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Interview über Traunsteins verzwickte Corona-Situation

Wie viel Druck auf Ungeimpfte darf es sein, Herr Walch? Landrat mit klaren Positionen

Traunsteins Landrat Siegfried Walch (CSU).
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Traunsteins Landrat Siegfried Walch (CSU).
  • Xaver Eichstädter
    VonXaver Eichstädter
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Der Landkreis führt deutschlandweit bei der Inzidenz, die Impfquote ist umso niedriger: woran liegt‘s und was kann man dagegen tun? Wir haben mit Landrat Siegfried Walch (CSU) über Traunsteins verzwickte Lage in der Corona-Pandemie gesprochen - und oft deutliche Antworten bekommen.

Herr Walch, der Landkreis Traunstein ist aktuell deutschlandweiter Spitzenreiter bei der Sieben-Tage-Inzidenz. Vorigen November hatte man diesen „Titel“ auch schon einmal bayernweit. Warum sind wir da immer wieder ganz oben dabei?
Walch: Wir haben immer dann hohe Zahlen, wenn auch die Nachbarregionen hohe Zahlen haben. Die Grenzlage mit dem Durchreiseverkehr ist ursächlich, dass die ganze Region immer wieder mit hohen Inzidenzen belastet ist. Auch letztes Jahr war es ganz eindeutig. Das Virus macht an der Grenze keinen Halt. Als man in der österreichischen Grenzregion Inzidenzen von 800 bis 1000 hatte, war eher die Frage, wie wir es so lange schaffen konnten, dass die Zahlen bei uns nicht noch viel höher wurden.
Die Inzidenzen haben auf die Einschränkungen ja nicht mehr diesen Einfluss, das war vor allem auch eine Forderung von Ihnen. War das wirklich die richtige Entscheidung, wenn die Zahlen weiter so nach oben marschieren?
Ja, natürlich. Die Inzidenzen sind der falsche Bewertungsmaßstab. Sie spielen bei höherer Impfquote nicht mehr diese Rolle. Die Inzidenz ist nicht die Gefahr an sich, es geht auch nicht unbedingt darum, die einzelne Infektion zu vermeiden. Als es noch keine Möglichkeit zur Immunisierung gab, war die Inzidenz als Gradmesser auch in Ordnung. Die Gefahr, die wir bannen müssen, ist die Überlastung des Gesundheitssystems. Unsere Krankenhäuser müssen arbeitsfähig bleiben. Es ist also genau der richtige Weg.
Auch wenn beispielsweise der Landkreis Traunstein mit einer Impfquote von gerade mal gut 52 Prozent so hinterher ist?
Ja, auch dann. Die Impfquote bleibt der entscheidende Faktor. Wir, also die Bevölkerung, müssen eine höhere Impfquote schaffen.
Warum ist bei uns die Impfquote noch so niedrig? Nachbarlandkreise wie Altötting oder Mühldorf sind mit 60 Prozent schon deutlich weiter.
Ich kann es mir nicht wirklich erklären. Mein Eindruck ist der: Immer, wenn einige zusammenkommen und sich wilde Geschichten erzählen, wie schlimm das Impfen ist, dann verstärkt sich eine Echokammer. Das verunsichert dann immer mehr Menschen. Deutschland ist beim Impfen generell nicht so schnell und ein Nord-Süd-Gefälle gibt es ja auch. Es gibt noch immer zu wenig Bewusstsein, dass eine Impfung der einzige bislang bekannte Weg heraus aus dieser Krise ist.
In der Politik gibt es momentan viele Überlegungen, wie Druck auf Ungeimpfte ausgeübt werden kann. Welche Druckmittel sind in Ihren Augen die richtigen? Oder sollte man damit von Haus aus vorsichtig sein?
Druck auf Ungeimpfte ist falsch, das ist nicht der richtige Weg. Die Leute misstrauen dann noch mehr. Aber: Viele glauben, sie lassen sich für irgendeinen Politiker impfen. Das ist Blödsinn, sie lassen sich für ihre Kinder, für ihre Familie oder für ihre Nachbarn impfen. Es ist in Ordnung, sich gegen eine Impfung zu entscheiden. Aber dann kann ich nicht mehr verlangen, dass jemand anderes meine Corona-Tests bezahlt. Seine persönliche Freiheit zu betonen und sich gleichzeitig auf die Solidargemeinschaft verlassen, wenn es um die Finanzierung geht, das geht nicht.
Wie stehen Sie zu weitergehenden Maßnahmen, zum Beispiel, dass Ungeimpfte in einer Quarantäne keine Lohnfortzahlung bekommen sollen?
Das sehe ich kritisch, die Lohnfortzahlung sollte man nicht anfassen. Das geht sehr weit ans soziale Netz. Man sieht aber auch: Länder, die mehr Druck auf Ungeimpfte machen, haben eine höhere Impfquote. Ich bin jemand, der stark darauf pocht, die Menschen nicht unter Druck zu setzen. Ich hoffe, dass ich diese Grundüberzeugung noch lange behalten kann. Die Faktenlage wird es zeigen.
Die Intensivstationen in der Region sind ja weitgehend ausgelastet, wenn auch überwiegend nicht mit Covid-19-Patienten. Im Landkreis Traunstein sind derzeit nur sieben von 39 Intensivbetten frei. Wie schwer ist es, diese Kapazitäten im Notfall auszuweiten?
Das ist durchaus möglich und haben wir auch letztes Jahr so gemacht. Unbegrenzt möglich ist es aber nicht, weil es dann auch mehr Fachpersonal oder Beatmungsgeräte braucht. Wir haben bei uns stark aufgestellte Kliniken, auch letztes Jahr konnten wir die Situation bewerkstelligen. Aber es kann ganz schnell Spitz auf Knopf stehen.
Schaut man sich das Infektionsgeschehen im Landkreis an, stechen immer wieder viele Neuinfektionen auch in kleinen Gemeinden heraus - beispielsweise Taching oder Palling. Die dortigen Pflegeeinrichtungen sind nicht betroffen, wie erklärt sich sowas dann?
Diese Krankheit ist hochinfektiös, da muss es noch nicht mal eine Party gewesen sein. Hatte jemand zu vielen Menschen Kontakt und sein Umfeld ist nicht geimpft, dann schlägt das Virus ganz schnell zu. Wir sehen, dass fast alle schweren Krankheitsverläufe Ungeimpfte betreffen. Und wir sehen ganz deutlich: Es ist jetzt eine Pandemie der Ungeimpften.
Halten Sie einen Lockdown wie im vergangenen Winter nochmal für möglich?
Das wäre für mich nicht mehr zu rechtfertigen. Unsere Freiheitsrechte gewährt uns nicht der Staat. Wir haben sie, weil wir freie Menschen von Geburt an sind. Der Staat kann diese Rechte also nur dann einschränken, wenn es ganz triftige Gründe gibt. Es würde meinem Freiheitsverständnis widersprechen, wenn man Menschen vom öffentlichen Leben aussperrt, die praktisch immun gegen das Virus sind. Es geht ja auch ums Recht auf freie Berufsausübung. Sollte es ganz dramatisch werden, wäre es aber absolut richtig, Ungeimpften den Zugang zu bestimmten Dingen nicht mehr zu gewähren. Aber auch das müsste in der Sondersituation begründet sein.
Könnten sich die Schulen nochmal zum Infektionstreiber entwickeln?
Wenn 25 Schüler den halben Tag beieinandersitzen ist die Gefahr der Übertragung natürlich da. Aber man muss es relativieren. Durch die neuen Sicherheitsmaßnahmen ist der Weg bereitet, den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten. Wann die Maskenpflicht für die Schüler fallen kann, muss man sich anschauen. Es hängt maßgeblich auch von der Gesamtbevölkerung ab: Je mehr Menschen geimpft sind, umso weniger Maßnahmen braucht es. Diese Gleichung gilt für alle Lebensbereiche. Ich bin jedem dankbar, der sich impfen lässt. Damit leistet man einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung dieser Pandemie.
Vielen Dank für das Gespräch.

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