Verhandlung am Landgericht Traunstein wird fortgesetzt

Frau erwürgt: "Gutachten mit Neuland"

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Der Angeklagte am vierten Verhandlungstag.
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Traunstein - Weiß der Angeklagte nicht mehr was er tut, wenn er zu viel Zucker isst? Am Landgericht Traunstein hatten am vierten Verhandlungstag die Gutachter das Wort: **UPDATE**

Der Prozess wird immer kurioser. Während die Frage des Betäubungsmittels immer noch nicht geklärt ist, rückten am vierten Verhandlungstag rote Hemden in den Fokus des Gerichts. Der Staatsanwalt brachte eine Plastiktüte mit den beiden roten Hemden mit, die sich im Haushalt des Angeklagten befanden. Damit wollte der Staatsanwalt der Frage nachgehen, welche Kampfspuren die Attacke des Angeklagten auf sein Opfer verursacht hat.

Bislang wurden für den Rechtsmediziner überraschend wenige Kampfspuren gefunden, etwa Hautabschürfungen beim Angeklagten. Auch die Hemden, die der Staatsanwalt dabei hatte, schienen unbeschädigt gewesen zu sein. Fehlende Kampfspuren wurden der Vermutung Nahrung geben, dass das Opfer betäubt war, als es erwürgt wurde.

Welche Kleidung trug der Angeklagte?

Im Prozess überraschte der Angeklagte dann jedoch mit der Aussage, er habe keines der beiden Hemden am Tag der Tat getragen. Das eine Hemd habe er sicher nicht angehabt und das andere kenne er gar nicht, so der Angeklagte. Welche Kleidung er stattdessen getragen hat, konnte der Angeklagte auch nicht sagen.

Damit muss wohl Rechtsmediziner Prof. Dr. Matthias Graw das Rätsel lösen, ob der Angeklagte sein Opfer betäubt hat, bevor er es tötete. Immerhin könnte es sich bei der Tat dann um Mord handeln, die Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe wäre möglich.

Das Zentrum für Pharmaforschung an der LMU in München hat in den letzten Tagen versucht, aus den Anhaftungen in der Originalampulle des Betäubungsmittels eine für die Analyse ausreichend reine Substanz zu gewinnen - zunächst ohne Erfolg. Wie Graw heute vor Gericht erklärte, sei er jedoch gestern per Email benachrichtigt worden, dass nun eine ausreichend reine Substanz gewonnen werden konnte. Schon am kommenden Verhandlungstag, am Freitag, 28. März, will Graw seine Ergebnisse präsentieren.

Studie aus dem Ersten Weltkrieg

Mit Hilfe der Reinsubstanz kann Graw nachweisen, ob das Herz des Opfers noch geschlagen hat, als das Mittel verabreicht wurde. Rein theoretisch hatte aber auch nach der Würgeattacke ein Nachklopfen des Herzens das Betäubungsmittel im Körper des eigentlich schon toten Opfers verteilen können.

Graw nannte seine Arbeit ein "Gutachten mit Neuland". Der Experte muss sogar auf eine Studie aus dem Ersten Weltkrieg zurückgreifen, wonach bei Erhängten ein bis zu 20-minütiges Nachklopfen festgestellt worden war.

Mit den Ausführungen des Experten war der vierte Verhandlungstag beendet. Letzten Endes könnte nun alles ganz schnell gehen. Am kommenden Verhandlungstag soll der Rechtsmediziner abschließend gehört werden, anschließend könnten schon die Plädoyers gehalten werden. Auch ein Urteil könnte dann schon fallen.

Vorbericht

Am Landgericht Traunstein wird am Dienstagvormittag, 18. März, der Prozess gegen einen 53-Jährigen aus Neumarkt-St. Veit fortgesetzt, der seine Frau erwürgt und sich an der Leiche vergangen haben soll. Bereits am ersten Verhandlungstag hatte der Angeklagte die Tat gestanden, teilweise unter Tränen schilderte er die traurigen und erschütternden Details. Nur wenige Fragen blieben offen. Diese beschäftigen das Gericht nun aber noch immer, der Prozessausgang scheint völlig offen.

Verursachte ein Granatsplitter Spasmen im Kopf?

Der Angeklagte am dritten Verhandlungstag.

Eine Behauptung des Angeklagten steht seit Prozessbeginn im Raum: Angeblich verträgt der 53-Jährige keine Fruktose. Er habe Spasmen im Kopf, wenn er Zucker bekomme, erklärte der Angeklagte am letzten Verhandlungstag. Grund dafür sei eine Epilepsie, die ihn plage, seitdem er seinen Alkoholkonsum reduziert habe. "Da habe ich kein Steuerungsvermögen", erzählte der 53-Jährige. Seine Nase fange dann an zu kribbeln und er habe ein Stechen im Kopf.

Ob an den Schilderungen des Angeklagten etwas dran ist, sollte eine stationäre Untersuchung klären. Der 53-Jährige hat sich vor Gericht grundsätzlich dazu bereiterklärt. Sollte sich in der Verhandlung am Dienstag herausstellen, dass ihn übermäßiger Zuckerkonsum tatsächlich in seinem Steuerungsvermögen beeinträchtigt, stellt sich die Frage, weshalb der 53-Jährige am Tag der Tat einen sogenannten Granatsplitter, also eine Süßigkeit, gegessen hat.

Rätsel um Betäubungsmittel weiter nicht geklärt

Auch das Rätsel um das Betäubungsmittel beschäftigt das Gericht noch immer. So steht fest, dass der Angeklagte dem Opfer ein Betäubungsmittel eingeflößt hat, das in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Dem Angeklagten zufolge stammte die Substanz aus einer Hausauflösung. Wie der 53-Jährige vor Gericht angab, sei seine Frau bereits tot gewesen, als er ihr das Mittel verabreichte. Warum er ihr dann überhaupt ein Narkotikum in den Mund gegossen hatte, könnte der Angeklagte allerdings nicht erklären. Sollte sich herausstellen, dass die Frau noch lebte, als ihr das Mittel verabreicht wurde - sie also erst danach gewürgt wurde - ist die Aussage des Angeklagten, er habe seine Frau im Streit erwürgt, nicht mehr plausibel.

Weil das Betäubungsmittel allerdings weltweit offenbar nur noch in Kanada erhältlich ist (und auch dort erst auf Bestellung hergestellt werden müsste), konnte Rechtsmediziner Prof. Dr. Matthias Graw aus München bislang nicht ermitteln, ob die Frau schon tot war, als ihr das Mittel verabreicht wurde. Dafür braucht der Experte die Reinsubstanz. Nun hat Graw versucht, aus den Anhaftungen der Reste des Mittels in der Flasche des Angeklagten die für die Untersuchung erforderliche Reinsubstanz zu gewinnen. Schon am Dienstag könnte Graw also seine Erkenntnisse präsentieren und das Rätsel lösen, ob die Frau noch gelebt hat, als ihr die Substanz in den Mund gegossen wurde.

Zwischenfazit des Verteidigers

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