Verurteilung wegen Totschlags an den beiden Kneipengästen, wegen versuchten Totschlags an der Wirtin und wegen gefährlicher Körperverletzung an der Bedienung. Eine konkrete Strafdauer fordert Vogel nicht, doch das Gericht solle unter den 15 Jahren bleiben, die eine lebenslängliche Freiheitsstrafe bedeuten würde. Aber die Anwälte von Ferdinand F. stellen auch klar: "Es gibt nichts, was so eine Tat rechtfertigen könnte - egal, was es ist."

Die Verteidigung argumentiert, dass Ferdinand F. die letzte Patrone in seinem Gewehr ungenutzt ließ. Von einem Tötungsplan könne man daher nicht sprechen. Auch Michael Vogel will seinen Mandanten in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht sehen.

Nun hat Ferdinand F. die Möglichkeit für seine letzten Worte. Er steht kurz auf, setzt sich wieder hin und schweigt. "Wollen Sie den Angehörigen nicht ein Wort sagen, warum es dazu gekommen ist? Nur Sie können es wissen", erinnert ihn der vorsitzende Richter Erich Fuchs. Dann erhebt sich Ferdinand F. doch noch einmal: "Es tut mir leid, was passiert ist. Ich verstehe es nicht."

Das Urteil fällt am Montag, den 23. Juli um 10 Uhr. chiemgau24.de wird direkt im Anschluss berichten.

UPDATE, 14 Uhr: Staatsanwalt Björn Pfeifer spricht von einem "menschenverachtenden Vernichtungswillen"

Eine lebenslange Freiheitsstrafe und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus fordert Staatsanwalt Björn Pfeifer in seinem Plädoyer für Ferdinand F. 

Er wäre dann mindestens 15 Jahre weggesperrt. Für die Staatsanwaltschaft sind die Taten in der Traunreuter Kneipe Mord aus Heimtücke und niederen Beweggründen. Auch wegen versuchtem Mord und schwerer Körperverletzung sei Ferdinand F. zu verurteilen.

"Es gibt keine andere Erklärung als einen Tötungsvorsatz", so die Staatsanwaltschaft. "Die Schüsse wurden aus kurzer Distanz in die Brust abgefeuert, die Schläge gingen direkt gegen die Schädel. Die Gäste hatten keine Reaktionsmöglichkeit, keine Ausweichmöglichkeit." Staatsanwalt Björn Pfeifer spricht von einem "menschenverachtenden Vernichtungswillen" bei Ferdinand F.

Auch wenn der Angeklagte laut Gutachter vermindert schuldfähig sei, könne das Gericht trotzdem eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängen, so der Staatsanwalt: "Nämlich dann, wenn es keine weiteren strafmildernden Umstände gibt. Ich habe es mir angeschaut und habe nichts dazu gefunden."

Das Plädoyer der Nebenkläger, die die Angehörigen vertreten, fällt ganz ähnlich aus. Anwalt Jörg Zürner fordert ebenfalls eine lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes in einem psychiatrischen Krankenhaus - und findet harte Worte: "Ferdinand F. drückte mit einem Vernichtungswillen ab. Er wollte alle vernichten. Danach geht er auch noch zum Tatort zurück und will sich anschauen, ob seine Hinrichtung den Erfolg hatte, den er wollte."

Nun wird das Plädoyer der Verteidiger von Ferdinand F. erwartet.

UPDATE, 11.35 Uhr: Gutachter: "Angeklagter sei vermindert schuldfähig"

Nun das mit Spannung erwartete Gutachten des Psychiaters: Stefan Gerl vom Inn-Salzach-Klinikum ist der Meinung, dass Ferdinand F. bei der Tat "vermindert steuerungsfähig" war. Aufgehoben war die Steuerungsfähigkeit aber nicht. Wegen seiner langjährigen Zuckerkrankheit hätte der Angeklagte Gehirnschäden. In Verbindung mit der Alkoholisierung am Tatabend - Ferdinand F. hatte 2,1 Promille - hätte das zu einer "Blutzuckerentgleisung" führen können. Der Angeklagte sei aber an Alkohol gewöhnt.

"Ein impulshaftes Agieren, ohne über die Konsequenzen nachzudenken", fasst es der Gutachter zusammen. Ein wirkliches Motiv kann aber auch er nicht ausmachen: "Vielleicht war er gekränkt, weil die Gäste seine mitgebrachte Brotzeit nicht mochten, weil ihm das Bier nicht schmeckte oder weil er von einer Frau, der Wirtin, dann hinausgeworfen wurde", so Gerl. Einen "Vergeltungsimpuls" nennt dies der vorsitzende Richter Fuchs.

Und die angebliche Erinnerungslücke des Angeklagten? Ferdinand F. will sich an die Schüsse schließlich nicht erinnern können. Der Gutachter nimmt sie ihm nicht ab, er glaubt eher, dass Ferdinand F. das Morden einfach ausklammert und für sich leugnet: "Er selbst sieht sich als braven, anständigen Menschen", seine Intelligenz sei "noch im Normalbereich".

Wegen dieser verminderten Steuerungsfähigkeit sei er außerdem vermindert schuldfähig. Dies könnte sich auf das Urteil strafmildernd auswirken, muss es aber nicht. Aber: Die Einsichtsfähigkeit sei beim Angeklagten voll erhalten gewesen. Gutachter Gerl sprach sich außerdem dafür aus, den Angeklagten nach einer Verurteilung nicht in ein gewöhnliches Gefängnis zu sperren, sondern in ein psychiatrisches Krankenhaus: "Eine Wiederholungsgefahr steht im Raum", so Gerl.

Nun die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung. Welche Strafe werden sie fordern?

UPDATE, 10.30 Uhr: Plötzlich steht der Angeklagte auf und protestiert

Der vierte Verhandlungstag gegen Ferdinand F. vor dem Landgericht - nun spricht Richter Erich Fuchs seine Vorstrafe an. 2011 wurde der Angeklagte bereits wegen dreifacher Körperverletzung und Bedrohung verurteilt, erhielt dafür eine Geldstrafe.

Nachdem er Kinder am St.-Georgs-Platz in Traunreut mit dem Rad gegen die Fahrtrichtung fahren sah, drehte er wohl durch. Er suchte die Auseinandersetzung mit den Eltern, schlug die Väter und drohte ihnen mit einem Messer, dass er dabei hatte. Damit nicht genug: Auch den Kindern, damals 14 Jahre alt, drohte er mit Hilfe von Freunden mit dem Tod.

Plötzlich steht Ferdinand F. auf: "Das war ganz anders. Außerdem sind die Kinder doch falsch herum auf der Straße gefahren." Seit dem Prozessauftakt hat er sich hier nicht mehr geäußert, keinen Ton - doch nun fühlt sich der Angeklagte wohl wieder ungerecht behandelt.

Als nächstes wird der psychiatrische Gutachter aussagen, der sich mit Ferdinand F. im Inn-Salzach-Klinikum unterhielt und der ihn untersuchte. Seine Aussage ist für das Gericht besonders wichtig: Welche Psyche hat Ferdinand F.? Ist er insgesamt schuldfähig? War er am Tatabend noch steuerungsfähig?

Vorbericht:

Der Prozess gegen den 63-jährigen Ferdinand F. aus Traunreut neigt sich langsam dem Ende entgegen. Am Montag wird das Gericht noch den Ermittlungsrichter anhören, dann Folgen schon die Plädoyers. Welche Strafe könnte dem Angeklagten drohen? Er hat sich bisher weder entschuldigt, noch die Tat gestanden. Ein Urteil wird frühestens am Dienstag erwartet.

Angehörige und Arbeitskollegen sagten aus: Der dritte Prozesstag

Gut möglich, dass die Staatsanwaltschaft eine lebenslängliche Freiheitsstrafe für Ferdinand F. fordert. Es hieße konkret: Frühestens nach 15 Jahren könnte die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden - aber auch nur bei guter Führung und günstiger Sozialprognose. 

Wirtin, Bedienung und Kneipengäste als Zeugen: Der zweite Prozesstag

Am vorherigen Prozesstag am Donnerstag hörte das Gericht ehemalige Arbeitskollegen und Nachbarn von Ferdinand F., sowie die Angehörigen der beiden getöteten, 31-jährigen Männer. In den emotionalen Aussagen der Witwe und der Väter wurde deutlich, wie sehr sie das Auseinanderreißen der Familien belastet. Arbeitskollegen und Nachbarn konnten aus dem Alltag mit Ferdinand F. dagegen kaum etwas Negatives berichten. 

Der Prozess wird um 9 Uhr fortgesetzt. chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Traunsteiner Landgericht.

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